„Den Menschen im Camp gehen die Optionen aus“

ein Gespräch mit Gavin White

Neuland (Ausgabe II/2016)


Herr White, das Flüchtlingslager Zaatari wurde 2012 von der jordanischen Regierung errichtet, um den Vertriebenen des syrischen Bürgerkriegs Zuflucht zu bieten. Was ist hier seitdem passiert?

In erster Linie ist das Camp gewachsen. 2012 waren in Zaatari rund 12.000 syrische Geflüchtete untergebracht – mittlerweile sind es knapp 80.000. Sie sehen hier heute einen ganz anderen Ort als damals: Wo früher noch Zelte standen, stehen heute Wohncontainer, wo zu Beginn noch warme Fertigmahlzeiten verteilt wurden, gibt es heute einen Supermarkt. Zaatari ist das weltweit erste Flüchtlingslager mit flächendeckendem Stromnetz, außerdem gibt es Schulen, Krankenhäuser und Bürgerzentren. Ab 2017 wird das Camp sogar komplett von einer Solarstromanlage versorgt.

Das klingt beinahe, als würden Sie über eine Stadt reden ...

Ich weiß, worauf Sie hinauswollen: Ist Zaatari von einer Notfallunterbringung zu einer permanenten Lösung geworden? Das ist eine sehr gute, aber vor allem eine philosophische Frage, mit der wir uns als Flüchtlingshelfer nur bedingt beschäftigen können. Natürlich hätten wir uns gewünscht, dass Zaatari eine Übergangslösung bleibt, aber spätestens als Mitte 2013 täglich mehr als 3.500 Geflüchtete über die Grenze kamen, war klar, dass längerfristige Hilfe nötig werden würde. Unter dem Strich zählt, dass die Menschen im Camp versorgt sind. Heute können sie hier sowohl auf grundlegende Bildung als auch auf psychiatrische Betreuung zurückgreifen.

Bietet Zaatari den Geflüchteten angesichts dieser Angebote so etwas wie Glück im Unglück?

Das wäre zu viel gesagt, aber tatsächlich geht es den meisten der hier lebenden Syrerinnen und Syrer besser als denen, die versuchen, sich in Amman und anderen jordanischen Städten durchzuschlagen. Die meisten verbrauchen dort nach und nach ihre kompletten Ersparnisse für Mietausgaben und kommen später doch wieder zu uns zurück. Hier im Camp gibt es wiederum bis zu 3.000 Menschen, die befristete Arbeit verrichten können: waschen, Müll sammeln, als Sicherheitspersonal oder auf dem Feld arbeiten. Viele können sich so etwas dazuverdienen.

Besser als nichts, aber auch das ist keine Dauerlösung, oder?

Flüchtlingslager können nie eine langfristige Lösung sein. Jeder Elternteil, der sich um die Zukunft seiner Kinder sorgt, wird sich über kurz oder lang nach anderen Optionen zum Leben umschauen. Das haben wir übrigens auch den Staatschefs und Ministern gesagt, die Zaatari besuchten, bevor die Flüchtlingskrise ihren Anfang nahm.

Sie haben die Krise vorhergesehen?

Wir haben keinen Exodus in Richtung Europa vor­ausgesagt, aber wir haben immer gemahnt, dass die Situation irgendwann kritisch werden würde, dass die Notversorgung nicht das Ende der Fahnenstange sein könne. Nichts gegen humanitäre Soforthilfe, die ist wichtig, aber man muss den Menschen danach auch Möglichkeiten aufzeigen: Bildungsangebote, Ausbildungsstellen, das Gefühl, dass sie etwas erreichen und sich weiterentwickeln können. Wenn man das nicht in Aussicht stellt, dann wird die Situation im Camp natürlich auf Dauer immer weniger tragbar.

Warum wurden Ihre Warnungen ignoriert?

Ich glaube, unter den Politikern dominierte die Wahrnehmung, dass Europa nicht wirklich von dem betroffen war, was in den Krisenherden und Flüchtlingslagern der Region geschah. Die Prämisse war immer die folgende: Solange wir Geld in humanitäre Hilfsprogramme stecken, müssen wir uns um alles andere keine Gedanken machen. Am klarsten wurde mir das, als der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel das Camp besuchte und relativ unverblümt fragte, ob es eine Frage des Geldes sei, die Menschen hierzubehalten. Das brachte die europäische Position für mich auf den Punkt. Zudem wurde im Fall Syriens auch viel zu spät erkannt, wer die Geflüchteten waren, über die man da redete.

Wie meinen Sie das?

