Kein Index ist perfekt

von Jonathan McClory

Neuland (Ausgabe II/2016)


In vielerlei Hinsicht war das Jahr 2015 für die Anhänger von Soft Power ein hartes Jahr. Wer in der Außenpolitik einen Ansatz vertritt, der vorrangig auf Diplomatie, Überzeugungskraft und kulturelle Attraktivität setzt, musste sich fragen lassen, warum der Bürgerkrieg in Syrien fortdauert und der Konflikt vor der europäischen Haustür in der Ukraine nicht lösbar erscheint.

Diese Ereignisse haben den Kritikern der Soft Power, die behaupten, dass nur militärischer und wirtschaftlicher Druck in der Vergangenheit etwas bewirkt habe, in die Hände gespielt. Eine Politik der harten Linie setzt sich allerdings in Regierungen und unter politisch Mächtigen nicht durch. Singapur etwa, dessen Einfluss weltweit beträchtlich ist, unterstützt diese kriegsbejahende Position nicht.

Es sprechen gute Gründe für die Annahme, dass die alten Hebel der Machtausübung nicht mehr genügen. Überall befinden sich alte Ordnungen und Sicherheiten in Auflösung. Politische Einflussnahme ist vielfältiger geworden, bewegt sich von West nach Ost, von Nord nach Süd, wird von Staaten und nicht staatlichen Akteuren ausgeübt und geht, getragen durch soziale Netzwerke, von den Eliten auf die Allgemeinheit über. Wir sehen auch, dass Probleme sich selten an Staatsgrenzen aufhalten lassen.

In dieser komplexen Welt geben viele Länder inzwischen Joseph Nye recht, der als Erster vor 26 Jahren den Begriff der Soft Power prägte und dem Austausch mit anderen Ländern größeren Einfluss beimaß als dem Druck auf sie. Diese Einflussnahme gründet sich auf der Anziehung und Überzeugungskraft eines Landes. Sie unterstützt den Aufbau von Netzwerken und stärkt die Zusammenarbeit.

Für den erfolgreichen Einsatz von Soft Power müssen Regierungen zunächst wissen, was sie anzubieten haben und wo das wirksam werden kann. Es bedarf besonderer Fachkenntnis in der Bewertung von Soft Power – und genau daran mangelt es vielen Außenministerien. Aus drei Gründen ist es leider schwer, Soft Power zu messen. Erstens bildet eine Vielzahl an Faktoren die Soft Power eines Landes – oder behindert sie. Zweitens ist es oft nicht einfach, diese Faktoren in messbare Variablen zu überführen. Und schließlich ist die Soft Power eines Landes von subjektiver Natur, sie ist anfällig gegenüber Meinungsumschwüngen und Stimmungsschwankungen in anderen Teilen der Welt.

Ungeachtet dieser Schwierigkeiten hat das Bedürfnis, Soft Power zu quantifizieren, zu immer mehr Indexen und Umfragen geführt, die, oftmals in Form eines Rankings, entweder die Soft Power oder die globale Wahrnehmung eines Landes bewerten.

Ich arbeitete 2010 am Institute for Government zum ersten Mal an der Erstellung eines Soft Power Index. Zu dieser Zeit gab es an vergleichbaren Indexen nur den Anholt-GfK Roper Nation Brand Index und den Country Ratings Poll von BBC World Services. Seither sind neue Indexe dazugekommen, darunter der Soft Power 30 meiner Firma Portland und Facebook (eine Fortentwicklung meiner Arbeit am Institute for Government), der Country Brand Index von FutureBrand, das Nation Brands Ranking von Brand Finance und erst kürzlich Best Countries von U.?S. News & World Report, ein Ranking, in dem Deutschland 2016 als „das beste Land der Welt“ abschneidet.

Einige dieser Indexe sind, was die Methodologie anbelangt, verlässlicher als andere. Während einige Forscher vor immer mehr Indexen zurückscheuen, finde ich, es gibt noch Raum für weitere. Keiner der Indexe ist perfekt, weil Softpower ein derart komplexer Gegenstand ist. Forscher, die behaupten, sie hätten den perfekt zusammengesetzten Index entwickelt, lügen oder geben sich einer Illusion hin.

Weil diese Indexe immer unvollkommen bleiben, sind weitere Indexe eher positiv als negativ zu sehen. Forscher – und hoffentlich auch politische Entscheider – profitieren von der Berechnung unterschiedlicher Daten in den verschiedenen Indexen, und wenn man die ersten zehn Plätze unterschiedlicher Rankings miteinander vergleicht, so finden sich doch eine Reihe von Übereinstimmungen. Die Aufgabe, die sich Forschern bei der Vermessung der Soft Power stellt, ist, ihre Messinstrumente immer feiner abzustimmen und zu kalibrieren. Mit jedem weiteren Durchgang nähern wir uns dem tatsächlichen Wert der Soft Power an. Und je wichtiger in den Ländern der Einsatz und die Steigerung von Soft Power wird, umso eher dürfen wir auf eine kooperative Weltgemeinschaft hoffen.

Aus dem Englischen von Karola Klatt



Ähnliche Artikel

Das Paradies der anderen (Wie ich wurde, was ich bin)

Vermitteln lernen

von Heidi Tagliavini

Ich habe mich im Leben oft spontan für Dinge entschieden, die eigentlich eine Nummer zu groß für mich waren

mehr


Das Deutsche in der Welt (Thema: Deutschsein)

Liebe zum Detail

von Anja Pietsch, Beatrice Winkler

Wie ein Mercedes-Manager, eine Diplomatengattin und ein Unternehmensgründer in Damaskus leben

mehr


Ganz oben. Die nordischen Länder (Thema: Skandinavien)

Das Geheimnis unseres Erfolgs

von Mikael R. Lindholm

Die nordischen Modelle waren nie marktwirtschaftlich gedacht sondern als gesellschaftliche Visionen

mehr


Was bleibt? (Die Welt von morgen)

E-Residency

Eine Kurznachricht aus Estland

mehr


Am Mittelmeer. Menschen auf neuen Wegen (Wie ich wurde, was ich bin)

„Ich glaube nichts sofort“

von Avi Primor

Wie man als Diplomat lernt, die Dinge von zwei Seiten zu betrachten - und sich an die Deutschen und klassische Musik gewöhnt

mehr


Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Theorie)

„Oberflächliche Eindrücke“

von Roald Maliangkay

Wie mächtig ist Kultur? Welche Rolle spielt Kultur in den internationalen Beziehungen? Bestimmen nicht doch eher wirtschaftliche Macht und politische Stärke die Außenwahrnehmung einer Nation?

mehr