Ratschläge aus Rom

von Michèle Lowrie

Neuland (Ausgabe II/2016)


Der Altphilologe Philip Freeman hat berühmte antike Werke neu übersetzt: Auszüge aus den theoretischen Arbeiten des römischen Redners und Staatsmanns Marcus Tullius Cicero hat er in dem Text „How to Run a Country“ zusammengefasst; die Ratschläge, wie man eine Wahl gewinnt („How to Win an Election“), die Marcus’ Bruder Quintus Cicero schrieb, liegen nun auch in neuer Übersetzung vor. Ein Blick auf die Zeit der Brüder, die Römische Republik, könnte den Kandidaten der US-Vorwahlen zur Präsidentschaft die Augen öffnen. Die Empfehlungen aus der Epoche des Niedergangs der Republik bergen aber auch politische Fallstricke für das kriselnde Amerika.

Wenn Experten Analogien zum antiken Rom ziehen, gerät man leicht in die Bredouille. Karl Marx erklärte, dass sich die Französische Revolution von 1789 bis 1814 „abwechselnd als Römische Republik oder römisches Kaisertum drapiert hat“. Auch heute wird die tugendhafte Republik, die Rom einst war, zugunsten des dekadenten Kaisertums vergessen: Die New York Times etwa hat die republikanischen Präsidentschaftskandidaten als Gladiatoren bezeichnet und Trump des Caesarismus beschuldigt.

Mit Philip Freemans Übersetzungen können Leser sowohl einen Blick auf die Römische Republik werfen als auch die Strategien der US-Präsidentschaftskandidaten besser verstehen. Man lernt, dass Wahlkampagnen und Führung immer einen Spagat zwischen Idealen und der Realität der Machtausübung darstellen. Quintus’ Ratschläge, die er einst für seinen Bruder Marcus verfasste, der sich 62 v.Chr. um das Amt eines Konsuls bewarb, und Marcus’ eigene Überlegungen zur Staatskunst unterstreichen die Beständigkeit der Politik.

Marcus Tullius Cicero war ein Neuling ohne aristokratische Vorfahren. Sein Vorbild passt wunderbar auf die Kandidatur der Outsider: Donald Trump ist politisch unerfahren und gehört nicht zum alteingesessenen Establishment. Das sieht ein Teil der amerikanischen Wählerschaft als Vorteil.

Quintus konzentriert sich in „How to Win an Election“ hingegen auf die Bedeutung von Beziehungen. Genügt es im US-Wahlkampf, wenn „Männer mit ausgezeichneter Reputation“ die gut vernetzte Hillary Clinton unterstützen, indem sie sich für sie einsetzen? Laut Quintus wiegt die charakterliche Eignung eines Kandidaten schwer. „Aufrichtigkeit“ zahle sich aus, genauso wie „natürliche Ausstrahlung“. Der texanische Senator und republikanische Kandidat Ted Cruz hat nichts davon.

Darüber hinaus empfiehlt Quintus, sich die Eliten „warm zu halten“ und eine breite Wählerbasis aufzubauen. Jeb Bush scheiterte bereits daran, das republikanische Establishment für sich zu mobilisieren. Die Stimmen der Jungwähler, die sich Bernie Sanders hingegen sicherte, und seine „Vielseitigkeit“ machen ihn wiederum zu einem beeindruckenden Kandidaten. Laut Quintus kann auch eine gute Show mit „würdevollem Auftreten“ einhergehen. Marco Rubio aus dem Kandidatenkreis der Republikaner wiederholte sich bei TV-Debatten allerdings ständig und lieferte so anderen Kandidaten eine Angriffsfläche. Der Medienzirkus des 21. Jahrhunderts lässt wenig von Marcus’ Stärke, der Redekunst, zu.

Laut Quintus würde das Fernbleiben von einer Debatte selbst einen führenden Kandidaten Wählerstimmen kosten. Trump schwänzte eine TV-Debatte in New Hampshire, doch das hinderte ihn nicht daran, dort seinen ersten Erfolg beiden Vorwahlen einzufahren.

„Es sind außergewöhnliche Fähigkeiten, hohes Ansehen und Errungenschaften nötig, um Wähler für sich zu gewinnen, wenn man sich nicht die Zeit nimmt, mit ihnen direkt zu reden. Ein fauler Schurke, der nicht bereit ist, mit Unterstützern zu arbeiten (...), der wenig Ansehen genießt und keine Freunde hat, kann unmöglich einen Menschen schlagen, der von vielen unterstützt und von allen bewundert wird, ausgenommen, etwas läuft absolut schief“, hält Quintus fest. Leider gibt er keinen Hinweis darauf, was zu tun ist, wenn es gar keinen bewundernswerten Kandidaten gibt. Solche Tipps könnten die aktuellen Anwärter gut gebrauchen: An Dramatik haben sie einiges zu bieten. Hillary Clintons E-Mail-Skandal (als Außenministerin nutzte sie eine private Adresse für offizielle Korrespondenz) und Bill Clintons Eskapaden können ihr noch Schaden.

