Geschichte wird gemacht

von Peter Ulrich Weiß

Was bleibt? (Ausgabe I/2016)


Für Archivare ist es zum Verzweifeln: Ihr Image als verstaubte Magazinmaulwürfe lebt fort, als sei die Zeit im 18. Jahrhundert stehengeblieben. In Film oder Literatur taugen sie nur zu verschrobenen Witzfiguren, die zwar über Geheimwissen verfügen, nicht jedoch die großen Zusammenhänge erkennen oder gar Heldentaten vollbringen. Dass solch ein karikaturistisches Stereotyp auch im digitalen Zeitalter herumgeistert, hat viele Gründe.

Die politische Rolle, die Archive und Archivare in modernen Gesellschaften spielen, wird verkannt. So etablierte sich mit Blick auf die deutsche Zeitgeschichte die Legende vom unpolitischen Archivangestellten, als hätte es Diktaturen oder den Kalten Krieg nicht gegeben – ein Trugschluss, wie erste Studien belegen.

„Überall sind Einsatzgruppen deutscher Archivare tätig. Damit dienen sie in gleicher Weise den Belangen der deutschen Politik, Verwaltung und Wissenschaft wie den Interessen der besetzten Länder“, rechtfertigte 1943 der mächtigste Archivfunktionär des vergangenen Jahrhunderts, der überzeugte Nationalsozialist Ernst Zipfel, das kulturimperialistische Tun seiner Beamten in ausländischen Archiven. Es reichte von Archivsicherung und politisch-rassischer Überprüfung des Personals über Erfassung und Rückführung von Archivgut deutscher Provenienz bis zu erzwungenem „Archivalientausch“ und offenem Güterraub. Zipfels Machtfülle ist bezeichnend für die Indienstnahme und Überformung des Archivwesens durch das NS-Regime: Direktor des Reichsarchivs und Geheimen Staatsarchivs Berlin, Kommissar für „Archivschutz“ im besetzten Ausland und einige weitere hochrangige Ämter bekleidete Zipfel bis 1945.

Die Archive in Deutschland waren seit 1933 Schauplätze diktatorischer Herrschaftsausübung. Jüdische und politisch missliebige Archivmitarbeiterinnen und  -mitarbeiter wurden entlassen. Dann folgten die „Nürnberger Rassengesetze“. Sie lösten einen landesweiten Sturm auf Archive aus, die nun millionenfach „Ariernachweise“ zu bearbeiten hatten. Zahlreiche Archive erhielten Rechercheaufträge, um Propagandaausstellungen wie „Deutscher Osten“, die Schlageter-Wanderausstellung oder auch Werbeschauen der NSDAP mit Anschauungsmaterial zu beliefern. Die meisten Archivare waren zwar nationalkonservativ gesinnt und hielten zunächst Abstand zu Hitler und seiner NSDAP. Spätestens seit 1934 jedoch passte sich die Mehrheit bereitwillig ins neue Herrschaftssystem ein und folgte dessen Ideologie.

Dass Archive und Archivare geschichtspolitische Akteure wurden, war keinesfalls neu. So wurde das 1919 gegründete Reichsarchiv beauftragt, Archivgut des untergegangenen Deutschen Reichs und Militärakten des aufgelösten Großen Generalstabes zu verwalten und die „wahre“ Geschichte des Ersten Weltkriegs zu schreiben. Für diese geschichtspolitische Auftragsforschung hatte man ehemalige Offiziere angestellt, die mit ihrer Geisteshaltung für Jahre die militärhistorische Deutungslinie in der deutschen Öffentlichkeit dominierten. Diese Form der amtlichen Weltkriegsforschung endete erst 1956 mit der Herausgabe des 18. Bandes der Reihe „Der Weltkrieg 1914-1918“ unter Verantwortung des Bundesarchivs.

Recherchen in parteipolitischem Auftrag unternahm auch das Deutsche Zentralarchiv der DDR. Eine Anordnung lautete, Archivbelege zu finden, um NS-Täter juristisch zu belangen und Eliten im Westen zu entlarven. Hierbei mischte das Ministerium für Staatssicherheit ebenso tatkräftig mit, wie es das Archivpersonal überwachte. Die vom Nationalrat der Nationalen Front und dem Dokumentationszentrum der staatlichen Archivverwaltung der DDR lancierten „Braunbücher“ prangerten die problematische Entnazifizierung in der Bundesrepublik an und zementierten zugleich den Legitimationsanspruch der SED, das „antifaschistische“ und damit bessere Deutschland zu vertreten. Dieser Vorwurf reichte bis ins westdeutsche Archivwesen hinein. Führende Archivdirektoren der Nachkriegszeit wie Georg Winter vom Bundesarchiv hatten an Zipfels „Archivschutz“-Einsätzen mitgewirkt. Doch nach 1945 nahm nahezu jeder Archivar für sich in Anspruch, „anständig“ geblieben zu sein.

Es dauerte bis zum Stuttgarter Archivtag 2005, bis zur Gegenwartsepoche karthartischer Vergangenheitsaufarbeitung, um diesen Mythos über Bord zu werfen. Damit steht das deutsche Archivwesen am Beginn einer überfälligen Historisierung. Geht man in unserem geschichtsversessenen Zeitalter davon aus, dass Archive das kulturelle Gedächtnis von Gesellschaften und Nationen bilden und bewahren, ist die Bedeutung dieses Vorhabens offensichtlich – und das Ende der Legende von den unpolitischen Archivaren nah.



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