Zügel in der Hand

von Monika Mehlem

Was bleibt? (Ausgabe I/2016)


Stellen Sie sich vor, jemand legt Ihnen von hinten eine Hand auf die Schulter. Wie, glauben Sie, wird Ihr Körper reagieren? Zuckt er zusammen und macht einen Satz nach vorne, um sich zu entziehen? Erstarrt er vor Schreck und ist wie gelähmt? Oder entspannt er sich unter der Berührung und schaut neugierig nach, wem die Hand gehört? Körperliche Spontanreaktionen auf Impulse von au?en lassen verkörperte Erinnerungsmuster des Menschen erkennen, die sich im Laufe des Lebens, abhängig von der Qualität der individuellen Erfahrungen, einprägen. Emotionale Erlebnisse hinterlassen Erinnerungsspuren im Körper, selbst wenn sie dem bewussten Erinnern nicht (mehr) zugänglich sind. Sie bilden neuronale Verschaltungen und sind in Arealen des Gehirns gespeichert, die wir nicht bewusst aktivieren können, wohl aber durch therapeutische Interventionen.

Wilhelm Reich, einer der Begründer der Körperpsychotherapie, sagte einmal: „Jede muskuläre Verkrampfung enthält die Geschichte und den Sinn ihrer Entstehung.“ So ist die individuelle Körperhaltung eines Menschen der Schlüssel zu seiner Lebensgeschichte und zu seinen Ressourcen. Denn wenn verdrängte, weil belastende, Erfahrungen durch Verspannungen der Muskulatur ins Unbewusste verbannt sind, können sie auch durch gezielte Beeinflussung und Lockerung des Körpers wieder wachgerufen werden. Da die Verdrängung emotionaler Inhalte ständig Energie kostet, ist ein Körper, der nicht mehr verdrängen muss, insgesamt vitaler, beweglicher und harmonischer.

Die Erinnerungen des Körpers zu wecken, bedarf eines Impulses von außen. In der Körperpsychotherapie sind zahlreiche Übungen dazu entwickelt worden, als besonders hilfreich hat sich der Einsatz von Pferden bewährt. Der Kontakt mit einem Pferd wird von den meisten Menschen viel weniger bedrohlich empfunden als die Berührung durch einen anderen Menschen, vor allem, wenn in der Vergangenheit menschliche Berührungen verletzend waren. Das Pferd hat einen siebten Sinn für menschliche Körperkommunikation. Es reagiert nicht nur auf willkürliche bewusste Bewegungen seines Reiters, sondern auch auf unbewusste Verspannungen und Tonusveränderungen und vermittelt so dem geschulten Auge des Therapeuten wichtige Informationen über die emotionale Befindlichkeit des Klienten.

Eine meiner Patientinnen litt unter psychosomatischen Symptomen, sogenannten psychogenen Lähmungserscheinungen. In Stresssituationen verlor sie die gefühlte Kraft in den Armen und Beinen, sie konnte dann kaum noch stehen und musste sich hinsetzen. Ihre Handlungsfähigkeit war stark eingeschränkt und die taktile Sinnesempfindung herabgesetzt. Eine körperliche Ursache für ihr Leiden konnte ausgeschlossen werden. In der Therapie habe ich meine Patientin langsam an den Kontakt mit dem Pferd herangeführt, bis sie schließlich den Wunsch äußerte, das Pferd zu reiten. Auf dem Pferderücken wurde sie bewegt, ohne selbst aktiv zu sein, sie wurde getragen, ohne sich selbst halten zu müssen. Der Bewegungsrhythmus des Pferdes entspricht dem menschlichen Gehen, so wird während des Reitens ein Impulsmuster auf den Körper des Reiters übertragen, das schon der Embryo im Mutterleib erlebt hat. So knüpft das Reiten im Schritt an die frühesten Bewegungserfahrungen an und unterstützt die angeborenen Potentiale einer freien und ungehinderten Bewegungsfähigkeit.

Im Verlauf mehrerer Therapieeinheiten veränderte sich das Bewegungsmuster der Patientin. Sie begann, Arme und Beine kraftvoller zu bewegen. Mit wachsender Sicherheit wünschte sie sich, schneller zu reiten, und sie ließ das Pferd mit meiner Unterstützung antraben. Das Tempo erlebte sie als Befreiung, sie verband damit die Möglichkeit, zu fliehen und die Richtung selbst zu bestimmen. Erstmalig erinnerte sie Situationen aus ihrer Kindheit, in der sie dem Streit der Eltern und der Gewaltbereitschaft des Vaters ausgeliefert war, ohne den damit verbundenen Gefühlen von Angst und Bedrohung entkommen zu können. Die Symptome konnten mit ihrer ursprünglichen Bedeutung verbunden werden. Der Körper meiner Patientin war der Schlüssel zur Erinnerung an psychische Konflikte, durch deren Bewusstwerdung lösten sich auch ihre körperlichen Probleme auf. Sie lernte, konstruktiv mit Schwierigkeiten umzugehen und sich allzu belastenden Situationen zu entziehen.



Ähnliche Artikel

Was bleibt? (Thema: Erinnerungen )

Geschichte wird gemacht

von Peter Ulrich Weiß

Über die Rolle der Archivare in deutschen Institutionen

mehr


Was bleibt? (Thema: Erinnerungen )

„Erinnerungen sind unser Leben“

ein Gespräch mit Eric Kandel

Der US-amerikanische Neurowissenschaftler Eric Kandel untersucht seit Jahrzehnten, wie das Gedächtnis Erfahrungen speichert

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Thema: Krieg)

Totgepredigt

von Nadim Oda

Im Irak ist ein Kampf der Konfessionen um die Kultur ausgebrochen

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Thema: Krieg)

„Vielleicht sterbe ich“

ein Gespräch mit Shinkai Zahine Karokhail

Im Januar 2005 verabschiedete die Loja Dschirga in Afghanistan eine neue Verfassung. Darin ist eine Frauenquote von 25 Prozent verankert. Was das für Frauen bedeutet, erklärt die Parlamentarierin

mehr


Was bleibt? (Thema: Erinnerungen )

Vergessen tut gut

von Noam Shpancer

Wir sind nicht immer Herr unserer Erinnerungen – aus gutem Grund

mehr


Nonstop (Umfrage)

53% der Sri Lanker wollen, dass der Bürgerkrieg besser aufgearbeitet wird*

kommentiert von Dilrukshi Handunnetti

Auch ein Jahrzehnt nach dem Ende des Bürgerkriegs zwischen Singhalesen und Tamilen ist eine Gleichstellung der beiden Bevölkerungsgruppen nur eine Illusion

mehr