Die Texte in „How to Run a Country“, die Freeman aus verschiedenen Schriften Marcus Ciceros ausgewählt hat, unterstreichen die Aussage seines Bruders Quintus: die Nichteinhaltung von Versprechen wird nicht bestraft. Vielmehr erhalten Kompromisse das Gleichgewicht der Macht. Die Amerikaner werden es also verzeihen, wenn die vielen Beteuerungen der Kandidaten nicht eingelöst werden: eine Einheitskrankenkasse, gebührenfreie Universitäten oder eine Mauer zwischen Mexiko und den USA.

Vielmehr ist laut Marcus Cicero für das Regieren wesentlich, dass Privateigentum geschützt und gewahrt wird. Die „gleichmäßige Verteilung von Gütern“ findet er unsinnig, obwohl alle Bürger „eine Vielzahl lebensnotwendiger Güter“ besitzen sollten. Er tendiert beim Thema Einkommensungleichgewicht politisch nach rechts, in puncto Einwanderung stark nach links. Die derzeitige Abwehrhaltung in den USA gegenüber mehr Einwanderern aus Mexiko und muslimisch geprägten Ländern würde ihn erstaunen: „Wir machen uns stärker, wenn wir als Bürger sogar unsere Feinde willkommen heißen.“ Er verweist auf die Vorfahren bis in die Zeiten von Romulus und die römische Tradition des Asyls – ein Hinweis, mit der die Entschlossenheit Angela Merkels in der Flüchtlingskrise gewürdigt wird.

Auch im Glauben bezieht Marcus Cicero Position und weist Parallelen zu heutigen US-Kandidaten auf: Den bibeltreuen Republikaner Ted Cruz würde er wohl unterstützen, denn auch für Cicero gibt es einen allumfassenden Gott, dem selbst das Universum gehorcht. Gleichwohl wäre es für ihn jedoch Häresie, wenn Monotheisten ihre Anschauungen wechselseitig ablehnen würden.

Freeman hat Texte diese Werke ausgewählt und übersetzt, um damit aktuelle politische Fragen zu diskutieren, insbesondere in den USA. Die Ähnlichkeiten seiner Personenbeschreibungen mit dem Gebaren der gegenwärtigen Kandidaten des Wahlkampfs lassen außerdem eine tiefere Wahrheit zutage treten. Marcus Ciceros Ideen beeinflussten die Gründungsväter der Vereinigten Staaten beim Aufbau einer demokratischen Republik.

Seit den Anfängen der Verfassungsgebung beeinflusste die römische Denkweise also die US-amerikanische politische Kultur. Freeman erweist uns einen Dienst, indem er das alte Material neu aufbereitet. Er übersetzt die „collegia“ und „sodalitates“ als „Lobbyisten“ und die „equites“ nicht als „Ritter“, sondern „Business Communities”. Das ist kess, aber zeitgemäß, und seine Wortwahl ist getreu dem Lateinischen. Für „optimates versus populares“ sind die Begriffe „Traditionalisten” und „Populisten“ durchaus zutreffend. Die Einführungen, der historische Rückblick und das Glossar bieten genau die richtige Menge an Informationen. Es gibt nur Weniges, was man hätte ergänzen können. Den Hinweis auf Ciceros ständige Rede von der „Republik“ und die Tatsache, dass amerikanische Politiker ihre Sätze immer mit „die Vereinigten Staaten von Amerika“ beenden, lässt Freeman aus. Die Stärken dieser zwei kurzen, ansprechenden Bände wiegen also schwerer als ihre Schwächen. Das Beste an ihnen ist, dass eine vergessene Tradition erklärt und spannend dargestellt wird. Würden Politiker und Wähler grundlegende politische Konzepte besser kennen, würden sie verstehen, dass politische Kategorien keine allgemeinen Gegebenheiten, sondern historisch gewachsen sind.

Können Empfehlungen aus der Zeit des antiken Roms für die gegenwärtige politische Situation wirklich hilfreich sein? Ciceros Klage, dass nur ein verblichenes und brüchiges Bild  von der einst starken und stabilen Republik bleibt, scheint wieder der Wahrheit zu entsprechen. Karl Marx würde sagen, dass der Blick zur Römischen Republik die Gefahr birgt, die Tragödie ihres Untergangs zu wiederholen, denn „alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen ereignen sich so zu sagen zweimal (…): das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce“.

Aus dem Englischen von Bettina Moegelin



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