Frischer Wind

von Roberto Curti

Das neue Italien (Ausgabe III/2016)


Beim italienischen Oscar, dem David di Donatello, gab es 2016 zwei große Gewinner: „Lo chiamavano Jeeg Robot“ („Sie nannten ihn Jeeg Robot“) von Gabriele Mainetti und „Il racconto dei racconti – Tale of Tales“ von Matteo Garrone. Intelligent erzählt Mainetti die Geschichte eines unfreiwilligen Superhelden (Claudio Santamaria), der unter Zuhältern und Drogendealern im heruntergekommenen römischen Viertel Tor Bella Monaca lebt. Anstatt mit seinen neuen Kräften anderen Menschen zu helfen, leert er zunächst einen Bankautomaten. Sein Gegenspieler (Luca Marinelli) zeigt seine Heldentaten auf YouTube und interessiert sich mehr für Ruhm als für Geld. Der Film thematisiert das Unbehagen der sozial Schwachen, die Kriminalität in den Trabantenstädten sowie die Oberflächlichkeit und den Narzissmus der jungen Generation.

Matteo Garrones „Tale of Tales“ hingegen wirkt mit seinen Ungeheuern und Zaubertricks wie eine Parodie auf Fantasyfilme. Doch Garrone hat sich von „Lo cunto de li cunti“, einer Märchensammlung des Dichters Giambattista Basile aus dem 17. Jahrhundert, inspirieren lassen. Der Film wagt sich an das Phantastische und Monströse, wie man es im italienischen Kino lange nicht mehr sah: John C. Reilly kämpft mit einem Meeresungeheuer und Salma Hayek verschlingt das Herz eines Monsters. In der Handlung versteckt der Regisseur Bezüge auf aktuelle Themen wie die Arroganz der Macht, den Schönheitswahn oder die Verführung als Akt der Macht und Besitznahme: Vincent Cassels Figur, ein auf Orgien und junge Frauen versessener König, wurde von der Kritik als Anspielung auf Berlusconi verstanden.

Zu lange haben häusliche Dramen und fade Bürgertumskomödien das italienische Kino dominiert. Die beiden Filme zeigen, dass hochwertige Produktionen in Italien noch möglich sind.

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki



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