Der Duft der Erwachsenen

von Peaches, Wolfgang Beltracchi, Tacita Dean, Wais Dirie, Tom Robbins, Serhij Zhadan

Was bleibt? (Ausgabe I/2016)


Wie riecht die Erwachsenenwelt? In der Kindheit sind alle Farben leuchtend, alle Stimmen wohllautend und alle Gerüche leicht und erregend. Sie helfen, sich nicht zu fürchten, sie lehren Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit. Als Kind hat mit der Geruch des erwachsenen Lebens immer gefallen. Das Leben roch nach Sonne und Schnee, Erde und Motoröl. Die Kleider meines Vaters rochen nach Arbeit, nach wichtigen Angelegenheiten und ernsthaften Gesprächen. Die Einkaufstaschen der Erwachsenen rochen nach warmem Brot. Die Erwachsenenwelt bestand aus unzähligen Dingen und Gegenständen, und man konnte sie an ihrem Geruch erkennen. Kugelschreiber und Telefonbücher, Rasierklingen, Taschenspiegel, Zigarettenpackungen, mechanische Armbanduhren, Federmesser, Kupfermünzen, Sonnenbrillen – das Leben war wunderbar und unerschöpflich. Es bestand aus Farben und Gerüchen. Aus Liebe also.

Serhij Zhadan, geboren 1974, ist ein ukrainischer Autor. Er lebt in Charkiw.

Heilender Weihrauch

Meine Mutter galt in der Wüste in Somalia als Heilerin. Viele Menschen kamen zu ihr, wenn sie, ihre Kinder oder ihre Kamele krank waren. Für jedes Ritual verwendete meine Mutter Weihrauch, ein Jahrtausende- altes Heilmittel der Nomaden, das schon die alten Ägypter von uns aus dem Puntland importierten. Sie machte daraus Heilcremes oder zerstieß die Körner zu Pulver, das sie den Kranken verabreichte. Selbst in unserer Hütte entzündete sie abends Weihrauch, um böse Geister und Ungeziefer fern zu halten. Dieser Geruch begleitete mich meine ganze Kindheit über. Heute noch schickt mir meine Mutter Weihrauch aus Somalia. Abends entzünde ich davon manchmal etwas in meinem Wohnzimmer, versammle meine Kinder um mich und erzähle ihnen Geschichten aus meiner Kindheit.

Waris Dirie, geboren 1965, ist Model, Autorin und Menschenrechtsaktivistin.

Im Brombeerdickicht

Den Duft von Brombeeren und Himbeeren verbinde ich mit meiner Mutter. Wie sie mich damals in dicke Trainingshosen verpackte und in nicht enden wollende Gestrüppe schleppte. Bevor wir uns auf den Weg zu mannshohen Farndickichten machten, band sie sich einen Eimer um und mir eine blecherne Milchkanne an den Gürtel. Doch obwohl ich all meinen Ehrgeiz daran setzte, schaffte ich es nie, meine kleine Kanne zu füllen, bevor meine Mutter die letzte Beere gepflückt hat.

Wolfgang Beltracchi, geboren 1951, ist ein deutscher Maler und Kunstfälscher.

Götterbaum und AJAX

Wenn es in den Straßen wieder nach Sperma riecht, weiß ich, dass es Sommer ist. Der Geruch kommt von den Blüten des Götterbaums. Jedes Jahr ist es das Gleiche. Du stehst draußen und plötzlich erinnerst du dich an eine hei?e Nacht und an die Spermareste auf deinem Bettlaken. Gleichzeitig verbinde ich den Geruch mit dem Putzmittel Ajax, das ich benutze, um meine Badewanne sauber zu machen. Haben sie das Mittel auf einer öffentlichen Toilette zum Reinigen verwendet, so kann es passieren, dass mir der Geruch in die Nase strömt und ich mich frage: „Habe ich gerade Sex, stehe ich draußen oder bin ich im Bad?“ Sehr verwirrend.

Peaches, geboren 1968, ist eine kanadische Sängerin und Musikproduzentin. Sie lebt in Berlin.

Florentiner Flüssigseife

Als ich 17 Jahre alt war, fuhr ich mit einer Freundin für zwei Wochen nach Florenz, um dort Gemälde der Frührenaissance zu studieren. Wir reisten allein, ohne die Aufsicht eines Erwachsenen. In meiner Erinnerung ist diese Zeit der Unbesonnenheit, die glückseligen Tage neu gewonnener Freiheit, eng mit dem Geruch der Flüssigseife auf den öffentlichen Toiletten des Florentiner Hauptbahnhofs verbunden. Ein kleines Tintenglas davon füllte ich ab und nahm es mit nach Hause. Wenn ich in späteren Jahren den Deckel anhob, kam die Erinnerung an die Zeit in Florenz immer schlagartig zurück. Es wurde eines meiner wertvollsten Erinnerungsstücke. Traurigerweise wurde es kürzlich aus Versehen weggeworfen – aber nicht von mir!

Tacita Dean, geboren 1965, ist eine englische Künstlerin. Sie lebt in Berlin.

Corona-Bier

Ich bin in den Südstaaten der USA aufgewachsen. Als Kind nahm mich meine Mutter immer auf eine 14 Kilometer lange Busfahrt mit, wenn sie Stoff kaufte, um die Kleidung für unsere Familie zu nähen. Aus mir unerklärlichen Gründen hat das mexikanische Bier Corona exakt den gleichen Geruch wie der Textilladen von damals, obwohl er Tausende Kilometer von Mexiko entfernt lag. Kein anderes Bier hat so eine Note. Offen gesagt, ist das der einzige Grund, warum ich überhaupt Corona trinke: um den Moment zwischen all den Bergen von Stoffballen immer wieder zu erleben. Ich schließe die Augen, nehme einen Schluck und auf einmal habe ich ein neues Hemd an. Es ist viel zu klein ñ aber spielt das eine Rolle?

Tom Robbins, geboren 1932, ist ein US-amerikanischer Schriftsteller und lebt in La Conner bei Seattle.



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