Nun, das Stereotyp vom Geflüchteten aus Subsahara-Afrika dominiert noch immer unsere Wahrnehmung, wenn es um das Thema Flucht geht. Reden wir über Geflüchtete, dann reden wir meist über Menschen, die aus existenzbedrohender Armut kommen und in Flüchtlingslagern bessere Umstände vorfinden, als in dem Land, das sie verlassen. All das wurde auf die syrischen Geflüchteten projiziert, aber es traf nicht zu. Im Gegenteil: Damaskus war über Jahrzehnte die kulturelle Hauptstadt der ganzen Region. Die meisten Syrerinnen und Syrer, die hierherkamen, waren in Hinblick auf Bildung und Qualifikationen Menschen wie Sie und ich. Es war kurzsichtig zu glauben, dass diese Leute sich einfach in ein Flüchtlingslager setzen und mit der Situation abfinden würden.

Sie kreiden der europäischen Politik an, die falschen Maßnahmen ergriffen zu haben, aber was wären die Alternativen gewesen?

Die Investitionen in die ganze Region hätten von Anfang an massiv ausgeweitet werden müssen. Als im Jahr 2000 die Millenniums-Entwicklungsziele für 2015 formuliert wurden, da ging es vor allem um Existenzsicherung für vertriebene und in Armut lebende Menschen. Heute müssen wir allerdings Geld in die Hand nehmen, um die Stabilität und Belastbarkeit der Erstaufnahmeländer wie Jordanien und Libanon zu stärken. Wer die Massenemigration nach Europa verhindern will, der muss die Strukturen in der Region stärken.

Ganz unschuldig ist Jordanien an der Situation der Geflüchteten allerdings auch nicht. Zwar hat das Land mehr als 600.000 Menschen aus Syrien aufgenommen, Arbeitsgenehmigungen erteilt man ihnen allerdings nicht ...

Natürlich weigert sich die jordanische Regierung, Arbeitsgenehmigungen für Syrerinnen und Syrer auszustellen. Der Grund dafür ist simpel: Viele der Geflüchteten sind besser ausgebildet als die Jordanier, mit denen sie um Jobs konkurrieren würden. Aus europäischer Sicht müsste man also die jordanische Wirtschaft stärken, neue Arbeitsplätze schaffen und im Gegenzug verlangen, dass ein Teil dieser neuen Jobs auch mit Geflüchteten besetzt wird.

Würden die Menschen denn überhaupt in Jordanien bleiben wollen?

Wahrscheinlich wäre das vielen lieber, als nach Europa zu gehen. Jordanien ist der Heimat näher als Deutschland. Wenn man den Menschen hier die Frage stellt, wo sie leben wollen, dann ist die Antwort immer: „Wir wollen zurück nach Syrien.“ Die Migrationsbewegungen nach Deutschland, Kanada und in andere Länder sind darin begründet, dass den Menschen im Camp die Optionen ausgehen. Es geht nicht darum, dass sich die Geflüchteten in Europa ein besseres Leben erhoffen, eher darum, dass sie überhaupt eines haben wollen. So einfach ist das. Ich erinnere mich an einen Syrer, der mir – bevor er das Camp verließ – sagte: „Wir sind sehr dankbar dafür, was ihr für uns getan habt, aber wir fühlen uns, als würden wir hier langsam sterben. Es gibt hier keine Zukunft für uns und unsere Kinder. Wir müssen jetzt etwas riskieren.“

Riskieren manche auch den Weg zurück nach Syrien?

Selbstverständlich. Nicht zuletzt weil hinter der Grenze die Anwerber verschiedener Rebellengruppen warten, die Geflüchtete gut dafür bezahlen, dass sie wieder nach Syrien zurückkehren und kämpfen. Nichts von alledem hat mit Radikalisierung oder religiösem Fundamentalismus zu tun. Es ist ein rein ökonomisches Problem. Die jungen Männer wollen für ihre Familien sorgen, die hier im Lager zurückbleiben. Sie schicken oft Geld zurück, sobald sie in Syrien etwas verdienen. Es wird in Zukunft vor allem darum gehen, diesen Menschen Alternativen zu bieten.

Nun sind bereits viele syrische Geflüchtete in Europa angekommen. Ist das vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen in Zaatari eine Chance oder ein Risiko für die Aufnahmeländer?

Ich bin absolut davon überzeugt, dass die syrischen Geflüchteten Europa unter dem Strich bereichern werden. Wenn Sie sich hier im Camp umschauen und die „Champs-Élysées“ entlanglaufen – so nennen viele hier die große Marktstraße –, dann bekommen Sie ein Gefühl dafür, was die Syrerinnen und Syrer auch unter den widrigsten Umständen zu leisten im Stande sind. Die Leute hier stellen uns keine Liste mit Forderungen auf, sondern sagen vielmehr: Gebt uns, was wir brauchen, um zu überleben, und dann sorgen wir für uns selber. Das wird auch in Europa so sein.

Das Interview führte Kai Schnier



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