Das Leid vor Augen

von Ursula Messner

Neuland (Ausgabe II/2016)


Bevor ich wusste, dass Fotografieren meine Leidenschaft ist, wussten es andere: Freunde behaupten, sie hätten mich in meiner Jugend im kleinen Wörrstadt bei Mainz nie ohne Kamera gesehen. Ich erinnere mich nur, dass ich mir als 12-Jährige den Fotoapparat meiner Eltern lieh. Es war ein einfaches Modell, das beim Auf- und Zuschieben dieses Ritsch-Ratsch-Geräusch machte und mit dem man ständig entweder den Kopf oder die Füße seiner Motive abschnitt. Nach der Schule wurde ich allerdings nicht Fotografin, sondern ging zum Fernsehen.

Ich dachte, da käme man rum und könne viel reisen. Das war vielleicht ein bisschen naiv gedacht, aber so war ich eben: Beim ZDF in Mainz nannte man mich deswegen auch die "nette Blondine mit der rosa Bluse". Als ich eine Stelle im Auslandsstudio in Singapur bekam, zog ich weg. Meine Mutter verzieh mir das nie. "Man kündigt doch keine Festanstellung", sagte sie. Mein Vater sagte nichts. Er wollte selbst immer nach Kanada und verstand mein Fernweh. In Singapur brachte jeder Tag etwas Neues, ich wurde in die verschiedensten Länder geschickt, auch nach Afghanistan. 1986 war ich mit 22 Jahren zum ersten Mal dort und lag in Kabul bei einem Gefecht im Graben. Über uns beschossen sich russische Soldaten und Mudschahedin, mein ganzer Körper schlotterte. Damals schwor ich mir: Hier gehst du nie wieder hin! Doch dann kamen mir Geflüchtete entgegen, ich sah, wie kraftlos die Kinder waren, sie konnten nicht einmal mehr weinen. Dabei wurde mir klar: Die Menschen dort haben dieselben Wünsche wie wir. Seitdem bin ich noch 25 Mal in Afghanistan gewesen.

Als ich nach fünf Jahren im Ausland wieder zurück nach Wörrstadt kam, fühlte ich mich verloren. Ich verfasste Veranstaltungstipps für die Deutsche Welle und arbeitete beim Hörfunk. Ich lernte viel, aber immer wenn ich meine Fotos aus Singapur sortierte, merkte ich: Eigentlich willst du Fotos machen. Also entschloss ich mich, beim ZDF eine Ausbildung zur Fotografin zu beginnen. Ich war jetzt nicht mehr die Blondine mit der rosa Bluse, sondern die, mit der man gerne in der Dunkelkammer stand, weil ich spannende Geschichten zu erzählen hatte. Ich kann nicht sagen, was mich nach meiner Ausbildung dazu anspornte, in Krisengebieten zu arbeiten.

Vielleicht war es das Schweigen meiner Eltern: Beide waren Kriegsflüchtlinge aus Ostpreußen und Schlesien. Nie hatten sie auch nur ein Wort über ihre Erlebnisse mit mir gewechselt. 1992 reiste ich während des Balkankonflikts nach Jugoslawien und sah die Leichenhäuser in Sarajewo; 2004 war ich im Iran, nachdem sich dort mit 70.000 Toten eines der schwersten Erdbeben der Geschichte ereignet hatte. Ich erreichte einen Punkt, an dem ich nicht mehr auf hören konnte. Wenn man so viel menschliches Leid sieht, dann ist man irgendwann überzeugt, dass es Leute geben muss, die ihr Leben für etwas einsetzen.

Meine Arbeit als Kriegsfotografin hat mich selbst oft in Lebensgefahr gebracht. Während eines Jobs in Afghanistan wurde ich am Khyber-Pass von Taliban entführt. Sie wollten Geld. Ich gab ihnen 800 Dollar, um mich freizukaufen. Bevor sie mich gehen ließen, fragte mich einer der Entführer allerdings noch, ob ich ein Passfoto von ihm machen könnte. Weil die ganze Situation ohnehin schon verrückt war, sagte ich: "Ja, aber jetzt will ich auch noch ein Foto mit euch haben." So entstand das Bild von mir und meinen Entführern, das überall auf der Welt durch die Presse ging. In den Tagen nach meiner Freilassung blieb ich sogar noch in Kabul und machte Bilder, statt direkt nach Hause zu fliegen. Ich war völlig traumatisiert.

Zurück in Deutschland machte ich ein Jahr Pause, später fotografierte ich Bären und Wale und machte ab und zu etwas für Schöner Wohnen. Im Vergleich zur Kriegsfotografie war das für mich eine ganz unwirkliche Welt. Derzeit bereite ich eine Ausstellung unter dem Titel "Nie wieder Krieg" vor. Noch nie gab es auf der Welt gleichzeitig so viele Konflikte wie heute. Wenn ich zurückblicke, dann bin ich sehr glücklich über das, was ich in meinem Beruf erleben durfte. Ich habe wegen der Kriegsfotografie allerdings auch auf vieles verzichtet, keine Kinder bekommen und nur wenige Freundschaften pflegen können - ich bin ein wenig zur Einzelgängerin geworden.

Protokolliert von Stephanie von Hayek



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