Bewahrer der verlorenen Sprachen

von Petro Rychlo

Was bleibt? (Ausgabe I/2016)


Geboren wurde ich 1950 in Schyschkowitz, einem Dorf in der Bukowina, nicht fern von Czernowitz. Meine Eltern waren Kolchosbauern und hatten eine kleine Landwirtschaft, wie es damals vorgeschrieben war. Früh begann ich, mich für Literatur zu interessieren, ganze Tage verbrachte ich lesend in der Dorfbücherei. Als ich etwa 16 Jahre war, gab mir die Bibliothekarin den Schlüssel und ich half dort oft aus. Da ich in der Schule Deutsch als Fremdsprache gelernt habe, beschloss ich später, Germanistik an der Universität Czernowitz zu studieren.

Bald lernte ich die Fremdsprachenlehrerin Stefanie Nussbaum kennen – sie schrieb Gedichte auf Deutsch, die ich ins Ukrainische übersetzte und die veröffentlicht wurden. Das war meine Initiation als Übersetzer. Als Student bekam ich ein staatliches Stipendium und konnte mir deutsche Bücher in der örtlichen Buchhandlung „Drushba“ besorgen, die damals spottbillig waren. Dort entdeckte ich eine Gedichtauswahl von Stephan Hermlin, dessen Balladen mich so tief beeindruckt haben, dass ich sie übersetzte. Sie erschienen in der renommierten Kiewer Zeitschrift Wseswit (dt. „Die ganze Welt“) mit einer Auflage von 70.000 Exemplaren. Ich schickte Hermlin dieses Heft, das war der Beginn eines mehrjährigen Briefwechsels, später habe ich über sein Werk promoviert.

Ich habe alle Phasen eines Sowjetbürgers durchgemacht, aber meine Eltern, die verschiedene Regime erlebt hatten, gaben mir eine gewisse Skepsis mit auf den Weg. Als ich von der Niederschlagung des Prager Frühlings erfuhr, kamen mir zum ersten Mal Zweifel, denn vorher dachten wir, die Sowjetunion sei das friedlichste Land der Welt. Diese Zweifel verstärkten sich dann, als viele ukrainische Dissidenten während der 1970er-Jahre in den Gulag kamen. Später konnte ich für meine Dissertation zum ersten Mal nach Ostberlin reisen, dieser kurze Aufenthalt in einem deutschsprachigen Land war für mich entscheidend – ich besuchte Theater und Ausstellungen, kaufte mir wichtige Bücher. Ich traf mich mehrmals mit Hermlin und seiner russischen Frau. Czernowitz war Hermlin ein Begriff wegen Paul Celan, der hier mit Unterbrechungen bis 1945 gelebt hatte.

Als ich Celans Gedichte entdeckte, wollte ich noch mehr über deutschsprachige Autoren aus der Bukowina erfahren – über Alfred Margul-Sperber, Rose Ausländer, Selma Meerbaum-Eisinger oder Alfred Gong. Diese Autoren gehören alle zu der versunkenen Dichtung der Bukowina, die in ihrer Vielfalt durch Krieg und Verfolgung ausgelöscht wurde. Erst durch die Übersetzungen ins Ukrainische werden ihre Werke den heutigen Bukowinern zugänglich gemacht. Als die Sowjetunion sich 1991 auflöste, empfand ich das als Befreiung. Es entstand an der Universität ein Bukowina-Forschungszentrum, das sich zur Aufgabe machte, die Kulturgeschichte zu revidieren. Die Darstellung der Sowjets, dass ihr Einmarsch 1944 die Stunde null war und die Bukowina keine Kultur aufweisen konnte, war eine Lüge. In der Zwischenkriegszeit gab es in Czernowitz mehrsprachige Tageszeitungen, es gab bedeutende ukrainische, rumänische, deutsche und jiddische Autoren.

Von 2000 bis 2002 war ich als Gastdozent an der Universität Wien tätig und konnte meine Studien der bukowina-deutschen Literatur erweitern. 2011 gründete eine Gruppe von Enthusiasten, zu der ich gehörte, das internationale Poesie-Festival „Meridian Czernowitz“. Jedes Jahr laden wir Anfang September Dichter aus mehreren Ländern, vor allem aus dem deutschsprachigen Kulturraum, ein. Vor zwei Jahren haben wir in der schönsten Straße der Stadt das Paul-Celan-Literaturzentrum eröffnet. Dort veranstalten wir Ausstellungen, Buchpräsentationen, Lesungen, um das Werk bukowinischer und ukrainischer Autoren bekanntzumachen. Die Literatur der Bukowina lag mir all diese Jahre am Herzen. Ich habe sie einmal als poetisches Atlantis bezeichnet, eine untergegangene blühende Zivilisation, die man erst wieder bergen muss. Bis zu Celans 100. Geburtstag 2020 möchte ich alle seine Gedichtbände ins Ukrainische übertragen haben.



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