Die Another Day

von Fred Pearce

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Die Briten waren mit die Ersten, die die schlechte Botschaft vom Klimawandel hörten. Womöglich der erste Mensch überhaupt, der die Sache ernst nahm, war Guy Callender, ein Militäringenieur und Amateurmeteorologe. Er berichtete 1938 der Royal Meteorological Society, dass Messungen einen Anstieg des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre um sechs Prozent seit dem Jahr 1900 zeigten – und das müsse an der Verbrennung von Kohle und anderen fossilen Brennstoffen liegen.

Kurz darauf brach der Krieg aus und die Welt war mit anderen Dingen beschäftigt. Aber als das Thema in den 1980er-Jahren erneut aufkam, standen britische Wissenschaftler wieder ganz vorn. Sie warnten vor dem Klimawandel weit vor den Umweltgruppen wie Greenpeace, die selbst im Jahr 1989 noch ernsthafte Zweifel an den wissenschaftlichen Erkenntnissen hegten.

1988 stellte erstaunlicherweise gerade die konservative Premierministerin Margaret Thatcher öffentlich fest, dass der Klimawandel zu den größten Gefahren für die Welt zähle. Sie überzeugte die Vereinten Nationen, einen Weltgipfel abzuhalten, auf dem die UN-Konvention zum Klimawandel, ein Vorläufer des Kyoto-Protokolls und der Konferenz in Kopenhagen, unterschrieben wurde. Viele meinen, diese Vorreiterrolle in der Vergangenheit sei verantwortlich dafür, dass die britische Öffentlichkeit heute besonders sensibel auf das Thema Klimawandel reagiere. Doch das Land hat auch seine Skeptiker. Der prominenteste heute ist Lord Nigel Lawson, Thatchers Schatzkanzler aus der Zeit, als sie zum Schutz des Klimas mahnte.

Die etablierten Medien Großbritanniens informieren seit über zwei Jahrzehnten und damit länger als jedes andere Land regelmäßig und beständig über Wissenschaft und Politik des Klimawandels. Viele führende Wissenschaftler und Umweltjournalisten beteiligen sich mit ihrem Sachverstand daran. Es sind Schriftsteller wie Steve Connor und Michael McCarthy in der Zeitung The Independent, John Vidal und George Monbiot im Guardian und -Geoffrey Lean im Daily Telegraph.

Rundfunkkorrespondenten wie Roger Harrabin und David Shukman von der BBC reisen um die Welt und filmen für die Nachrichtensendungen der großen Fernsehanstalten abbrechende Eisschollen und andere Anzeichen des Klimawandels. Auch über die großen Klimaverhandlungen berichten britische Journalisten seit Jahren in größerem Ausmaß als jede andere Nation. Die Amerikaner mag die Botschaft von Al Gore in seinem Film „An Inconvenient Truth” überrascht haben. Die meisten Briten kannten die Geschichte bereits.

Das heißt aber nicht, dass die britischen Regierungen stärker als andere Länder Maßnahmen gegen den Klimawandel ergriffen hätten. Zwar sind die britischen Emissionen seit 1990 um 17 Prozent gesunken, dies ist aber größtenteils darauf zurückzuführen, dass die Kohleminen so gut wie vollständig geschlossen wurden und die Energieerzeugung auf Gas umgestellt wurde, was nur halb so viel Kohlendioxid produziert. Thatchers Nachfolger John Major, Tony Blair und zuletzt Gordon Brown haben das als Ausrede benutzt, um an anderen Fronten nichts zu unternehmen. So hinkt Großbritannien Deutschland und anderen europäischen Ländern hinterher, die Wind- und Sonnenenergieanlagen im großen Stil aufgebaut haben.

Diese Untätigkeit der Regierung macht viele Briten wütend. Und diese Wut, zusammen mit dem weitverbreiteten Wissen um die Problematik, erklärt womöglich den Erfolg der vielen Bürgerbewegungen, die den Ausstoß von Treibhausgasen in den Klein- und Großstädten und den Haushalten überall im Land drosseln wollen. Grüne Selbsthilfebücher und Fernsehsendungen wie Chris -Goodalls „Wie führe ich ein schadstoffarmes Leben” erklären bis ins kleinste Detail, wie fast jeder Haushalt seine CO2-Bilanz um gut 75 Prozent senken kann.

Sehr populär ist in Großbritannien sowohl im privaten als auch im geschäftlichen Bereich der Ausgleich von Kohlendioxidemissionen. Einige der weltweit größten Firmen für den CO2-Ausgleich, darunter ClimateCare, sind in Großbritannien beheimatet und London hat sich zum Zentrum des globalen Emissionshandels entwickelt. Britische Firmen haben auf die Klimaängste der Konsumenten reagiert und öffentlich erklärt, dass sie entschlossen seien, ihre Geschäfte durch Emissionssenkungen und den Kauf von CO2-Gutschriften „kohlendioxidneutral” zu machen.

Viele Klimainitiativen haben einen sozialen Charakter. Ein Beispiel ist das Netzwerk „Transition Towns“, das sind Städte, die sich zusammengeschlossen haben, um neue Pläne zur Reduzierung von Schadstoffen zu entwickeln und so ihre Abhängigkeit von den schwindenden Ressourcen an fossilen Brennstoffen zu verringern. Die Bewegung ist inzwischen international, aber die größte Zahl von Transition Towns findet man in Großbritannien. Lokalpatriotismus ist ein wichtiger Aspekt dieser Bewegung. Man will lokal produzieren, um die örtliche Wirtschaft zu stärken und durch kurze Transportwege CO2-Emissionen zu verringern.

