„Wir haben die besten Universitäten Europas“

ein Interview mit Timothy Garton Ash

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Als Wissenschaftler und Journalist reisen Sie sehr viel. Hilft Ihnen das, Großbritannien besser zu verstehen?

Schon Rudyard Kipling schrieb: „What should they know of England who only England know?“ (Was wissen schon diejenigen über England, die nur England kennen?). Ich begegne auf meinen Reisen einem Bild von Großbritannien in der Welt, das noch sehr stark durch Traditionelles, die alten Stereotype geprägt ist – Königin, Parlament, Pubs, Cricket und so weiter. Dann auch durch die Popular Culture – David Beckham oder Manchester United. In Rangun, in Burma, traf ich einen jungen buddhistischen Mönch, der immerzu „Aia-schia, Aia-schia!“ rief. Ich wusste überhaupt nicht, was das bedeuten sollte, vielleicht war es ein buddhistischer Ruf, bis ich herausfand, dass er „Alan Shearer“ meinte, einen bekannten Fußballspieler in Großbritannien.

Inwiefern spiegeln die alten Stereotype britische Realität wider?

Klischees enthalten immer ein Körnchen Wahrheit, aber gerade das Traditionelle ist für einen Durchschnittslondoner oder einen Einwohner von Birmingham immer weniger relevant. Die neue Wirklichkeit ist vor allem sehr multikulturell – unglaublich multikulturell. Es werden in London 300 Sprachen gesprochen.

Britische Kultur wird in der Welt sehr positiv aufgenommen. Warum ist das so?

Dabei spielen vor allem die britische Literatur und britische Filme eine große Rolle. Was beispielsweise Joanne K. Rowling mit den Harry-Potter-Büchern für das Bild Großbritanniens in der Welt getan hat, ist ungeheuerlich. Natürlich gab es vor ihr schon ein paar andere, die darin Erfolg hatten, zum Beispiel Shakespeare.

Wenn britische Kultur in der Welt so erfolgreich ist, sollte der Staat sie dann nicht noch viel stärker fördern?

Wir befinden uns in dieser Frage zwischen der nord–amerikanischen und der kontinentaleuropäischen Praxis, das heißt zwischen einer rein kommerziellen und einer sehr starken öffentlichen Förderung der Kultur. Es gibt hohe Subventionen für die Oper, das „National Theatre“, die wunderbaren Museen. Andererseits gibt es kaum Förderung im Bereich Film, der weitgehend kommerziell ist und eine Förderung gar nicht braucht. In einer Hinsicht ist britische Kultur übrigens nicht erfolgreich und das betrifft unser Verhältnis zu Europa. Da begegnet man uns auf dem Kontinent mit viel Skepsis. Das kann einen manchmal leicht irritieren, weil das auch schon wieder ein Klischee ist: dass die Briten bis in die Knochen Antieuropäer sind.

Wird dieses Klischee nicht auch durch die starke politische Bindung Großbritanniens an die USA bestätigt?

Im Verhältnis zu den Vereinigten Staaten ist Großbritannien viel europäischer, als man denkt. Die überwiegende Mehrheit der Briten war sehr kritisch gegenüber George Bush. Mehr als eine Million Menschen gingen gegen den Irakkrieg auf die Straße. Die Gastronomie, die Cafés, die ganze Lebensart ist europäisch. Aber geopolitisch gibt es noch diesen Kultus einer „Special Relationship“ mit den Vereinigten Staaten. Er ist vor allem ein Heiligtum der Eliten, der Regierung, der Diplomatie.

Das Verhältnis zu den USA könnte doch jetzt mit einem „good guy“ im Weißen Haus für die Briten wieder attraktiver werden?

