Zurück nach Hause

von Ibrahim Farghali

Neuland (Ausgabe II/2016)


Diskutiert man heute über ägyptische Auswanderer, dann tut man das meist unter dem Gesichtspunkt des sogenannten „Braindrains“: Junge Ägypter ziehen nach Europa oder Nordamerika, sei es weil sie sich dort besssere Jobchancen und bessere Gehälter versprechen oder weil sie zwangsweise vor dem Militärregime flüchten. Was dabei unter den Tisch fällt: Nicht nur die Emigration der heimischen Eliten in den Westen bedroht die ägyptische Gesellschaft, sondern vor allem die Arbeitsmigration in die Golfstaaten und nach Saudi-Arabien.

Seit Mitte der 1970er-Jahre ist die Auswanderung von Ägyptern nach Saudi-Arabien ein ernst zu nehmender Faktor. Damals war die Aussicht auf Arbeit auf der arabischen Halbinsel für viele Ägypter besser als im Westen, vor allem weil nur wenige von ihnen eine Fremdsprache beherrschten und nur über geringe akademische Qualifikationen verfügten. Unter der Regierung von Husni Mubarak, Mitte der 1990er-Jahre, nahm die Auswanderungswelle aufgrund von Korruption und enormen nationalen Einkommensunterschieden weiter zu. Heute leben etwa siebzig Prozent der Exilägypter auf der arabischen Halbinsel. Schätzungen zufolge sind davon ungefähr drei Millionen in Saudi-Arabien ansässig, was das Land noch vor Jordanien und Kuwait zum absoluten Spitzenreiter unter den Auswanderungszielen macht.

Doch das Leben in Saudi-Arabien bietet Ägyptern seit jeher nicht nur bessere Jobchancen, sondern auch einen Einblick in die dortige Kultur – eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Die Ägypter, die in ihre Heimat zurückkehren, sind nicht mehr die, die das Land verlassen haben. Viele von ihnen kommen verändert zurück, die konservativen und rückwärtsgewandten Werte Saudi-Arabiens und der Golfstaaten beeinflussen sie nachhaltig – auch begünstigt durch ihre geringe Bildung. Sie legen plötzlich großen Wert auf ein von Äußerlichkeiten bestimmtes religiöses Brauchtum, haben eine feindliche Einstellung gegenüber Kunst und Kultur und lehnen alles Andersgeartete ab, allen voran andere religiöse Gruppen wie etwa die Kopten.

Noch in den den 1950er-Jahren war Ägypten ein weltoffenes, modernes Land, in dem niemand daran gedacht hätte, das Tragen des Hidsch?b, also des Kopftuches, vorzuschreiben. Ein paar Jahrzehnte später hat der Einfluss des aus Saudi-Arabien importierten Wahhabismus bereits dazu geführt, dass das Tragen des Niqab, des Gesichtsschleiers, gang und gäbe ist.

So waren es auch die radikalisierten Rückkehrer aus Saudi-Arabien, die den Muslimbrüdern nach der ägyptischen Revolution einen perfekten Nährboden boten, um ihre Popularität innerhalb der Bevölkerung weiter auszubauen. Viele der eifrigen Bekehrer, die junge Ägypter zu einem Eintritt in die Bruderschaft überzeugen wollten, hatten sich erst in Saudi-Arabien den radikalen Positionen der Muslimbrüder angenähert und steckten nun ihre ganzen Ersparnisse in deren politische Kampagne. All das gipfelte 2012 in der Präsidentschaft Mohammed Mursis.

Die seit jeher von Toleranz geprägte ägyptische Identität und die kulturellen Eigenheiten des Landes werden von den zunehmend fundamentalistisch eingestellten Rückkehrern schrittweise untergraben und verfälscht. Die neuen konservativen Werte haben sich – unterstützt von enormen Kapitalmitteln aus den Golfstaaten – mittlerweile auch in der breiten Gesellschaft durchgesetzt. In der ägyptischen Presse darf kein Teil des weiblichen Körpers mehr unbedeckt gezeigt werden, Medienbeiträge, die sich gegen die Politik der Golfstaaten richten, werden zensiert oder verboten. Religiösen Führern und Predigern ist es längst gelungen, viele Künstler zur Aufgabe ihrer Kunst zu bewegen.

Nach und nach wurde so die kreative Fantasie der Ägypter ermordet und das Land ist dabei, den langen Kampf mit Saudi-Arabien um die Vorreiterrolle in der Region zu verlieren: Die ägyptische Kultur ist schon weitgehend zerschlagen. Nun ist umso wichtiger, der weiteren Ausbreitung von Sektierertum und rückwärtsgewandtem Denken entgegenzuwirken, beginnend mit der Förderung der säkularen Bildung.

Aus dem Arabischen von Stefanie Gsell



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