„Als Kelte ist man unglaublich gehemmt“

A. L. Kennedy

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Was halten Sie von dem Label „schottische Schriftstellerin”, das gerne für Sie verwendet wird?
Wenn ich als Kind in einen Buchladen in Schottland ging, gab es dort immer ein klitzekleines eingestaubtes Regal, über dem stand: „Schottische Autoren”. Das waren Leute, die Kochbücher über Haferflocken oder historische Romane über Hering geschrieben hatten – Mist, den keiner kaufen wollte, noch nicht einmal die Schotten. In den 1980er-Jahren waren auf einmal viele schottische Autoren sehr erfolgreich und dadurch wurde es möglich, ein „schottischer Schriftsteller“ zu sein in der Art, wie ein irischer Schriftsteller ein „irischer Schriftsteller“ ist, das heißt, ein bestimmter Typ von Schriftsteller. 
 
Wie werden schottische Schriftsteller im Rest Großbritanniens wahrgenommen?
Die englische Presse verhält sich schottischen Autoren gegenüber oft seltsam, als ob wir von einem anderen Stern kämen. Sie tun immer sehr überrascht, dass wir überhaupt schreiben können oder über etwas anderes als Haggis …
 
… das schottische Nationalgericht aus Schafsmagen.
Wenn man aus Schottland kommt, ist man für Engländer sehr anders und sie stecken einen in die Schublade „schottische Schriftsteller”. Aber immerhin darf man Schotte sein. Wenn man ein englischer Schriftsteller ist und nicht in London lebt, hat man es viel schwerer. Wenn Sie aus Yorkshire oder Liverpool sind, begreift man das nicht. Das ist schon eine sehr beschränkte Vorstellung von Literatur.
 
Liegt es daran, dass die meisten Verleger in London sitzen?
Im Grunde ja. Wenn sie dich nur selten treffen, sind sie sehr verwirrt von dir.
 
Was ist Ihrer Meinung nach der Unterschied zwischen schottischer und englischer Literatur?
Natürlich ist das eine große Verallgemeinerung, aber die englische Literatur ist ziemlich akademisch und trocken. Die schottische Tradition ist viel europäischer: Das Interesse an Kurzgeschichten, Lesungen und der Musikalität von Texten ist stärker ausgeprägt. Und es gibt das keltische Erbe. Als Kelte ist man entweder unglaublich gehemmt oder jagt nackt, nur mit Gänsefett eingeschmiert, wie ein Berserker durch die Wildnis. Es gibt ein Nebeneinander von Dunkelheit und Spaß. Diese verschiedenen Stränge in der schottischen Literatur sind für viele Kritiker und Leser in England schwer zu verstehen. In der englischen Schule hält man die Dinge eher auseinander. 
 
Gibt es auch eine walisische Literatur?
Eigenlich nicht. Ich glaube, es liegt daran, dass die Waliser seit Dylan Thomas keinen bedeutenden Schriftsteller mehr hatten. Es ist ein Albtraum, ein walisischer Schriftsteller zu sein. Wales ist ein ziemlich kleines Land. Die Autoren befinden sich dort momentan in einer schwierigen Situation, vergleichbar mit der der schottischen Literatur der 1960er- und 70er-Jahre. Teilweise liegt das daran, dass Wales mit dem Walisischen eine verhältnismäßig starke zweite Sprache hat. Die Frage, die sich walisische Autoren immer stellen, ist, ob sie ihre Identität durch diese Sprache ausdrücken, die lange unterdrückt wurde und der gegenüber sie eine Verpflichtung fühlen zu schreiben. Wenn ja, dann kann es aber kaum ein Mensch lesen. Oder sie schreiben einfach auf Englisch. 
 
Hat die Eigenständigkeit von Schottland oder Wales heute Auswirkungen auf England und Großbritannien als Ganzes?
Großbritannien hat sich sehr verändert und ist dabei, sich neu zu definieren. Nachdem so gut wie alle Kolonien verloren sind und Nordirland und Schottland sich auch irgendwie davonmachen, kommen die Engländer an einen Punkt, an dem sie nur englisch sind. Sie müssen jetzt herausfinden, was das bedeutet. Im Moment experimentieren sie ein bisschen mit dem Neonazismus, was langweilig und gefährlich ist. In anderer Hinsicht ist die englische Experimentierfreude auch wundervoll, weil wir durch die puritanische Revolution so viele Dinge verloren haben: volkstümliche Kultur, Musik, Essen und Sachen, an denen die Menschen Freude haben. Im Zweiten Weltkrieg wurde dann auch noch alles zentralisiert, damit die Leute genug zu essen hatten. Damals haben wir beispielsweise all unsere Käsesorten verloren. Heute bekommen wir unseren Käse zurück. Die Menschen rufen sich wieder in Erinnerung, was es heißt, englisch zu sein, ohne dass es etwas damit zu tun hat, andere Länder zu besetzen und ihnen schlechtes Essen aufzuzwingen. Britisch sein, bedeutet heute immer weniger. Diese Entwicklung könnte sehr schön sein aber momentan ist sie es nicht.
 
