Die unheimlichen Unterdrücker

von Karen Naundorf

Das neue Italien (Ausgabe III/2016)


Buenos Aires im Jahr 1963: Giftiger Schnee legt sich über die Stadt. Wie viele sind schon tot? Hunderte, Tausende, Millionen? Schnell merken Juan Salvo und seine Freunde, dass sie der Invasion durch die Außerirdischen nicht viel entgegenzusetzen haben. Sie fertigen Schutzanzüge an, Taucherbrillen schirmen die Augen von dem tödlichen Schnee aus einer anderen Welt ab. ?Sie stoßen auf Überlebende der Armee, schließen sich ihnen an, doch müssen sie trotz Panzern und Granaten feststellen: Die Invasoren sind mächtig und unerbittlich. Sie befehligen Heerscharen von käferartigen Wesen. Von Robotermenschen. Von Gurbos, einer Art grässlichen Riesenelefanten, deren Schritte allein Häuser zu Fall bringen. Auf der Erde werden all diese Wesen von seltsamen Gestalten mit unzähligen Fingern gelenkt, die „Hände“ genannt werden. Doch auch sie sind nur Befehlsempfänger. Hinter all dem stecken „SIE“,  übermächtige Außerirdische, die im gesamten Buch unsichtbar bleiben.

Am Ende entkommen nur Juan Salvo und seine Frau und Tochter. Aber sie verlieren sich, landen in unterschiedlichen Zeitkorridoren. Salvo wird zum Reisenden durch die Ewigkeit, zum Eternauta, der seine Familie sucht. Am Ende findet Juan Salvo seine Angehörigen im Jahr 1959 wieder. Drei Jahre vor der Invasion der Außerirdischen, vor der Eternauta ursprünglich floh und die – so schwant dem Leser – sich im Jahr 1963 wiederholen wird.

„Eternauta“ ist ein Science-Fiction-Comic – spannend erzählt, mit vielen Cliffhangern. Die waren auch notwendig, denn schließlich erschienen die Zeichnungen von 1957 bis 1959 zunächst als Serie. Héctor Germán Oesterheld, der Autor, und Francisco Solano López, der Zeichner, erschufen mit diesem Comic ein großartiges Werk, das bis heute die Leser begeistert. In Argentinien nicht zuletzt deshalb, weil es in der Realität verankert ist – jeder Platz, jede Straßenkreuzung wurde gezeichnet und benannt. Doch das allein ist es nicht, was dieses Buch zu etwas so Besonderem macht, dass man es nicht nur empfehlen, sondern verordnen möchte: Es ist eine Parabel auf das düstere gesellschaftliche Klima eines Landes, in dem man niemandem vertrauen kann. Ein giftiger Schnee, der alles bedeckt und die Gesellschaft paralysiert: Wer sich ihm aussetzt, stirbt. Und da sind die „Hände“, ein von mächtigen Außerirdischen unterdrücktes Volk, das mordet, um die eigene Haut zu retten: „Den Befehl zu verweigern, hätte Angst bedeutet, Angst vor Vergeltung.“ Die einzige Waffe, die Juan Salvo und seinen Freunden bleibt, ist ihr Verstand.

Viele sehen in all diesem eine Voraussagung des Staatsterrors der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983. Doch erst in der Fortsetzung der Geschichte ruft Oesterheld direkt zum Widerstand auf. Als er diese schrieb, hatte er sich bereits zusammen mit seinen vier Töchtern einer linken Guerillagruppe angeschlossen und war in den Untergrund gegangen. Im Jahr 1977 verschwand Oesterheld in den Foltergefängnissen der Junta. Auch seine Töchter wurden ermordet. Wann und wo, weiß niemand, bis heute.

„Was ist ein Verschwundener?“, fragte Diktator Jorge Rafael Videla 1979 während einer Pressekonferenz. „Er ist ein Rätsel. Ein desaparecido hat keinen Körper, ist nicht da, nicht tot, nicht lebendig, er ist verschwunden.“ Den Militärs war klar, dass Ungewissheit mehr Schrecken verbreiten würde als öffentliche Hinrichtungen. Oesterhelds Ehefrau Elsa Sánchez gehörte zu den ersten Mitgliedern der Organisation Madres de Plaza de Mayo, die von 1977 an öffentlich Aufklärung über das Schicksal der „Verschwundenen“ forderten.

Ein echter Mehrwert der sorgsam editierten deutschen Ausgabe ist das Vorwort der ZEIT-Journalistin Anna Kemper. Eindrücklich beschreibt sie die Geschichte der Oesterhelds, die der des Eternauta ähnelt: Die verzweifelte Suche nach der Familie in einem übermächtigen Kontext. „Es ist, als ob er (Oesterheld) zum Protagonisten seiner eigenen Geschichte wird, die jetzt wie eine Prophezeiung der gewalttätigen Diktatur wirkt. An deren Ende werden viele Argentinier gefangen sein in der unendlichen Suche nach ihren verschwundenen Verwandten.“

Die Ikonografie des Eternauta ist längt im argentinischen Volksgedächtnis verankert. Überall in Buenos Aires sieht man die Taucherbrille des Zeitreisenden als Graffiti an Hauswänden. Oft wurde die Brille vereinnahmt von den Anhängern des verstorbenen Expräsidenten Néstor Kirchner. Dabei bleibt sie immer ein Symbol für Widerstand, welcher Art auch immer. Die Faszination dieses Comics wird noch lange fortdauern. Ein Astronaut reist durch das Weltall. Ein Eternaut reist durch die Ewigkeit.

Eternauta. Von Héctor Germán Oesterheld und Francisco Solano López. avant-verlag, Berlin, 2016.



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