Mehr als geraubte Dinge

von Julia Hacker

Was bleibt? (Ausgabe I/2016)


Mein Vater gab mir ein kleines Fotoalbum, als er mich das letzte Mal in Wien besuchte. In dem Album waren Fotos aus seiner Kindheit, die er bis 1938 in Wien verbrachte, das Jahr, in dem er mit meinen Großeltern aus Österreich nach Argentinien fliehen musste. Auf einem Foto sieht man meinen Vater, drei weitere Kinder und im Hintergrund den Steyr Pkw, der der Familie gehörte und später Teil der Liste von Dingen wurde, die der Familie vor der Emigration geraubt wurden. In den Datenbanken zu Kraftfahrzeugen in Österreich des Technisches Museums in Wien ist ebendieser Pkw als „beschlagnahmt“ gemeldet. Und mithilfe des Kennzeichens, das man auf dem Foto lesen kann, konnte ich mir sicher sein, dass es sich um dasselbe Auto handelte. Ich hatte von dem Auto nur gehört, aber durch dieses Bild brannte es sich in meine Retina ein. Auch wenn das Auto niemals auftauchen wird, werde ich es nicht mehr vergessen können.

Die Nationalsozialisten konfiszierten im damaligen Deutschen Reich viele Gegenstände vor allem von jüdischen Besitzern. Autos, Elektrogeräte wie Durchlauferhitzer, auch Bücher, Gemälde, Musikinstrumente und Schreibmaschinen wurden geraubt. Einige dieser Gegenstände landeten in Sammlungen von staatlichen Museen und öffentlichen Bibliotheken. Das Technische Museum in Wien zeigt in einer neuen Dauerausstellung einige Objekte, die inzwischen den Nachfahren der ursprünglichen Besitzer zurückgegeben wurden. Seit 1998 wird in österreichischen Bundesmuseen systematisch die Herkunft von Gegenständen in ihren Beständen erforscht.

„Am Anfang war man der Meinung, man könne das Thema in wenigen Monaten abschließen“, erzählt Christian Klösch, Forschungsprojektsleiter im Technischen Museum, „mittlerweile ist klar, dass Provenienzforschung nie abgeschlossen werden kann. Der NS-Raubzug war zu umfassend, sodass auch in Zukunft die Gefahr besteht, dass durch Neuerwerbungen NS-Raubgut in öffentliche Sammlungen aufgenommen werden wird.“

Ende 1997, nachdem bekannt wurde, dass sich in der Sammlung des Wiener Leopold Museums zwei Gemälde von Egon Schiele mit ungeklärter Herkunft befanden, richtete das damalige Bundesministerium für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten eine „Arbeitsgruppe zur Erforschung der Provenienzen“ ein, mit dem Auftrag, die Herkunft der Kunstwerke, die zwischen 1938 und etwa 1960 in den Besitz Österreichischer Bundesmuseen gelangt sind, festzustellen. Auch in Bibliotheken wurden umfangreiche Untersuchungen durchgeführt, speziell in der Universitätsbibliothek Salzburg, der Österreichischen Nationalbibliothek und der Universitätbibliothek Wien. Man stieß auf Fälle, in denen ganze geraubte Bibliotheken in den Bestand übernommen worden waren, Bibliotheken von Instituten und Vereinen, bei denen mit wenigen Spuren (eine Widmung, ein Autogramm, ein Buchzeichen) der Vorbesitzer herausgefunden werden konnte. Es liegt auf der Hand, dass der historische und symbolische Wert der geraubten Gegenstände sich verändert, wenn ihre Geschichte rekonstruiert wird, wo und wie sie beschlagnahmt wurden und herauskommt, wer ihr Vorbesitzer war. Die Gegenstände erhalten gewissermaßen dadurch wieder ihre Identität.

„Der materielle Wert von NS-Raubgut“, erklärt Klösch, „darf die Provenienzforschung überhaupt nicht interessieren.“ Seiner Ansicht nach sei es egal, ob es sich bei NS-Raubgut um ein Klimt-Gemälde oder einen Durchlauferhitzer handele. „Es geht um das Prinzip, dass der demokratische Staat nicht Nutznießer von Unrecht des NS-Regimes sein darf“, so Klösch. Die Suche nach den Nachfahren der Vorbesitzer ist nicht einfach: Vertreibung und Holocaust haben ganze Familien ausgelöscht. Noch lebende Verwandte wissen oft nichts von ihren Ansprüchen.

Die Rückgabe von NS-Raubgut bringt kollektive Geschichte mit persönlichen Geschichten zusammen: Zum einen handelt es sich um Gegenstände, die von Historikern untersucht werden, Gegenstände der nationalen Geschichte. Andererseits sind es private Besitztümer, die auf Familiengeschichten verweisen. Es sind Dinge, die an etwas erinnern, die Erinnerungen auslösen, sowohl bei dem Historiker, der mit ihnen ein Kapitel der Nationalgeschichte betrachtet, als auch bei den Familienangehörigen, die in ihnen einen Teil ihrer Vergangenheit wiederfinden.

Aus dem Spanischen von Timo Berger



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