Architektonische Tugenden

Signe Kierkegaard Cain

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Zwischen alten, traditionsreichen Gebäuden auf dem Kopenhagener Universitätsgelände steht das „Green Lighthouse“ – eines der jüngsten Beispiele für konsequent nachhaltige dänische Architektur und das erste CO2-neutrale Gebäude in der Hauptstadt. Das zylinderförmige Haus ist nicht nur im übertragenen Sinn grün. Es schillert tatsächlich in verschiedenen Nuancen eines hellgrünen Farbtons. Die Eingangstür führt den Besucher in eine helle, runde Halle, die sich über drei Etagen erstreckt. Michael Christensen, Gründer von Christensen & Co Arkitekter, führt durch das von ihm entworfene Haus. „Für einen Architekten ist es nicht an sich reizvoll, ein Haus zu entwerfen, das wenig Energie benötigt. Es geht darum, modern und formschön zu entwerfen, und darum, umweltbewusste, soziale und ästhetische Aspekte zu einem größeren Ganzen zusammenzufügen“, erklärt er, während wir in das weiße Atrium hinaufsteigen. „Wir möchten gerne zeigen, dass es auch in einem Nullenergiehaus hohe Decken und reichlich Licht geben kann. Es ist gar nicht nötig, sich der Umwelt zuliebe in seiner Gestaltgebung einzuschränken und nur noch dunkle, viereckige Kästen zu bauen.“


In Dänemark rangiert Nachhaltigkeit bei den Architekten weit oben auf der Tagesordnung. Nicht nur beim Design von Gebäuden, sondern auch bei der Stadtplanung. Kopenhagen hat im letzten Jahrzehnt etliche Brücken und Wege dazubekommen, die Fußgängern und Radfahrern vorbehalten sind. Das Hafenbecken mitten in der Stadt wurde gereinigt, sodass man dort baden kann. Auch haben verschiedene Stadträume eine Neugestaltung erfahren und laden heute zum Verweilen ein. Dies gilt beispielsweise für den Strand auf Amager, wo ein völlig neuer Strandpark angelegt wurde, der von Joggern, Surfern und Badefreudigen eifrig genutzt wird. Architekt Henning Thomsen vom Architektenbüro Gehl Architects und Experte für nachhaltige Stadtentwicklung, glaubt, dass der soziale Aspekt der Städte heute in den Mittelpunkt rückt: „Wir beschäftigen uns schon seit Langem mit Stadträumen, aber jetzt wird auch den Entscheidungsträgern überall in Dänemark endlich klar, dass sie sich den öffentlichen Räumen zuwenden müssen. Die Entwicklung von Stadträumen ist ein wichtiges Instrument im Hinblick auf soziale Nachhaltigkeit. Dabei kann es zum Beispiel darum gehen, eine konzentriertere Stadt zu schaffen, in der Menschen keine größeren Abstände zurücklegen müssen, sondern zu Fuß oder mit dem Fahrrad überallhin gelangen.“ Als Beispiel für ein sozial nachhaltiges Projekt nennt er das Gelände „Superkilen“, das derzeit im multikulturellen Stadtteil Nørrebro in Kopenhagen angelegt wird. Hier sollen farbiger Bodenbelag, viel Grün, Sportanlagen sowie ländertypische Sitzgelegenheiten und Gebrauchsgegenstände einen Stadtraum schaffen, in dem Platz für alle Bewohner Kopenhagens ist. 


Dänische Architekten haben Erfahrung darin, soziale Aspekte mit einzubeziehen. Natalie Mossin, Programmchefin im Dansk Arkitektur Center, Dänemarks nationalem Zentrum für die Förderung und Vermittlung von Architektur und städtebaulicher Planung, beschreibt das so: „Dänische Architekten arbeiten nicht wesentlich anders als Architekten in anderen Ländern. Ich meine damit nicht, dass es nicht eine spezifisch dänische Art des Designens und des Bauens gäbe. Aber vor allem haben sich dänische Architekten in ein paar Werten geübt, die gerade heute im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit wichtig werden. In Dänemark gibt es eine Tradition für Designprozesse, die die Verbraucher mit einbeziehen und sich eng am praktischen Leben orientieren.“ Diese Tradition kommt an vielen Orten auf der Welt zum Ausdruck, überall dort, wo dänische Architekten wirken, erzählt die Projektleiterin im Dansk Arkitektur Center, Anette Sørensen. Sie koordiniert die weltweite Präsentation der Wanderausstellung „Building Sustainable Communities“, die 140 verschiedene Arbeiten dänischer Architekten- und Ingenieurbüros vorstellt. „Kontext, Größenordnung und Ausrichtung der Projekte sind sehr unterschiedlich. Den Rahmen bildet die besondere dänische Herangehensweise, die darin besteht, mit Respekt für die lokale Kultur und den lokalen Kontext zu Werke zu gehen – und das gilt für Vorhaben jeglicher Größenordnung“, so Anette Sørensen. Die Projekte dänischer Architekten im Ausland reichen von Mette Langes Non-Profit-Projekt schwimmender und rollender Schulen für indische Migrantenkinder bis hin zur CO2-neutralen Insel in Aserbaidschan des Architekturbüros BIG’s. 


