Der Schmerz meiner Großmutter

von Marianne Hirsch

Was bleibt? (Ausgabe I/2016)


Ist es möglich, sich an etwas zu erinnern, das einem anderen zugestoßen ist? Unter gewissen Umständen, glaube ich, dass wir es tun.

Die Nachkommen von Menschen, die erschütternde Erfahrungen gemacht haben – Katastrophen wie Kriege, Genozide und extreme Gewalt, aber auch politische Bewegungen, Umsturzversuche, Revolutionen und Aufstände –, haben oft das Gefühl, von Ereignissen geprägt zu sein, die sich vor ihrer Geburt ereigneten. Sie nehmen diese Ereignisse nicht als Erinnerungen wahr, sondern als „Post-Erinnerungen“: Sie sind verzögert, zeitlich entfernt und von anderer Art als direkte Erinnerungen.

Der Begriff „Post-Erinnerung“ beschreibt die Beziehung der Nachgeborenen zu den persönlichen, aber auch zu kollektiven und kulturellen Traumata und Transformationen der Vorgängergenerationen. Sie „erinnern“ sich an diese Ereignisse nur durch Erzählungen, Bilder und Verhalten, mit denen sie großgezogen wurden. Diese Ereignisse werden so intensiv und gefühlsbetont weitergegeben, dass sie als eigene Erinnerungen internalisiert werden. Post-Erinnerung stellt eine Verbindung in die Vergangenheit nicht durch das tatsächliche Erinnern her, sondern im Wesentlichen durch Vorstellung, Projektion und Konstruktion.

Mit überwältigenden ererbten Erinnerungen aufzuwachsen, birgt die Gefahr, die eigene Lebensgeschichte zu verlieren: Sie wird von den Vorfahren verdrängt, entleert und bildet sich stattdessen aus traumatischen Ereignissplittern, die unfassbar sind und sich kaum erzählen lassen. Diese Geschehnisse liegen in der Vergangenheit, doch sie wirken bis heute. Das zeigt sich deutlich in den Werken von Künstlern der zweiten Generation nach dem Holocaust, zum Beispiel in der zweibändigen Graphic Novel „Maus“ von Art Spiegelman. Das Buch zeigt, wie der Vater Wladek Spiegelman Auschwitz überlebte, aber auch wie der Sohn versucht, die Geschichte seines Vaters zu zeichnen und zu erzählen, ihr gerecht zu werden, obwohl sie das eigene Leben vollkommen überlagert und bestimmt.

Neurowissenschaftler haben in den letzten Jahren Bestätigung für das Phänomen der Post-Erinnerung gefunden. Sie konnten nachweisen, dass Traumata epigenetisch über Generationen weitergegeben werden. Demnach können Informationen über elterliche Traumata in der DNA-Struktur der Kinder enthalten sein und sie anfälliger für traumatische Erlebnisse und post-traumatische Stresssymptome machen. Auch wenn diese Forschung noch in den Anfängen steckt und noch nicht richtig überzeugend ist, stützt sie doch das Erleben der Nachfolgegenerationen.

Trotzdem ziehe ich es vor, die Post-Erinnerung strenggenommen nicht als eine Situation des Individuums, sondern allgemeiner als eine Form der Weitergabe von einer Generation zur nächsten zu betrachten. Die Familie ist nicht der alleinige Ort dieser Übertragung. Das Familienleben ist selbst in seinen intimsten Momenten von kollektiven Vorstellungen geprägt, die sich aus dem Pool geteilter Geschichten und Bilder, aus öffentlich zugänglichen Konstrukten der Fantasie und Projektion speisen. So basiert auch Spiegelmans Comic nicht nur auf den aufgezeichneten Gesprächen mit seinem Vater, sondern auch auf öffentlich zugänglichen Dokumenten, Bildern und Berichten, von denen einige im Widerspruch zu Wladeks Schilderungen von Auschwitz stehen. Diese Widersprüche sind Bestandteil der kulturellen Post-Erinnerungsarbeit. Die Kinder der Überlebenden haben eine körperliche Verbindung zur Vergangenheit. Aber durch Zeitgenossenschaft in der zweiten und dritten Generation kann eine verbindende Post-Erinnerung entstehen, die durch eine Reihe von Vermittlungswegen, die allgemein zugänglich sind, ein größeres Kollektiv in die Weitergabe einbinden kann.

Das „Post“ in „Post-Erinnerung“ bedeutet mehr als eine zeitliche Verzögerung. Es drückt vielmehr die komplexe Beziehung zwischen Nähe und Distanz aus, die von den vielfältigen Beeinträchtigungen, die durch eine vermittelte Weitergabe entstehen, überlagert wird. Wie die anderen „Posts“, die das Ende des 20. und den Anfang des 21. Jahrhunderts markieren – posttraumatisch, postmodern, postkolonial, posthuman – spiegelt auch die Post-Erinnerung das unbehagliche Schwanken zwischen Kontinuität und Bruch.

