Magier auf dem Rasen

von Alessandro Del Piero

Das neue Italien (Ausgabe III/2016)


Das Land, das vom Fußball spricht, das vom ihm träumt und von ihm lebt: Das ist Italien. Sei es in Mailand, Rom oder Neapel, Fußball ist das, was vor allem Väter und Söhne verbindet. Es geht dabei nicht einfach nur um Sport, sondern um etwas, das die Italiener bewegt. Fußball hat hierzulande eine beinahe magische Aura. Kein Wunder also, dass ich mich persönlich gekränkt fühle, wenn jemand diese Magie anzweifelt.

In den letzten Jahren haben Kommentatoren dem italienischen Fußball eine akute Krise bescheinigt. Die Serie A könne nicht mehr mit der deutschen Bundesliga oder der spanischen Primera División mithalten und auch die Squadra Azzura ließe die wirklich großen Talente vermissen. All das mag stimmen. Die goldenen Fußballjahre Italiens liegen sicher eine Weile zurück und das Prestige aus den 1980er- und 1990er-Jahren ist abgeflacht. Trotzdem wäre es zu kurz gegriffen, den italienischen Fußball abzuschreiben.

Italienische Vereine haben in den letzten zwei Jahren trotz der vermeintlichen fußballerischen Rezession ordentlich in den europäischen Wettbewerben mitgemischt. In der Saison 2014/2015 standen der SSC Neapel und der AC Florenz im Halbfinale der Europa League, Juventus Turin schaffte es sogar bis ins Finale der Champions League und schied erst gegen eine der stärksten Mannschaften des Kontinents, den FC Barcelona, aus. Auch in diesem Jahr stand Juventus wieder im Halbfinale und hätte mit einem Quäntchen Glück sogar den FC Bayern aus dem Wettbewerb werfen können.

Dass oft von einer Krise gesprochen wird, hängt wohl auch damit zusammen, dass die italienische Fußballkultur sich stark von der abhebt, die zuletzt im restlichen Europa praktiziert wurde. Statt kompromisslosem Angriff, Ballbesitzfußball und Technik ist es vor allem die taktische und extrem defensive Schulung, die den italienischen Fußball ausmacht. Wer hat nicht schon mal vom berühmten Spielsystem des „Catenaccio“, des „Türriegels“, gehört? Trotz alledem schoss Gonzalo Higuaín für den SSC Neapel in der vergangenen Saison 36 Tore, trotz alledem spielten Jungstars wie Paul Pogba in der Serie A im letzten Jahr nicht nur defensiv, sondern auch offensiv wieder auf Weltklasseniveau.

Die wirklich dringlichen Probleme der italienischen Liga sind strukturell bedingt. Viele Vereine haben in den letzten Jahrzehnten schlecht gewirtschaftet, was die Vormachtstellung der großen Teams wie Juventus Turin weiter zementiert und die Serie A noch berechenbarer gemacht hat. Ein Leicester, also einen Überraschungsmeister wie dieses Jahr in England, wird es in Italien wohl kaum geben. Doch es gibt auch Gegenbeispiele, die Hoffnung machen: Der US Sassuolo Calcio gehört dazu – ein Team, das sich innerhalb der letzten zehn Jahre durch gutes Management von der dritten bis in erste Liga hochgekämpft hat und nun im oberen Tabellendrittel mitspielt. Auch, weil man dort endlich wieder auf junge italienische Talente statt auf teure Stars aus dem Ausland setzt.

Aus dem Italienischen von Mirjam Bitter



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