Mutterland des Pop

Jon Savage

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Im Oktober 1983 ersetzten die Herausgeber der europäischen Ausgabe der Zeitschrift Time das Bild des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan auf dem Titel der amerikanischen Ausgabe durch das eines anonymen britischen Jugendlichen mit seinem Irokesenschnitt, den Ketten, Nieten und Tätowierungen. Der martialisch anmutende, wenngleich auch sehr gestylte Junge war ein extremer Vertreter der Jugendkultur, die dieses Land auf der ganzen Welt berühmt gemacht hatte: Die Bildunterschrift lautete „Die Stämme Großbritanniens“.


So etwas bekommt man in Großbritannien heute nur noch selten zu sehen. Paradoxerweise sind streng definierte Abgrenzungen aus der Jugendkultur dieses Landes verschwunden, obwohl britische Moden nach wie Verbreitung in der ganzen Welt finden. Zumindest hat sich der direkte Zusammenhang zwischen Kleidung, Subkultur und Gewalt wesentlich gelockert. Time fing mit dem Titelbild einen dreißig Jahre währenden Prozess im Moment seiner Auflösung ein. Die britische Jugendkultur gedeiht nach wie vor, nur in veränderter Form.


Es gibt viele Gründe für die britische Vormachtstellung auf dem Gebiet der Jugendkultur. Zunächst ist da die enge Verbundenheit mit Amerika in strategischer, finanzieller und kultureller Hinsicht – eine Verbundenheit, die auch auf der Illusion einer gemeinsamen Sprache beruht. Großbritannien war das europäische Einfallstor für amerikanische Ideen, Persönlichkeiten und Kultur – seit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, der sich zeitgleich mit der Erfindung des Teenagers in den USA vollzog.


Die Zusammenhänge zwischen Jugendmoden, Subkulturen und den Medien sind jedoch viel älter. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts tauchte die Gestalt des Hooligans, damals unter dem Begriff „Scuttler“, in den Schlagzeilen der britischen Nachrichten auf. Diese in den städtischen Slums heimischen Geschöpfe waren aufgrund ihrer hohen Gewaltbereitschaft und ihrer Einheitskleidung berüchtigt: Unter anderem trugen sie große schwere Gürtelschnallen, ausgestellte Hosen und Schirmmützen – ein Look von hohem Wiedererkennungswert.


Die Edwardians, die sich zu Beginn der 1950er-Jahre einen bis dahin der Oberschicht vorbehaltenen Kleidungsstil zu eigen machten – Samtkragen, enge, gerade geschnittene Hosen – und diesen mit dem vor allem bei ethnischen Minderheiten in Amerika beliebten Zoot Suit kombinierten, galten in Großbritannien nach dem Krieg als erste jugendliche Subkultur. Es war die Zeit, in der die amerikanische Kultur im Vereinigten Königreich Einzug hielt: Plötzlich gab es Ratenkauf, privaten Rundfunk, Filme und Musik. Für viele junge Briten war Amerika das gelobte Land: ein Kontinent der unendlichen Weiten und Träume, das neue Empire.


Der Zweite Weltkrieg hatte fast keine Bedeutung mehr, durch die ständige Wiederholung in den zahllosen Kriegsfilmen war man dagegen abgestumpft. Die Propaganda wurde der Realität nicht gerecht und der Sieg führte zum Stillstand. Erst mit dem Erfolg der Beatles 1963 brach wieder eine neue Ära an. Mit diesem von der Massenhysterie der Teenager geprägten bis dahin in der Geschichte beispiellosen Ereignis setzte der Prozess einer neuen nationalen Identitätsbildung ein.


Die Beatles bedienten sich bei ihrer Mode und Ästhetik nordeuropäischer Elemente ebenso wie heimischer Traditionen und verkörperten die zunehmende Bereitschaft des Landes, amerikanische Kultur auf einfallsreiche Weise zu synthetisieren. Als sie im Verlauf des Jahres 1964 zunächst in Amerika und anschließend auf dem gesamten Erdball berühmt wurden, richtete sich das Augenmerk weltweit im Hinblick auf die Möglichkeiten einer Jugendutopie erneut auf Großbritannien.


Die Konzentration der 1960er-Jahre auf britische Musik und Mode war Teil eines umfassenderen Wandels, in dessen Verlauf das zunächst statische, viktorianisch geprägte Inselreich an Frische, Tempo und Kreativität gewann. Aus der Jugend wurde eine eigene Kultur, Großbritannien wurde zur Pop-Insel und die bombenzerstörte Hauptstadt zu Swinging London. Durch das Geld, das in die Jugendindustrien floss, stieg auch der Bekanntheitsgrad der neuen Subkulturen.


Die Mods gingen Ende der 1950er-Jahre aus den hyperstylischen „Modernist Jazzfans“ hervor, die sich nach der neuesten europäischen Mode kleideten, die etwas später auch die Beatles beeinflusste. 1964 stellten sie die größte britische Jugendgruppe dar. Dies führte zu Zusammenstößen mit rivalisierenden Gruppen wie den Rockern: Im Frühjahr 1964 kam es in verschiedenen britischen Badeorten zu Straßenschlachten zwischen Mods und Rockern. Zeitgenössische Autoren suchten nach Erklärungen für die Ausbrüche an bislang beispielloser Gewalt – am bemerkenswertesten darunter ist vielleicht das Buch „Generation X“ (1965) von Charles Hamblett und Jane Deverson.


