So früh wie möglich Frau

von Angela McRobbie

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


In Großbritannien ist es auffällig, dass die Wandlung vom Mädchen zur Frau – biologisch wie auch sozial – bereits im Grundschulalter beginnt. Ein Umstand, der mit einer nachhaltigen Kultivierung des Mode- und Stilbewusstseins einhergeht und von dem enormen Anwachsen einer Konsumentenkultur begleitet wird, die sich ausdrücklich auf diese noch sehr junge Zielgruppe konzentriert.

Eltern aus anderen europäischen Ländern sind wahrscheinlich erstaunt, wenn sie die breite Auswahl an Kosmetikprodukten in den Regalen britischer Kaufhäuser sehen, die speziell auf diese Altersgruppe ausgerichtet ist. Diese Produkte spiegeln die kindliche Vorliebe für Malkastenfarben und Glitter ebenso wider, wie sie das Bedürfnis wecken, sich die Nägel zu lackieren, die Lippen und Augen zu schminken, um der älteren Schwester ähnlich zu sein. Der gleiche Effekt gilt für Mode.

Eine derartige „teenage-ification“ wird hierzulande durch eine Popmusikindustrie angekurbelt, deren massenhaft maßgeschneiderte Boy- und Girlgroups dem Geschmack von Grundschülerinnen entsprechen. Der Prozess wird wiederum von einer Medienkultur aufgegriffen, die solche Trends in Zeitschriften und Fernsehsendungen konsolidiert und die traditionelle Kindheit zugunsten eines Modells ersetzt, in dem erfolgsverwöhnte Retortenbands wie „Girls Aloud“ als Richtschnur dienen.

Ein Teenager zu sein, wird längst nicht mehr als Übergangsstadium zwischen Kindheit und Erwachsenenalter empfunden. Das ist ein alter Hut für uns Soziologen. Signifikant dagegen ist die Art und Weise, in der junge Mädchen zum Gegenstand politischen Handelns werden. Sehr lang hat man in Großbritannien die Themen Teenie-Mütter, Drogenkonsum und die damit verbundene Kleinkriminalität mit jungen Mädchen assoziiert. In den letzten Jahren jedoch hat sich die negative Haltung in ihr Gegenteil verkehrt.

Anstatt Probleme hervorzuheben, konzentriert sich die Diskussion auf die Kapazitäten junger Mädchen. Inzwischen werden die herausragenden Leistungen von Schülerinnen ebenso wahrgenom-men wie die ihrer männlichen Mitschüler – eine Entwicklung, die besonders in den Jahren 1997 bis 2007 unter Tony Blair forciert wurde. Dank des Feminismus (obwohl dies selten beachtet wird) sind diese Mädchen nun auf dem Weg in ein finanziell unabhängiges Berufsleben. Das Bedürfnis, die eigene Karriere zu verfolgen und wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erreichen, gewinnt zunehmend an Gewicht. Für Mädchen im Alter zwischen 13 und 19 steht die berufliche Qualifizierung an erster Stelle.

Für sie wird der Gedanke immer selbstverständlicher, irgendwann eine Babypause einzulegen und im Anschluss wieder in die Arbeitswelt zurückzukehren. Sie arbeiten härter als ihre männlichen Kontrahenten und absolvieren die Schule mit besseren Noten. Dieses Muster findet sich über Klassenunterschiede und ethnische Herkunft hinweg. New Labour hat Unmengen an Geldern investiert, um dafür zu sorgen, dass gerade Kinder aus ärmeren Familien den wirtschaftlichen Aufstieg schaffen. Im gleichen Moment ermutigen Castingshows wie „X Factor“ oder „Fame Academy“ – insbesondere junge Mädchen mit geringer Bildung dazu, für ihre Träume zu kämpfen. Ein Umstand, der sich in einem großen Beliebtheitszuwachs von Fächern wie Theater und Musik widerspiegelt, die bislang wenig populär und erst recht nicht durch ein auffälliges Wettbewerbsdenken gekennzeichnet waren.

Diese neue Kultur der Exzellenz und der Perfektionierung trägt die Merkmale einer postfeministisch neoliberalen Strategie. Mädchen sind Teil des radikal wettbewerbsorientierten Individualisierungsprozesses geworden. Innerhalb dieses Rahmens wird jedes Versagen als selbst verschuldet wahrgenommen – sie können niemals dünn, niemals schön, niemals erfolgreich genug sein. Konsum und Selbstverwirklichung ersetzen dabei politische Partizipation.

In Großbritannien ist Feminismus zum Schmähwort geworden. Speziell junge Mädchen assoziieren Feminismus mit all dem, was sie selbst nicht sein wollen. Als Professorin hingegen stelle ich besonders bei den Studentinnen eine „heimliche“ Leidenschaft für den Feminismus fest, die sehr deutlich als Ventil für den gesellschaftlichen Druck dient. Auch wenn diese Meinung allgemein nicht gern gehört wird, die Studentinnen wählen zunehmend feministische Themen für ihre Haus- und Abschlussarbeiten. Dabei wird offensichtlich, dass die im Kindesalter aufgezwungene kommerzialisierte Weiblichkeit ihren Preis fordert. Mit Blick auf die exzessive Ausgehkultur sollte man sich mit der Idee vertraut machen, dass auch Komasaufen und Drogenkonsum Sinn ergeben - als Ausdruck einer unaussprechlichen Wut.

Aus dem Englischen von Angela Dreßler



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