So verbinden sich gesellschaftliche Ideale mit dem Umweltschutz. Einige Transition Towns geben sogar eine eigene Währung heraus: das Totnes-Pfund und das Lewes-Pfund beispielsweise. Diese Währungen sind vollständig in Britische Pfund umtauschbar und können nur in ausgewählten Läden, die lokale Produkte anbieten, benutzt werden. Hauptsächlich mögen sie einen symbolischen Wert haben, aber sie kurbeln auch den lokalen Handel an. Viele Händler nehmen die Lokalwährungen an, obwohl sie in einigen Fällen beim Umtausch in Britische Pfund fünf Prozent an Wert verlieren.

Eines der jüngsten Beispiele unabhängiger Bürgerbewegungen ist die Kampagne 10:10 (sprich: Ten-Ten), die im September 2009 im Vorfeld der Klimakonferenz in Kopenhagen gestartet wurde. Unterstützt von der Zeitung The Guardian, die eine der weltweit meistbesuchten Webseiten für „grüne Nachrichten” betreibt, fordert die Kampagne 10:10 Privatpersonen und Organisationen dazu auf, zu versprechen, den Ausstoß von Kohlendioxid im Jahr 2010 um zehn Prozent zu senken. Die meis-ten führenden Politiker haben die Initiative umgehend unterstützt. Auch die gesamte „erste Riege” des konservativen Schattenkabinetts, aus dem aller Vorrausicht nach die nächste Regierung hervorgehen wird, hat unterschrieben, ebenso viele große Firmen und Organisationen, darunter Fußballklubs, Theater und Krankenhäuser, außerdem Prominente, allen voran Starköche und Rockmusiker, sowie normale Bürger. Ende November waren 50.000 Verpflichtungen zusammen.

10:10 offeriert den Menschen zehn Wege, ihr Ziel zu erreichen: Fahrt weniger fliegt weniger verschwendet weniger Essen und Wasser kauft hochwertige, haltbare Waren schaltet Geräte aus regelt die Heizung herunter esst lokal vermeidet Verpackungen und recycelt, was ihr nicht vermeiden könnt und werden fit durch Laufen und Fahrradfahren.

Die Kampagne 10:10 schlägt eine neue Richtung ein. Auf der Suche nach Inspiration und im Glauben, dass eine neue grüne Kulturagenda entstehen könnte, rückte sie statt Wissenschaftlern, Politikern und großen Firmen, die Künstler ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Der Guardian veröffentlichte eine komplette Beilage zu Künstlern und ihrer Haltung zum Klimawandel. Auch die Kampagne 10:10 selbst ist die Idee einer Künstlerin, der Filmemacherin Franny Armstrong, die den einflussreichen Film über den Klimawandel „The Age of Stupid“ gemacht hat.

Nicht überall war 10:10 erfolgreich. Im britischen Unterhaus stimmten die Abgeordneten gegen eine Verpflichtung des gesamten Regierungsapparats, bei der Kampgne mitzumachen. Ob die Unterzeichner von 10:10 ihre Versprechen halten werden, kann man nicht wissen. Die Einhaltung wird nicht kontrolliert. Wir können aber sicher sein, dass viele Leute die öffentlich versprochenen Einsparungen vonseiten der Energieriesen wie der französischen Versorgerfirma EDF überprüfen werden.

Es ist bemerkenswert, wie viele reiche und berühmte Leute sich verpflichtet fühlten zu unterschreiben, weil es so einfach war und zweifelsohne gut für das öffentliche Image. In Großbritannien ist es heute gang und gäbe, grün zu sein. Seinen CO2-Ausstoß zu senken, ist genauso normal, wie im Restaurant auf das Rauchen zu verzichten. Noch ist es zu früh zu sagen, die Briten stünden am Scheitelpunkt einer echten Umwälzung ihrer sozialen Normen. Während das Rauchen im Restaurant verboten ist, könnte Kohlendioxid ausgleichen zu wollen eine Mode sein, die nach Kopenhagen schon bald passé ist. Auch wehren sich einige Menschen in Großbritannien gegen erneuerbare Energien. Die Feldzüge von Anwohnern gegen Windkraftanlagen in ihren Gemeinden verlaufen in Großbritannien härter als irgendwo sonst auf der Welt, besonders in Schottland, wo aufgrund lockerer Planungsgesetze einige Bergzüge von Windfarmen übersät sind.

Manche Veränderungen scheinen aber von Dauer zu sein. Die Briten stellen sich heute an der Bushaltestelle nicht mehr gehorsam in eine Schlange, aber sie recyceln ihren Hausmüll. Sie stehen am Ende einer Kinovorführung vielleicht nicht mehr auf, wenn sie die Hymne „God Save the Queen” hören, aber sie bringen sich ihre Tüten zum Einkaufen selbst mit, anstatt jedes Mal neue zu nehmen. Achtung wird in Großbritannien heute nicht mehr so sehr den gesellschaftlichen Sitten entgegengebracht als vielmehr der Umwelt. Das ist schon eine große Veränderung.

Aus dem Englischen von Rosa Gosch

Siehe auch: Peter Buchanan, „Verplante Städte“, Seite 40



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