There is Black in the Union Jack

John Thieme

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Nationale Identitäten existieren häufig in Zeitkapseln und gründen sich auf idealisierte Vorstellungen von dem, was ein Land in der Vergangenheit einmal gewesen sein könnte, doch wahrscheinlich niemals war. Im Falle Großbritanniens verleitet solche Mythologisierung zu der Idee, dass das Land eine beständige monokulturelle Vergangenheit hat und seine Lage als eine Insel, die fast ein Jahrtausend lang jeder Invasion erfolgreich Widerstand leisten konnte, unterstützt diese nostalgische Sichtweise noch zusätzlich. Eine solche ignoriert natürlich auch die Beziehungen, die sich aus der imperialen Vergangenheit der Nation ergeben. In dem Vorwort zu „Extravagant Strangers“, einer Anthologie von Werken britischer Schriftsteller, die außerhalb des Landes geboren sind, schreibt Caryl Phillips, dass England schon immer eine gemischte, mehrsprachige Nation gewesen sei, „in einem Schmelztiegel geschmiedet”. Er setzt die?se „gekreuzte ,Mischung’, auf der die heterogene britische Tradition aufgebaut ist”, in Beziehung zu Daniel Defoes „Waschechter Engländer“, einem satirischen Gedicht aus dem späten 17. Jahrhundert über die Idee eines monokulturellen englischen Wesens. Defoe weist darauf hin, dass „Schotten, Pikten, Römer, Dänen” sich mit den „Angelsachsen” zusammengeschlossen hätten und so die englische kulturelle Identität begründeten.


Die britische Gesellschaft ist nie monokulturell gewesen, aber heute verändert sich ihre demografische Zusammensetzung schneller als je zuvor in der Geschichte. Einige vertreten die Ansicht, dass dies eine harmonische multikulturelle Gesellschaft hervorgebracht hat andere behaupten, dass Rassismus und Islamophobie weit verbreitet sind. London zählt heute zu den kosmopolitischsten Städten der Erde, insbesondere als Folge weltweiter Einwanderung und des Zustroms von Arbeitern aus der Europäischen Union, vor allem aus Osteuropa. Mehr als zweihundert Sprachen spricht man in der Stadt. Das London des 21. Jahrhunderts scheint nun ein ähnlicher Schmelztiegel wie das New York des frühen 20. Jahrhunderts zu sein.


Die britische Bevölkerung wird heute auf 61,4 Millionen Menschen geschätzt. Es hat 57 Jahre (von 1948 bis 2005) gedauert, um von 50 auf 60 Millionen anzuwachsen, aber erst kürzlich hat das britische Statistikamt vorausgesagt, dass diese Zahl auf 70 Millionen im Jahr 2029 ansteigen wird – aufgrund von Einwanderung sowie höherer Geburtenrate und Lebenserwartung. Die Zuwanderung nach Großbritannien ist immer sehr vielschichtig gewesen und manches kurzzeitige Wachstum der Bevölkerung war nur ein flüchtiges Phänomen. Vor drei Jahren schätzte man, dass rund 600.000 Polen in Großbritannien arbeiteten, aber als das Pfund gegenüber dem Euro an Wert verlor, kehrten viele der osteuropäischen Arbeiter in ihre Heimat zurück oder suchten sich eine Beschäftigung anderswo in Westeuropa. Währenddessen kampieren Flüchtlinge aus weit entfernten Ländern wie Afghanistan und Somalia in Calais und hoffen darauf, sich in einem Lastwagen, der auf dem Weg nach England ist, verstecken zu können oder politisches Asyl in Großbritannien zu erhalten.


Großbritannien hat sich verändert. Die Nachwehen des Britischen Imperiums haben eindeutig eine zentrale Rolle für die demografische Entwicklung in Großbritannien seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gespielt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war noch ein Drittel der Weltkarte rosa, in der traditionellen Farbe des Empire, eingefärbt. Nach zunächst ziemlich bescheidenen Anfängen in Form ausbeuterischer Handelsunternehmen wie der East India Company hatte das Britische Imperium seine Tentakel in nahezu jeden Winkel der Welt ausgestreckt. Unter Königin Viktoria und König Edward VII. erreichte das Imperium den Gipfel seiner Macht und Großbritannien war die einflussreichste Nation der Erde. Aber die zwei Weltkriege, in denen viele Soldaten der Kolonialregimenter Seite an Seite mit britischen Truppen gekämpft hatten, tragen viel dazu bei, den Mythos ihrer angeblichen Gleichberechtigung zu zerstören. Die Kolonialregimenter erwiesen sich als Nährboden für die Anführer der Nationalbewegungen, die bald die Unabhängigkeit vom „Mutterland” anstreben würden. Darüber hinaus bedeutete der wirtschaftliche Niedergang Großbritanniens, dass die Tage der imperialen Vorherrschaft gezählt waren. Nachdem das „Kronjuwel“ Indien 1947 seine Unabhängigkeit errungen hatte, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch andere Kolonien das imperiale Joch abwerfen würden: Ghana 1956, Nigeria 1960, Jamaika sowie Trinidad und Tobago 1962. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Titel „Britisches Commonwealth” eingeführt, um die Verbindung von Großbritannien und seinen Dominions wie Kanada und Australien zu bezeichnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden weitere gerade unabhängig gewordene Länder wie Indien und Sri Lanka (damals Ceylon) aufgenommen und das Adjektiv „Britisch” wurde gestrichen. Innerhalb des Commonwealth verschob sich nun die Machtbalance zuungunsten Großbritanniens, aber Englisch blieb die offizielle Sprache vieler Mitgliedsstaaten und die Kommunikationssprache zwischen ihnen. Der Einfluss der „Entwicklungsländer” nahm zu, aber in entscheidenden Hinsichten blieb London das Zentrum des Commonwealth. Heute umfasst das „offizielle” Commonwealth eine Vielzahl von Organisationen. Am wichtigsten sind das Commonwealth-Sekretariat, das 1965 gegründet wurde, und die Commonwealth-Stiftung, die beide ihren Hauptsitz in der britischen Metropole haben.


