Auf in die Pampa

von Laureano Barrera

Das neue Italien (Ausgabe III/2016)


Im Walters Art Museum in Der Fußballstar Lionel Messi und der argentinische Präsident Mauricio Macri haben – neben ihrem Heimatland – eine Gemeinsamkeit: italienische Vorfahren. Zwanzig Millionen weitere Argentinier haben ebenfalls italienische Wurzeln. Auch der 35-jährige Giacomo Di Matteo kam 1950 an den Río de la Plata. Als junger Mann kämpfte er mit fünf seiner Brüder in Benito Mussolinis Armee. Er war in Italien, aber auch in Afrika, Deutschland und Frankreich stationiert. Weil er noch sehr jung war, musste Di Matteo nie an der Front kämpfen. Er war Koch und spielte in der Regimentskapelle. Als sein Vater fiel, schickte die Mutter ihn zusammen mit seinem Bruder nach Amerika, die beiden sollten dort ihr Glück versuchen.

„Eine entfernte Verwandte von uns war schon in den USA, sie rief an und es konnte losgehen“, erzählt Di Matteo in seinem antiquierten Cocoliche-Dialekt, der typisch ist für die italienischen Einwanderer in Argentinien. Gisella, seine Enkelin, die immer wieder für den Großvater dolmetscht, fügt hinzu: „Er war im Frachtraum des Schiffs untergebracht. Als er das Schiffshorn hörte, dachte er, er wäre in den USA angekommen, aber da war er erst in Argentinien“, erklärt sie. Die Frage, warum Di Matteo in 66 Jahren nicht richtig Spanisch gelernt hat, verletzt ihn. 1916 wurde er in dem Dorf Orria in der Provinz Salerno geboren. Heute, kurz nach seinem hundertsten Geburtstag, geht der kleine Mann mit den wasserblauen Augen am Stock durch den Innenhof seines Hauses. Es steht in Berisso, der sogenannten Hauptstadt der Auswanderer, in der Provinz Buenos Aires.

Die Italiener kamen aus verschiedenen Gründen nach Argentinien: Der Bürgerkrieg, der 1820 in Neapel begann, der heftige Bevölkerungszuwachs und die nachfolgende Armut führten ab 1880 zur ersten Migrationswelle aus Italien. Die zweite folgte zu Beginn des 20. Jahrhunderts; die Menschen flohen vor dem Ersten Weltkrieg, der sich allmählich ankündigte. Diese Entwicklung vertiefte die Verbindungen zwischen Argentinien und Italien, die bereits durch die ersten Einwanderer geknüpft worden waren: Viele hatten einen Freund oder Verwandten in der argentinischen Pampa. Die letzten größeren Flüchtlingswellen aus Italien kamen schließlich nach den beiden Weltkriegen an. Wie auch Di Matteo flohen die Menschen vor Gewalt und Elend.

„Il lavoro“, die Arbeit, ist für Giacomo heilig, denn: Um sich in der Gesellschaft hochzuarbeiten, muss man fleißig sein, ist er überzeugt. Als Junge stand er um vier Uhr morgens auf, um das Stück Land seiner Familie in den Bergen Salernos zu beackern. In Argentinien arbeitete er dann als Maurer. Seine Enkelin erzählt: „Di Matteo hat mit seiner Truppe etwa sechzig Häuser im Viertel gebaut.“ Seit seiner Ankunft in Argentinien verbrachte er aber jedes Jahr auch sechs Monate in seinem Heimatdorf in Italien. Dort arbeitete er bis 1992 ebenfalls als Maurer.

Viele Jahre pflegte die Familie Di Matteo die italienische Tradition, sonntags gemeinsam mit der Großfamilie zu Mittag zu essen. „Die sieben Brüder meiner Großmutter kamen immer mit ihren Kindern und Enkelkindern. Ich sehe den langen Tisch mit etwa sechzig Leuten buchstäblich vor mir, wie er hier im Hof stand.“ Zur Pasta, die Giacomo mit seiner Frau servierte, kamen nach und nach das argentinische Barbecue, Asado, und „alles, was man hier so isst“ hinzu.

Nach der Zahlen des italienischen Innenministeriums von 2012 sind von den drei Millionen Italienern, die nach Argentinien gingen, heute nur noch 691.481 übrig. „Die italienischen Staatsbürger werden nur deshalb weniger, weil keine neuen Migr­anten nachkommen“, erklärt María Zerbino vom Dachverband italienischer Vereine La Plata (FAILAP), der die vierzig italienischen Einzelorganisationen in der Provinz Buenos Aires unter sich vereint. Sie glaubt aber nicht an eine Gefährdung des italienischen Erbes: „Vielleicht ist nach dem Krieg der Stolz der Italiener etwas verloren gegangen, aber in den 1990er-Jahren, als Italien wirtschaftlich weltweit an fünfter Stelle stand, wollten alle ihren italienischen Pass.“ Der Grund, warum Giacomo nie Mitglied eines italienischen Vereins wurde, ist sicherlich nicht fehlender Nationalstolz, er hatte schlicht keine Zeit: „Ich bin ja immer von zu Hause direkt zur Arbeit und von der Arbeit wieder nach Hause gegangen.“

Aus dem Spanischen von Christiane Quandt



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