Für Barack Obama, der keine besonderen kulturellen Bindungen an Europa oder England hat, sind die Beziehungen zu Iran, Pakistan, Afghanistan, China und Russland wichtig. Daneben gibt es das ganze Europa, nicht in erster Linie Großbritannien oder Deutschland. Das Gerede von einer „Special Relationship“ beruht zunehmend auf einem Missverständnis. Wenn sich etwas ändert, dann die Perspektive der US-amerikanischen Regierung, die eine besondere Beziehung für immer weniger wichtig erachtet.

Welche Weltregionen sind für britische Universitäten interessant? Werben Sie Studenten eher in China und Indien als in Osteuropa?

Wir brauchen gar nicht zu werben. Studenten aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa kommen heute als EU-Studenten zu mir nach Oxford, genau wie ein französischer oder deutscher Student. Wo wollen Sie innerhalb der EU besser Englisch lernen als in Oxford? Und wir haben die besten Universitäten in Europa, das ist einfach so.

Was haben Sie davon, für junge Leute interessant zu sein?

Die Jesuiten haben gesagt: Gebt uns ein Kind bis zum siebten Lebensjahr und es wird ein Katholik auf Lebenszeit. So ungefähr, vielleicht ein bisschen schwächer, verhält sich das auch mit Studenten. Wenn jemand zwei oder drei Jahre in einem Land studiert hat, und es ein gutes Erlebnis war, dann bleibt für das ganze Leben eine enge, fast intime Beziehung zu diesem Land. Erfahrungen, die man macht, wenn man jung ist, sind besonders prägend. Was wir deshalb tatsächlich machen sollten, ist, mehr Stipendien an ausländische Studenten zu vergeben.

Dann hat Großbritannien natürlich allein schon der Sprache wegen gegenüber anderen europäischen Ländern große Vorteile ...

... und weil eben die Universitäten so gut sind. Nehmen Sie die Rhodes Scholars, das sind Studenten vor allem aus den Vereinigten Staaten mit Stipendien für ein Studium in Oxford, darunter sind viele, die ganz oben in der amerikanischen Gesellschaft angesiedelt sind. Bill Clinton war einer, beispielsweise. Aber auch wenn ich nach Brüssel fahre und in die europäischen Institutionen gehe, treffe ich überall ehemalige Studenten aus Oxford – Polen, Ungarn, Tschechen, Franzosen, Deutsche.

Vor dem altehrwürdigen Oxford haben wir natürlich Respekt, schwerer fällt es uns aber zu verstehen, dass Großbritannien ohne eine geschriebene Verfassung funktioniert.

Natürlich haben wir auch in Großbritannien Grundregelungen und Grundstrukturen, die aber an vielen verschiedenen Stellen niedergeschrieben sind, und manches ist tatsächlich auch gar nicht aufgeschrieben. Das britische Verfassungsrecht beruht hauptsächlich auf Gesetzen, Richtersprüchen und ungeschriebenen Konventionen wie etwa derjenigen, dass der Monarch Gesetzesvorlagen nicht durch sein Veto verhindern kann. Wäre es nicht wunderbar, wenn jeder Brite in der Tasche ein kleines Büchlein trüge, in dem die Mächteteilung und die eigenen Rechte stünden, genau wie das Grundgesetz in Deutschland auch in einem einzigen Buch niedergeschrieben ist?

Denken Sie, dass die bürgerlichen Rechte in Großbritannien in Gefahr sind?

Ich bin sehr besorgt über die Erosion, das schrittweise Beschneiden verschiedener bürgerlicher Freiheiten und Rechte in Großbritannien. Gerade unter der Regierung Blair ist das im Namen der Terrorismusbekämpfung relativ weit fortgeschritten. Es ist schon erstaunlich, was wir alles hingenommen haben, weil wir immer noch glauben: Das ist doch ein so freies Land. Als ich vor 30 Jahren in die DDR ging, war völlig klar: Britannien ist ein freies Land, die DDR ist ein unfreies Land. Heute, würde ich sagen, dass der DDR-Bürger, zumindest was die geschriebenen Freiheiten und Rechte anbelangt, wahrscheinlich freier war, als der gewöhnliche Brite gegenwärtig ist. Auch deswegen glaube ich, brauchen wir dringend eine geschriebene Verfassung.

