Feuer vor Lampedusa

von Jenny Friedrich-Freksa

Das neue Italien (Ausgabe III/2016)


Der Film beginnt ganz still: Ein Junge streift über seine Insel, er beobachtet Vögel, trifft einen Freund, er wächst einfach auf. Der Junge heißt Samuele, die Insel Lampedusa – und der Regisseur Gianfranco Rosi hat einen Dokumentarfilm über die beiden gedreht. Es ist ein Film über die Normalität im Angesicht der Katastrophe und erzählt, wie das Leben der Inselbewohner mit dem der Bootsflüchtlinge zusammenfällt.  Samueles Augenarzt untersucht nicht nur das träge Auge des Jungen, sondern auch die geretteten Kranken und die schwangeren Frauen aus den Booten. An sie kann er sich nicht gewöhnen, sagt der Arzt, und auch nicht an die toten Kinder. Viele von ihnen haben Verbrennungen, weil im Rumpf der Boote, wo die Ärmsten reisen, häufig Treibstoff ausläuft und die Haut verätzt. Als Zuschauer erfährt man Details, die man lieber nicht gewusst hätte. Wir fahren mit der Seenotrettung aufs Meer hinaus und sehen die Toten, jene Menschen, die es nicht geschafft haben. Doch immer wieder kehren wir auch in Samuels Jungenleben zurück, wir sind dabei, als er zuerst einen Vogel im Dunkeln jagt, um später mit dem verängstigten Tier zu sprechen.

In der Gegenüberstellung von Kindesalltag und Flüchtlingsrealität entwickelt Rosis Dokumentarfilm einen seltsamen Sog. Bei aller Härte, mit der die Wirklichkeit auf die Leinwand kommt, ist es doch ein Film voller Poesie. Und Rosi schafft etwas Außergewöhnliches: Er gibt der Insel Lampedusa, deren Name zum Synonym von Leid und Überforderung geworden ist, ihr Eigenleben zurück. Es ist eben auch eine Insel von kleinen Jungen, die Fischer als Väter haben und dennoch seekrank werden. Es ist ein Ort herrlicher Natur und zugleich der Vorposten Europas im Mittelmeer. „Fuocoammare – Seefeuer“ ist ein großartiger Film, dem die Auszeichnung mit dem Goldenen Bären der Berlinale hoffentlich zu vielen Zuschauern verhilft. Jeder sollte ihn sehen.
 



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