„Etwas im Hier und Jetzt tun“

ein Gespräch mit Anthony Giddens

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


In Großbritannien ruft die Kampagne 10:10 (sprich: Ten-Ten) Menschen dazu auf, den persönlichen Kohlendioxidausstoß ab 1. Januar 2010 um zehn Prozent im Jahr zu senken. Sie hat bereits viele Anhänger gefunden. Sind die Briten besonders umweltbewusst?

Ich glaube nicht. Der Erfolg liegt daran, dass die Initiatorin der Kampagne, die Regisseurin Franny Armstrong, den Film „The Age of Stupid“ über den Klimawandel gemacht hat. Sie ist Britin und der Film eine britische Produktion, die weithin zufällig globale Folgen hatte. Ich denke, es hatte in keiner anderen Weise etwas mit Großbritannien zu tun. Die grüne Bewegung hat hier im Unterschied zu Deutschland keine tiefen historischen Wurzeln.
 
Aber zeigt der Erfolg von 10:10 nicht, dass sich die Briten der Bedeutung des Klimawandels besonders bewusst sind?

Ich habe die Initiative von Anfang an stark unterstützt, denn es bedeutet, etwas im Hier und Jetzt zu tun. Aber es ist für die meisten Leute eigentlich ziemlich einfach, ihre Emissionen um zehn Prozent im Jahr zu senken. Wenn man sich zehn Prozent vornimmt, pflückt man die Früchte, die ganz unten hängen. Aber es kann der Beginn von etwas Tiefergreifendem sein und das Bewusstsein der Menschen und Firmen ändern. 
 
Wie geht die britische Politik mit dem Thema Klimawandel um?

Großbritannien hat für die Zukunft eine ziemlich effektive Gesetzesgrundlage. Das Klimawandel-Gesetz von 2008 geht womöglich weiter als das in Deutschland, weil es einen Plan für die nächsten 20 Jahre festsetzt. Es schreibt vor, dass jede zukünftige Regierung die festgesetzten Emis-sionsziele erreichen muss. Und es gibt eine Kommission, die überwachen soll, was jede zukünftige Regierung tut.

Ist der Klimawandel ein Thema im Wahlkampf für die Parlamentswahlen im Sommer 2010?

Es scheint nicht so und ich glaube, das ist auch gut so, weil meiner Meinung nach der Klimawandel kein Thema von rechts oder links ist. Man braucht einen Konsens in der Bevölkerung, um eine effektive Politik durchzusetzen. Hier bin ich zuversichtlich. Als das Klimawandelgesetz im Parlament verabschiedet wurde, haben es die meisten Tories und Liberalen sowie die Labour-Regierung unterstützt. Ich denke, es wird über die Wahlen, die die Tories wahrscheinlich gewinnen werden, hinaus Bestand haben. 
 
Aber brauchen wir nicht auch internationale Abkommen, um dem globalen Phänomen Klimawandel zu begegnen?

Angenommen man wäre in der Lage, ein Abkommen zwischen 180 Ländern auf der Welt zu schließen. Solange China und die USA nicht mitmachen, sind wir verloren, weil die beiden rund 40 Prozent der Kohlendioxidemis-sionen produzieren.

Wie sieht Ihrer Ansicht nach die Zukunft der Labour-Partei aus?

Als Labour-Unterstützer bin ich besorgt, dass es, falls die Partei die Wahlen sehr hoch verlieren sollte, zu einer Spaltung der Linken in Großbritannien führen könnte und als Folge die Linken von der Macht ausgeschlossen bleiben. Das ist in Deutschland, Frankreich und Italien geschehen. Wir müssen darüber nachdenken, wofür Mitte-Links-Parteien heute stehen – besonders nach der Finanzkrise und im Hinblick auf das Thema Klimawandel und Umwelt.

Die Sozialdemokraten stehen heute nicht nur in Großbritannien unter großem Druck.

Denken Sie zurück an das Jahr 2000. Damals waren viele Mitte-Links-Parteien in Europa an der Macht. Das lag aber nicht an einem allgemeinen Linksrutsch, sondern an einer Verkettung von Umständen. Das Gleiche gilt heute für die Dominanz konservativer Parteien. Wir werden eine Rückkehr der sozialdemokratischen Parteien an die Regierungsmacht sehen, sowohl aufgrund ideologischer Neuausrichtung als auch aufgrund der politischen Zyklen. Und in Griechenland und Portugal haben zuletzt die Sozialdemokraten gewonnen. Wenn Sie sich weiter umschauen, sehen Sie Kevin Rudd in Australien und die Kongresspartei in Indien. Die Welt als Ganze ist also in jedem Fall bunter, als man denkt.

Das Interview führte Rosa Gosch



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