Ein um Nachhaltigkeit bemühtes Arbeiten im Ausland verbindet neue technische Lösungen mit klassischen architektonischen Tugenden. Henning Larsen Architects hat dieses Jahr den ersten Spatenstich für ein Gebäude des Massar Children’s Discovery Center in Syriens Hauptstadt Damaskus gemacht, dessen nachhaltige Lösungen von lokaler Bauweise inspiriert sind: Die Innenseiten der Wände sind mit Lehm verkleidet, der die Luftfeuchtigkeit reguliert und ein besseres Innenklima bewirkt – eine Lösung, die auf jenem Klimaverständnis aufbaut, das in den Lehmbauten sehr alter syrischer Dörfer zum Ausdruck kommt. 


Wenn es um nachhaltige Architektur geht, richtet sich das Augenmerk meist auf innovative, ästhetisch ansprechende Neubauten, die für Herausforderung und Veränderung stehen. Was aber ist mit der gewaltigen Masse bereits vorhandener Gebäude? Selbst eine verhältnismäßig restriktive Umweltgesetzgebung reicht oft nicht aus, um die Realisierung umweltfreundlicher Lösungen voranzutreiben. Das beklagt auch Graves Simonsen, der Entwicklungschef des dänischen Stadt- und Bauplanungsbüros sbs. „Es ist schwierig, eine Reduzierung des Energieverbrauchs in Gang zu bringen, weil bei den Verbrauchern dafür keine Nachfrage besteht, der politische Wille nicht stark genug ist und für die Gebäude-eigentümer nicht immer ein Anreiz besteht, Verbesserungen vorzunehmen. So können die Bewohner Elektrizitätskosten sparen, wenn das Gebäude energieoptimiert wird, der Vermieter jedoch, der die Arbeiten bezahlen muss, hat unter Umständen nichts davon.“ 


Wohl auch deshalb interessieren sich dänische Architekten viel stärker dafür, energieoptimierende Lösungen in die Entwürfe für neue Gebäude zu integrieren, wie Peter Andreas Sattrup, Forscher im Bereich Architektur und Nachhaltigkeit an der Hochschule für Architektur in Kopenhagen, bestätigt: „Es besteht kein Zweifel, dass dort der Schwerpunkt der Architekten liegt. Viele Architekturbüros arbeiten in ihren Unternehmen an der Entwicklung neuer Möglichkeiten für nachhaltige Designlösungen. Das gilt beispielsweise für Henning Larsen Architects, dort arbeiten drei Ingenieure an Doktorarbeiten zur Ener-gie-optimierung und integrieren Energiedesign in den Designprozess.“


Auch beim Architekturbüro 3XN gehört die Entwicklung neuer nachhaltiger Lösungen zu den Schwerpunkten des Unternehmens. Entwicklungschef Kasper Guldager Jørgensen betont, dass es für die Architekten von grundlegender Bedeutung sei, Zugang zu neuesten Erkenntnissen zu haben: „Der Gedanke der Nachhaltigkeit macht die Welt der Architektur so komplex, dass man sich entschieden um Wissenserweiterung bemühen muss.“ 3XN hatte im Frühjahr dieses Jahres im Rahmen der Ausstellung „Die Architektur der Zukunft ist grün“ des dänischen Kunstmuseums Loui-siana einen Pavillon gebaut, der das Neueste an nachhaltigen Materialien vorführt. Statt Glasfaser verwendete man Flachsfaser. Maisstärke und Sojaöl verbinden die Konstruktion. „Der Pavillon gab uns die Möglichkeit, ein paar Lösungen auszuprobieren, die sich noch nicht ganz in großem Maßstab verwirklichen lassen, aber einen Teil der Zukunft ausmachen werden“, erläutert Kasper Guldager Jørgensen. 


Kehren wir zurück zum Green Lighthouse auf dem Gelände der Universität Kopenhagen. Hier hat der Architekt Michael Christensen ganz bewusst eine runde Form verwirklicht: „Die Zylinderform ist kompakt und hat eine geringe Oberfläche. Das macht sie sehr energie-effizient. Sie spiegelt die umliegenden Gebäude, und außerdem wollten wir gerne zeigen, dass ein nachhaltiges Haus auch eine ungewohnte Form haben kann.“ Auf dem Dach des grünen Zylinders sind Solarzellen installiert, die überschüssige Sonnenwärme lässt sich 25 Meter unter die Erde pumpen und für den Winter lagern. „Aber ein wichtiger Punkt ist der, dass allein Architektur und Design bereits eine Energieminderung von 70 Prozent bewirken. Für die noch verbleibende notwendige Energie sorgen technische Lösungen wie etwa die Solarzellen“, betont Michael Christensen.


Peter Andreas Sattrup beobachtet, dass dänische Architekten zunehmend erkennen, wie Nachhaltigkeit und Ästhetik Hand in Hand gehen können: „Mehr und mehr unserer Architekten entdecken das große architektonische Potenzial der Arbeit mit den physischen Gegebenheiten – Licht, Wärme, Schall und Luft – bei der Formgebung. Ziel ist es, Gebäude mit hohem Komfort zu erschaffen, ohne dafür auf energieverbrauchende technische Installationen zurückzugreifen. Die nachhaltigen Lösungen können dazu beitragen, eine neue Formsprache zu definieren.“ 

Aus dem Dänischen von Annalena Heber



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