Wie hoch schätzen sie die Chancen dafür ein? Eine neue Verfassung bekommt ein Land meistens nach einer Revolution ...

... oder einem Krieg oder einer Unabhängigkeitserklärung. Die schwierige Aufgabe heute lautet, einen Verfassungsmoment zu schaffen, eine Atmosphäre herzustellen, in der genug politischer Wille vorhanden ist. Die sehe ich trotz der großen Unzufriedenheit nach der Spendenaffäre der Parlamentarier tatsächlich nicht. Auch wenn Sie den schon begonnenen Wahlkampf betrachten – von einer neuen Verfassung ist kaum die Rede.

Was würde eine Verfassung am politischen System in Großbritannien verändern?

Eine Verfassung würde die Macht der Exekutive begrenzen, damit meine ich vor allem Nr. 10 Downing Street. Es ist ein Mythos zu glauben, die Macht in Großbritannien wäre aufgeteilt zwischen Krone und Parlament. In Wirklichkeit liegt sie beim Premierminister. Der britische Premier ist schlechthin eine der stärksten Exekutiven in einer Demokratie weltweit. Unglaubliche Macht konzentriert sich in Nr. 10 Downing Street. Sie müssen sich dort kaum um das Oberste Gericht kümmern und auch wenig um das Parlament, wenn sie etwas durchsetzen wollen.

Hätte eine Verfassung Auswirkungen auf das monarchische System?

Das Königreich wird uns erhalten bleiben. Die Krone wird nicht infrage gestellt werden. Die Queen ist ja schon ein konstitutioneller Monarch. Manche würden gerne Prinz Charles überspringen, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Wo das britische Königshaus doch überall mit so viel Interesse verfolgt wird, könnte man es nicht auf ganz Europa ausdehnen – vielleicht als verbindendes Element für Europa?

Was wohl der König von Schweden dazu sagen würde oder der spanische? Aber Sie haben recht: Das zielt auf die Problematik des fehlenden Dramas in der europäischen Politik. In der Tat bräuchten wir eine Königin in Brüssel, damit es uns überhaupt interessiert. Wir wissen, dass Brüssel wichtig ist, aber unterhaltsam ist es leider nicht.

Das Interview führten Rosa Gosch und Karola Klatt



Ähnliche Artikel

Das Deutsche in der Welt (Hochschule)

Exzellente Entscheidungen

von Jessica Guth

Karriere, Familie, Geld: Nach welchen Kriterien Doktoranden ihre Universität auswählen

mehr


Großbritannien (Thema: Großbritannien)

Harte Musik und weiche Jungs

von Mark Rimmer

„New Monkey“ heißt der neue Stil, zu dem Jungen in Newcastle tanzen. Dabei geht es um viel mehr als nur Musik

mehr


Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Bücher)

Die Bedeutung der Außenkulturpolitik

von Gudrun Czekalla

Warum halten Staaten es für sinnvoll, die eigene Kultur im Ausland bekannt zu machen und sie für außenpolitische Zwecke einzusetzen?

mehr


Menschen von morgen (Hochschule)

Nachwuchs aus Nahost

von Robert S. Eshelman

Warum amerikanische Frauencolleges jetzt Studentinnen aus dem arabischen Raum anwerben

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Thema: Krieg)

Marching Band

von Bruce Boyd Raeburn

Wie sich durch den spanisch-amerikanischen Krieg der Jazz in New Orleans entwickelte

mehr


Toleranz und ihre Grenzen (Bücher)

Wissenschaftliche Arbeiten zur Auswärtigen Kulturpolitik. Ein Überblick

von Stefan Hollensteiner

Seit geraumer Zeit beschäftigen sich auch Hochschulen intensiv mit den kulturellen Aspekten der Europa- und Außenpolitik. Davon zeugen einige jüngere wissenscha...

mehr