Großbritannien sind wenige tatsächliche Kolonien geblieben: Hong-Kong wurde 1997 am Ende einer hundertjährigen „Pacht” an China zurückgegeben nur ein paar kleinere Gebiete wie Gibraltar, die Kaimaninseln und die Falklandinseln, über die sich Großbritannien mit Argentinien in den frühen 1980er-Jahren einen Krieg geliefert hatte, bleiben abhängig.


In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Einwanderung ins Vereinigte Königreich aus anderen Teilen des Commonwealth oft explizit gefördert. „London Transport“ etwa, die Gesellschaft, die das Bus- und U-Bahn-Netz der Stadt zu jener Zeit verwaltete, warb um Mitarbeiter in Barbados. Im Juni 1948 brachte das Schiff S.S. Empire Windrush 495 hauptsächlich jamaikanische Passagiere nach Großbritannien. Sie wurden zum Symbol der karibischen Einwanderung ins Vereinigte Königreich nach dem Krieg, und die Bezeichnung „Windrush-Generation” wird heute auf alle karibischen Immigranten angewandt, die in den Jahren nach der Ankunft jenes Schiffes nach Großbritannien gekommen sind. Die meisten von ihnen trafen auf Not, Armut und Diskriminierung, besonders auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt.


Es wurde wenig unternommen, um dem ungezügelten Rassismus entgegenzutreten, bis in den 1960er- und 1970er-Jahren die „Race Relations Acts“ verabschiedet wurden, die jede offenenkundige Form des Rassismus verboten und woraufhin ein langsamer Fortschritt hin zu einer gerechteren Gesellschaft einsetzte. 


Im Januar 2009 konstatierte Trevor Phillips, der Vorsitzende der britischen EHRC (Equality and Human Rights Commission), dass „Großbritannien bei Weitem – und ich meine bei Weitem – der beste Ort in Europa zum Leben ist, wenn man nicht weiß ist”. Dies sei eine „empirische Wahrheit”, die sich aus Studien ergebe, denen zufolge Großbritannien das toleranteste und liberalste Land in Europa sei.Zwei Fernsehsendungen der BBC, die im Oktober 2009 ausgestrahlt wurden, legten allerdings nahe, dass Trevor Phillips’ optimistischer Blick bestenfalls einen Teil der Wahrheit darstelle, die auf einige Gegenden des Landes eher zutreffe als auf andere. In der Sendung „Hass an der Türschwelle“ berichteten zwei BBC-Reporter süd-asiatischer Abstammung von ihren verdeckten Recherchen in einer Wohnsiedlung in Bristol, wo laut Aussage der Organisation SARI (Support Against Racist Incidents) rassis-tische Übergriffe weit verbreitet sind. Die Journalisten gaben sich als verheiratetes muslimisches Paar mit geringen Englischkenntnissen aus und dokumentierten mit versteckter Kamera, wie sie Opfer einer Vielzahl verbaler und physischer Angriffe wurden – durch Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Innerhalb von nur acht Wochen ereigneten sich fünfzig Vorfälle, in denen die beiden aufgrund ihrer Hautfarbe oder Religion beschimpft wurden. Nur drei Tage später stand das Thema „Rasse“ wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit im britischen Fernsehen, als der Sender BBC Nick Griffin, den Chef der rechtsextremen British National Party in ihre Vorzeigetalkshow „Question Time“ einlud. In der Sendung sah sich Griffin einer Flut von Fragen eines feindlich gesinnten Publikums ausgesetzt, das eine große Zahl schwarzer und asiatischer Zuschauer enthielt. Während Griffin unbequem auf seinem Platz hin und her rutschte, musste er Aussagen verteidigen, die er zuvor in seiner politischen Laufbahn gemacht hatte, und leugnete sogar manche, obwohl sie auf Video festgehalten waren.


Ist das Ergebnis der Sendung also, dass sich die Zuschauer sicher sein können, dass Großbritannien sich verändert hat? Es stimmt, dass die große Mehrheit der Briten Griffins Haltung abstoßend findet. Aber wie in vielen anderen europäischen Ländern gibt es in Großbritannien eine nicht unerhebliche Minderheit, die in genau die entgegengesetzte Richtung steuert und dabei von der alten politischen Taktik, ein paar wenige zu Sündenböcken für nationale Übel zu machen, angetrieben wird.
 
 

Aus dem Englischen von Rosa Gosch



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