Die Schamschwelle sinkt

von Marianne Kneuer

Das neue Italien (Ausgabe III/2016)


Erst Anfang April attestierte Thomas de Maizière der deutschen Öffentlichkeit eine „Verrohung der Sprache“: Mit Politikern würde immer schamfreier umgegangen, Diskussionen über brisante Themen wie die Flüchtlingskrise seien immer öfter von Intoleranz geprägt. Der Umgangston wird rauer, schien de Maizière sagen zu wollen und hatte damit nicht unrecht. Im Gegenteil: Vielleicht ging der Innenminister nicht einmal weit genug. Denn wer genauer hinschaut, der stellt fest, dass nicht nur unser Umgang mit der Sprache, sondern vielleicht sogar unsere gesamte Debattenkultur zu „verrohen“ droht.

Die Gefahr geht dabei meiner Meinung nach von vier Faktoren aus, die zum Großteil, wenn auch nicht ausschließlich, vom digitalen Wandel und der Popularität sozialer Medien angetrieben werden. Das soll nicht heißen, dass unsere Art, Diskussionen auszutragen, nur „online“ zu wünschen übrig lässt. Vielmehr wirkt unser Verhalten im digitalen Raum als Motor für die Veränderung der Debattenkultur im Allgemeinen.

Der erste Faktor ist dabei die zunehmende Emotionalisierung von Debatten. Mehr als das sachliche Argument stehen heute meist gefühlsgeleitete Bewertungen im Vordergrund. Speziell soziale Medien – vor allem Plattformen wie Facebook – laden zu emotionaler Kommunikation ein: Schon „liking“ stellt ja eine schnelle, mit wenigen Kosten oder Konsequenzen belegte Affektäußerung dar. Will man unbedingt gehört werden im virtuellen Rauschen, dann gebietet es sich, lauter zu sein – und lauter heißt: schriller. Im digitalen Raum werden provokante, extreme, einfach zugeschnittene Positionen besser wahrgenommen als komplexe Standpunkte.

Dabei scheint die Schamschwelle der Kommentatoren, und das ist der zweite Faktor, immer weiter zu sinken. Extreme Positionen gehen leichter von der Hand, Häme oder gar Hass sind längst kein Tabu mehr. Die Anonymität der Netzkommunikation und die daran geknüpfte Verantwortungslosigkeit für geteilte Inhalte kann das Empfinden dafür mindern, was akzeptabel ist. Aussagen, die für lange Zeit deutlich außerhalb unseres ethischen Konsenses lagen, sind plötzlich wieder salonfähig. Nicht zuletzt, weil Internet-Usern das Gegenüber fehlt, das korrigierend reagieren kann und dem gegenüber sie sich für das, was sie schreiben, verantwortlich fühlen müssen. Natürlich bieten auch digitale Netzwerke die Möglichkeit der direkten Reaktion, gleichwohl kommt hier ein dritter Faktor ins Spiel, der die vermeintlich größte Gefahr für die Debattenkultur birgt: die Blasenbildung. Im Alltag besteht stets die Möglichkeit, auf eine andere Position zu treffen, mit der man sich auseinandersetzen muss. In Online-Netzwerken hingegen ist es leicht, unter Gleichgesinnten zu bleiben. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich der digitale Freundeskreis aus Menschen zusammensetzt, die ähnliche Positionen einnehmen und ähnlichen Denkmustern folgen, ist groß. Es ist unwahrscheinlich, dass man sich inhaltlich-substanziellen Auseinandersetzungen stellen muss oder sich mit kontroversen Meinungen konfrontiert sieht.

Schlussendlich spielt insbesondere auch die Atomisierung unserer Kommunikation eine Rolle. Die Verbreitung von Zigtausenden Websites, Chatrooms und Blogs hat zu einer Myriade von selbstreferenziellen Teilöffentlichkeiten geführt, die oft unverbunden im virtuellen Raum schweben. Zwar gibt es dabei keine feststehenden Diskurshegemone, längst aber manifestiert sich eine geradezu unberechenbare Macht der Nutzer, in Diskurse einzugreifen, sie zu prägen und damit die politische Agenda zu bestimmen. Diese Diskursmacht ist unberechenbar in Bezug auf den Zeitpunkt des Durchsetzens, die Länge ihrer Dominanz und ihre Wirkmächtigkeit. Gleichzeitig haben sich die Orte der Auseinandersetzung vervielfältigt und die Debatten selbst immens beschleunigt. Die Feuilletons in Papierform mögen dabei noch letzte Pfeiler einer im Tagesturnus ablaufenden Reflexion darstellen, die Funktionslogik der Online-Welt aber ist Echtzeit-Interaktivität, und die schließt Innehalten und Nachdenken primär aus.

Die These zu formulieren, dass soziale Medien durch ihre Funktionslogik als Motoren einer veränderten Debattenkultur gelten können, heißt jedoch wie gesagt nicht, das Netz als isolierten Raum zu verstehen. Deshalb ist die entscheidende Frage sowohl in Hinblick auf unsere Online- als auch auf unsere Offline-Kommunikation mittlerweile die folgende: Wer hört in diesem großen Rauschen überhaupt noch etwas?



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