... in New Orleans

von Lance Hill

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Für viele brach mit der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten der USA eine neue „post-rassistische“ Ära an, doch die im Februar 2010 anstehenden Bürgermeisterwahlen in New Orleans lassen daran zweifeln, denn ein erbitterter Wettstreit zwischen Schwarzen und Weißen wird dann entschieden.

Während die meisten Weißen schon im ersten Jahr nach dem verheerenden Hurrikan Katrina in die Stadt zurückkamen, gestaltete sich die Rückkehr für die ärmeren Afroamerikaner weit schwieriger. Wiederaufbaufirmen in New Orleans stellten durch Anreize der Bush-Regierung vorrangig niedrig entlohnte lateinamerikanische Arbeiter ein statt der Afroamerikaner, die das handwerkliche Baugewerbe der Stadt seit Langem dominiert hatten. Alle fünftausend Lehrer, die meisten davon Schwarze, wurden nach der Übernahme des Schulsystems durch den Staat entlassen und meist durch junge, unerfahrene, weiße Lehrer ersetzt. Das einzige Krankenhaus, das Patienten auch ohne Krankenversicherung behandelt hatte, wurde geschlossen.

Bürgermeister Ray Nagin verkörperte den letzten Rest afroamerikanischer politischer Macht. Mit einer dünnen Mehrheit wurde er 2006 wiedergewählt. In einer Stadt, die vor Katrina zu 70 Prozent schwarz war, bestimmte jetzt eine weiße Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung, der Schulaufsicht und dem Rat der Innenstadt. 2008 wurde ein weißer Bezirksstaatsanwalt gewählt und der afroamerikanische Kongressabgeordnete für New Orleans wurde von einem konservativen republikanischen Kandidaten vietnamesischer Abstammung geschlagen. Für viele Afroamerikaner lag auf der Hand, dass die Weißen die Katastrophe ausgenutzt hatten, um die Macht in der Stadt an sich zu reißen.

Misstrauen und Verdächtigungen vergiften seitdem die politische Kontroverse und machen aus den harmlosesten politischen Themen symbolische Rassenkämpfe. Die Bürgermeisterwahl im Februar 2010 wird zu einem Referendum über schwarze oder weiße Macht werden. Die Fronten formieren sich der Hautfarbe entsprechend hinter den beiden wichtigsten Kandidaten, dem schwarzen Senator Ed Murray und dem wohlhabenden weißen Geschäftsmann John Georges.

Ein Teil der registrierten schwarzen Wähler sind noch immer Vertriebene, die nur durch Briefwahl oder eine lange Anreise ihre Stimme abgeben können. Doch in den letzten zwei Jahren ist die schwarze Bevölkerung wieder auf geschätzte 60 Prozent angestiegen und hat damit gute Aussichten, in der Stadtverordnetenversammlung die Mehrheit der Sitze zurückzugewinnen.

Aus dem Englischen von Karola Klatt



Ähnliche Artikel

Talking about a revolution (Anruf bei ...)

... einer Historikerin: Wird Trump ein zweites Mal die Wahlen gewinnen?

es antwortet Jill Lepore

Über Amerika, Trump und die Demokratie

mehr


Unterwegs. Wie wir reisen (In Europa)

Ein schöner Mann in Estland

von Jan Kaus

Die New Economy ist in Estland angekommen – und ein Art Director flieht aus Tallinn, um sich an wichtige Dinge des Lebens zu erinnern

mehr


Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Thema: Dorf)

Ihre Stimme zählt

Drei Protokolle

mehr


Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Thema: Demokratie)

Einparteien-Demokratie

von Yongnian Zheng

Wie sich China zwischen autoritärem System und Pluralismus bewegt

mehr


Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Thema: Demokratie)

Üb’ immer Treu und Redlichkeit

von Oscar W. Gabriel

Was sich Europäer unter einem guten Staatsbürger vorstellen

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Wählen ...)

... in Estland

von Toivo Tänavsuu

Im März 2007 können alle Esten zum ersten Mal am Rechner ihr Parlament wählen

mehr