Post-Erinnerung ist jedoch weder eine Bewegung noch eine Methode oder Idee. Ich sehe sie eher als eine Form der Weitergabe von traumatischem und transformativem Wissen sowie den damit verbundenen Erfahrungen innerhalb und zwischen den Generationen, die für die soziale Interaktion und Psychologie nach Konflikten charakteristisch ist. Sie ist eine Konsequenz traumatischer Erinnerungen, die sich (im Gegensatz zur Posttraumatischen Belastungsstörung) auf die Nachgeborenen ausübt. Ich glaube, dass sich Post-Erinnerung in dieser Form auch bei Zeitzeugen von heftigen Ereignissen, die in entfernten Regionen der Welt geschehen, entwickelt. Ob Menschen retro­spektiv oder über weite Distanz zu Mitzeugen werden, bemisst sich einzig nach ihrer Fähigkeit, empfänglich zu sein für das, was Susan Sontag das „Leid der anderen“, der Vorfahren oder entfernter Mitmenschen, nannte. Wie wäre das möglich, ohne sich der fremden Erfahrung als der eigenen zu bemächtigen, in dem Wissen, dass, „obwohl es auch mich hätte treffen können, es einen anderen traf“?

Die Post-Erinnerung ist demnach ein Sehnen nach Einklang, Solidarität und Verantwortlichkeit, so wie es die Rechtswissenschaftlerin Martha Minow beschrieben hat, nicht aus Schuldigkeit, sondern als Möglichkeit zu „antworten“. Eine Reaktion in diesem Sinne ist eine Form von Solidarität, die die Grenzen zwischen dem Selbst und dem Anderen, der Vergangenheit und der Gegenwart bewahrt.

Zeitgenössische Schriftsteller, Filmemacher, Maler, Bildhauer und Museologen haben überall auf der Welt in der Auseinandersetzung mit Katastrophen der Vergangenheit eine Ästhetik der Post-Erinnerung entstehen lassen. Bei einigen Stilmitteln und ästhetischen Strategien zeigt sich eine bemerkenswerte Übereinstimmung. Eine globale Erinnerungsästhetik ist entstanden, die politische und kulturelle Unterschiede überbrückt. Künstler wie Horst Hoheisel haben in Deutschland, Argentinien und Kambodscha gearbeitet, Daniel Liebeskind in Berlin, Stockholm und New York. Die Fotowand im Museo de la Memoria in Santiago, Chile, erinnert an ähnliche Wände in Gedenkstätten in Paris und New York.

Diese Vernetzung kann dazu beitragen, die Kontinuität und Verflechtung zwischen verschiedenen Vergangenheiten zu verdeutlichen. Sie kann aber auch wichtige historische Besonderheiten verschleiern. Diese Ästhetik wird von einer Sprache des Traumas, Verlusts und der Klage beherrscht und ruft Bilder der Abwesenheit und des Schweigens, der Unfassbarkeit und Leere hervor. Gewöhnlich werden Bilder und Dokumente aus Archiven benutzt, um Geister und Schatten hervortreten zu lassen und Wissens- und Vermittlungslücken aufzuzeigen. Die Werke des französischen Künstlers Christian Boltanski liefern eine Vorlage für diese Ästhetik des Traumas wie auch die Romane von W. G. Sebald und Patrick Modiano. Ähnliches lässt sich auch in Toni Morrisons postmemorialen Romanen über die Sklaverei oder im Werk von Jonathan Safran Foer nach dem 11. September finden. Sie reicht vom Jüdischen Museum in Berlin über den Parque de la Memoria in Buenos Aires bis zum Tuol Sleng Museum in Kambodscha.

In den vergangenen Jahren sind aber auch andere ästhetische und politische postmemoriale Strategien entstanden. Einige Arbeiten legen ihren Schwerpunkt auf das Erinnern an Widerstand und Weigerung, an kleine und große Akte politischer Opposition und an die Rettung. So zum Beispiel Susan Meiselas „Pictures from a Revolution“, das 25 Jahre später die Hoffnungen der nicaraguanischen Revolution der 1980er-Jahre der neuen Generation zurückbringt. Oder „Buena Memoria“ von Marcelo Brodsky, eine Studie, deren Grundlage ein Foto seiner Schulklasse vor der Flucht vor der argentinischen Militärdiktatur ist. Hier wird Platz geschaffen für alternative potentielle Vergangenheiten, für das, was auch hätte geschehen können, in Ergänzung zu dem, was war. Die Künstler versuchen, lineare Abläufe, die geradewegs in die Katastrophe führten, zu überlisten. Die Post-Erinnerung wird hier zu einer wiedergutmachenden, die Geschichte verändernden Praxis: eine Beschäftigung mit der Vergangenheit mit Blick auf die Zukunft.

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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