Woran liegt das?
Wir haben so schreckliche Politiker. Es gibt niemanden, den man wählen kann, eine tiefe Rezession und mehrere Kriege im Ausland. Leider haben wir dazu noch ein Erinnerungsvermögen von knapp drei Minuten. 
 
Ihr Blick auf Großbritannien ist sehr kritisch. Von außen betrachtet scheint aber zumindest die britische Literaturszene fähig und erfolgreich zu sein.
Die Studenten, die ich heute sehe, sind schlechter als vor zehn Jahren. Und wenn ich sie mit irischen Schriftstellern im selben Alter vergleiche, sind sie noch schlechter. Wir haben uns damals mit der Idee von Reagan und Thatcher einverstanden erklärt, dass das Wichtigste in der Welt Geld ist. Wenn das Ziel von Bildung ist, Geld zu machen anstatt die Menschen zu lehren, dann ändert sich eine Gesellschaft sehr schnell. Das Hauptziel der Verlagsindustrie ist es eben auch, Geld zu machen. Den Ton geben jetzt die großen Buchladenketten an, die sehr hohe Preisnachlässe verlangen können, weil wir die Buchpreisbindung abgeschafft haben. Deswegen werden weniger anspruchsvolle Bücher und Poesie verlegt. Es ist heute schwer, neue, gute Autoren und Bücher zu finden.
 
Außenstehende verklären Großbritannien Ihrer Meinung nach also oft?
Ja, aber es wird noch einmal zehn Jahre dauern, bis die Katastrophe eintritt. Interessanter- und schönerweise warten die britischen Leser nicht darauf. Selbst kleine Dörfer richten heute Literaturfestivals oder Lesezirkel aus. Wenn ich wollte, könnte ich jedes Wochenende zu irgendeinem Festival oder Schriftstellertreffen fahren. Und dort trifft man Menschen, denen sehr viel an Büchern liegt und die vernünftig mit Literatur umgehen. Man müsste diese Ener-gie irgendwie organisieren und Druck aufbauen, um beispielsweise die Buchpreisbindung wiedereinzuführen oder einfach die Interessen dieser Menschen zu vertreten. 


Durch Alan Bennetts Buch „Die souveräne Leserin“ ist auch die Queen als Lesenärrin bekannt geworden. Ihrer Einladung zur Garden Party sind Sie aber nicht gefolgt?
Zu dieser Party konnte ich nicht gehen. Ich lehne die ganze Sache einfach ab. Die Queen hat so viel Geld und so viel Macht. Ich bin mir sicher, dass sie persönlich sehr nett ist. Aber die Royals sind auch ungemein teuer. Wenn sie wie das dänische Königshaus wären und die ganze Sache entspannt angingen, dann würden sie uns weniger teuer zu stehen kommen und trotzdem immer noch niedlich sein. 
 
Sollte man die Monarchie in Großbritannien Ihrer Meinung nach also abschaffen?
Nein, ich würde sie machen lassen, aber sie sollten einfach vernünftig mit den Dingen umgehen. Das basiert doch alles auf der Idee, dass die Royals von Gottes Gnaden und damit zu Höherem bestimmt sind. Aber niemand hat das je überprüft. Das ist doch verrückt! Und weil sie das Oberhaupt der anglikanischen Kirche sind, kann auch niemand von ihnen konvertieren. Keiner der Royals kann sagen, dass er lieber Katholik, Jude, Muslim oder Buddhist wäre. Wäre es nicht wunderbar, wenn wir eine buddhistische königliche Familie hätten?


Eine perfekte Vorlage für Ihre Comedy, oder?
Ich mache tatsächlich Comedy über die Queen. Als die erste Panik wegen der Schweinegrippe ausbrach – dieses imaginäre Etwas, das die Menschen dazu bringen soll, ganz viel Geld für Impfungen auszugeben – dachte ich Folgendes: Die Queen reist ja sehr viel und berührt dabei jeden. Aber im Gegensatz zu ihr tragen wir alle keine Handschuhe. Also im Grunde ist sie ein einziger großer Krankheitsüberträger. Ich schlug vor, dass jeden Morgen eine zeremonielle Waschung der Queen stattfinden müsse. Ich stelle mir vor, dass die Bürger diese Aufgabe abwechselnd übernehmen. Wir nehmen einen besonderen Schrubber und dann waschen wir alle die Queen. Erst Wachablösung, dann Waschung. Sie ist natürlich eine ältere nackte Frau, was für manche befremdlich sein könnte, aber ich denke, es wäre eine sehr demokratische und gute Sache. Und ich bekam viele positive Antworten.

Das Interview führte Rosa Gosch



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