Die „Kriege“ zwischen Mods und Rockern waren insofern von Bedeutung, als es die ersten Auseinandersetzungen von Jugendlichen untereinander waren, die in den Medien auf breiter Ebene Beachtung fanden. Nach amerikanischem Vorbild war aber auch dieses Teenagermodell einem schnellen Wandel in Musik und Mode unterworfen. Im Verlauf der Jahre 1966 und 1967 entstanden aus den Mods einerseits die Hippies und andererseits die Skinheads. Gleichzeitig war die britische Jugendkultur mit Bedeutungen aufgeladen, die über den reinen Konsum hinausgingen: Politik, ethnische und soziale Zugehörigkeit spielten zunehmend eine wichtige Rolle. 


Die Besessenheit, mit der sich die britische Jugend der Popkultur verschrieb, lässt sich auch dadurch erklären, dass Teenager keine anderen Beschäftigungsmöglichkeiten hatten. Seit 1960 gab es im Vereinigten Königreich keine Wehrpflicht mehr. Auch gibt es keine speziell auf Jugendliche ausgerichteten philosophischen, politischen oder künstlerischen Traditionen. Bis heute fließen all diese Energien in den Pop und die daraus entstehenden Jugendkulturen.


Der politische Gehalt der britischen Popkultur war zweischneidig. Jugendliche reagierten auf die Welt, in die sie sich geworfen sahen: sei es in Form der Realitätsflucht der New Romantics oder des ausdrücklichen sozialen Engagements der Punks. Mit einer Abfolge von Singles präsentierten die Sex Pistols 1977 ihre Fundamentalkritik an einem todgeweihten Britannien: Ihr Nummer-eins-Hit „God Save the Queen“ war der einzig nennenswerte Protest gegen die Feierlichkeiten zum 25-jährigen Thronjubiläum der Königin.


Ganz ähnlich unterliefen die androgynen „Gender Bender“ – Stars wie Boy George, Annie Lennox und Marc Almond von Soft Cell – zu Beginn der 1980er-Jahre den aggressiven Triumphalismus von Mrs Thatcher, der mit dem Falklandkrieg von 1982 seinen Höhepunkt fand. Die illegalen Massen-Raves der Acid-House-Anhänger Ende der 1980er-Jahre, die meist in abgelegenen Landstrichen stattfanden, waren Ausdruck des Bedürfnisses nach mentalen und physischen Freiräumen in einem Land, das politisch und sozial erstarrt schien. Andererseits geht es hier auch um Mikropolitik, eine Politik innerhalb der Jugendkulturen selbst. Es kam immer wieder zu Zusammenstößen: Ende der 1960er-Jahre zwischen Hippies und Skinheads, Ende der 1970er-Jahre zwischen Teds (Edwardians) und Punks, Anfang der 1980er-Jahre zwischen Teds, Punks, Mods und allen anderen – mit dieser Entwicklung beschäftigte sich das Time-Magazine 1983.


In Großbritannien fungierte Pop als eine Arena, in der extreme Ausprägungen von Jugendlichkeit ausgelebt werden konnten – sexuell, extravagant, gewalttätig oder rauschhaft –, und diente somit auch als Sicherheitsventil. Die Jugend des Landes hatte mit dem Pop ein Ritual gefunden, mit dem sich die Kluft zwischen dem Jugendalter und dem Erwachsenendasein überbrücken ließ.


Dennoch hat die britische Popkultur in den vergangenen zwanzig Jahren ihren kreativen Schwung bis zu einem gewissen Grad eingebüßt. Teilweise liegt dies an den Strukturreformen der Thatcher-Regierung, die den radikalen Jugendbewegungen der 1960er-Jahre explizit ablehnend gegenüberstand. Entscheidender aber noch ist der Wegfall von Studienkrediten und Kürzungen bei den Sozialleistungen, die die Kaufkraft Jugendlicher schwächten. Dazu kommen grundlegende Veränderungen. In den 1980er-Jahren richtete sich die Musikindustrie noch an die Altersgruppen über dem klassischen Teenagermarkt der 15- bis 24-jährigen. In den vergangenen zwanzig Jahren wurden Produkte, die einst auf Teenager zugeschnitten waren, von allen Altersgruppen gekauft: Schallplatten, Bücher, Kosmetik, Mode, Alkohol. Damit sank die Exklusivität des Jugendmarkts.


Darüber hinaus ist die Popkultur in gewisser Weise zur Routine geworden, da die in den 1960er- und 1970er- Jahren Geborenen inzwischen ihrerseits Eltern von Teenagern sind. Gleichzeitig verdrängte die Rave-Kultur der 1990er-Jahre im Verein mit der wachsenden Popularität von Sportkleidung das pfauenhafte Zurschaustellen, das in der britischen Jugendkultur eine so große Rolle gespielt hatte. Praktische Kleidung, wenn nicht sogar unauffällige, ist inzwischen zur Norm geworden. Außerdem ist Pop heute ein wesentlicher Bestandteil der industriellen und imperialen Triebkräfte des westlichen Kapitalismus: Er ist die Vorhut der Kolonisierung ehemals feindlicher Länder wie Russland oder China. Wie wird die Jugend mit dem Widerspruch umgehen, dass sich die Kultur, die angeblich die ihre ist, im Zentrum des Systems befindet, ja vielmehr mit dem Establishment selbst verschmolzen ist? 
 
 

Aus dem Englischen von Conny Lösch



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