„Zeitzeugen auf der Bühne“

ein Gespräch mit Pietro Floridia

Das neue Italien (Ausgabe III/2016)


Ihr letztes Theaterstück basierte auf Interviews, die Sie in mehreren Vierteln Bolognas geführt haben. Worüber sprachen Sie mit den Menschen?

Im Mittelpunkt standen die Beziehungen alter und neuer Bewohner zu ihrem Wohnort. Einige haben ihr ganzes Leben dort verbracht, andere sind gerade erst angekommen. Ein Teil dieser neuen Immigranten sind auch Geflüchtete.  

Welche Veränderungen spürt man in der Stadt?

In Bologna hat es schon immer starke Migrationsbewegungen gegeben. Momentan kommen die Geflüchteten hinzu, für sie werden hier Auffangzentren errichtet. Darüber hinaus ist Bologna im Vergleich zu früher sehr viel touristischer geworden. Menschen aus aller Welt kommen hierher. Das hat die Stadt sehr geöffnet, sie ist ist nicht mehr so provinziell. Auch die Wirtschaft ist internationaler ausgerichtet als zuvor.

Sind diese Veränderungen ein italienweites Phänomen oder eher auf einzelne Orte beschränkt?

Alle Regionen Italiens erfahren starke Zuwanderung. Ein Großteil der Geflüchteten wird allerdings in Sizilien aufgenommen, das macht es den Sizilianern schwer, die Situation zu bewältigen. Die Regionen im Norden Italiens wie Venetien und die Lombardei pochen darauf, so wenige Flüchtlinge wie möglich aufzunehmen. Bologna und andere Städte der Emilia Romagna allerdings wollen nicht nur im Notfall reagieren, sondern einen nachhaltigen Umgang mit der Flüchtlingssituation fördern.

Was erzählten Ihnen die Leute in den Gesprächen?

Hausräumungen sind ein wichtiges Thema in Bologna. Schon in den 1960er-Jahren wurden ganze Wohnblöcke mit Sozialwohnungen geleert. Es sollten neue Aufzüge in die Häuser eingebaut werden, um die Wohnqualität zu verbessern. Im Endeffekt wurden die Mieten erhöht und die Bewohner mussten ausziehen. Das wiederholt sich heute. Ein Mann aus Marokko, mit dem ich sprach, lebte mit seiner achtjährigen Tochter in einem besetzten Haus. Er berichtete von der Räumung des Gebäudes und davon, wie über einhundert Menschen ihren Wohnplatz verloren.

Wie setzen Sie Ihre Interviews für das Theater um?

Die Geschichten werden nicht auf konventionellen Theaterbühnen umgesetzt. Wir transformieren die Orte des Geschehens zu einer Bühne: Unsere Spielorte sind besetze Häuser, Flüchtlingsheime oder die Straße. Wir rufen die Anwohner als Erzähler und Zeitzeugen auf die Bühne, und manchmal werden sie dann selbst zu Schauspielern.

Wie wählen Sie die Personen aus, die Ihre Geschichten erzählen?

Wir wollen möglichst viele Perspektiven auf ein Stadtviertel einfangen. Wir sprechen über zentrale Themen oder ganz konkrete Orte, wie zum Beispiel einen Marktplatz. Dort sprechen wir dann Verkäufer an, Polizisten, die dort Streife laufen, und auch die Drogendealer, die dort unterwegs sind.

An welches Publikum richtet sich Ihr Theater?

Es sollte möglichst heterogen sein: Wir möchten alteingesessene Bewohnern der Stadtviertel, Migranten und deren zweite Generation erreichen. Unsere Inszenierungen sollen auch eher kultur- oder bildungsfernen Menschen zugänglich sein, die sonst keinen Kontakt zum Theater haben. Deswegen gehen wir an ihre Wohnorte. Aber natürlich besuchen auch Bildungsbürger und Kulturmenschen unsere Projekte.

Glauben Sie, dass die Theaterstücke eine Debatte anstoßen oder gar zu einem anderen Bewusstsein führen werden?

Unsere Theaterworkshops finden an besonderen Orten wie Moscheen oder Bibliotheken statt. So möchten wir Einfluss auf soziale und kulturelle Strukturen nehmen. In zwei bis drei Jahren wollen wir gemischte, aber feste Amateurtheatergruppen etablieren, die dort Theater machen, wo die Menschen leben. Wir hoffen, dass sie mit ihren Problemen durch diese Theaterarbeiten von der Öffentlichkeit und der Politik wahrgenommen werden. Ich wünsche mir, dass dieser Informationsaustausch auch langfristig einen Effekt auf die Gesellschaft hat.

Das Interview führte Erik Blasor
Dolmetscher: Stefano Sciulli

 



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