Falsche Versprechen

Bernardo Camara

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Von einem der höchsten Punkte im Norden von Manaus zeigt Ribamar Oliveira auf die Stadtgebiete, die früher einmal grün waren. „Dort drüben stand Wald, wir gingen sogar jagen. Es gab einen kleinen Bach mit sauberem Wasser, in dem man baden und Wäsche waschen konnte“, erinnert sich der heute 47-Jährige. Inzwischen leben auf dem ehemaligen Waldstück fünftausend Familien ohne funktionierende Strom- und Wasserversorgung. Es gibt keine Müllabfuhr und nur zehn Prozent der Bewohner besitzen das Grundstück, auf dem sie ihre Bretterbuden errichtet haben. Trotz der ungenügenden Infrastruktur zählt Nossa Senhora de Fátima zu den 56 offiziellen Stadtteilen von Manaus und immer neue kommen hinzu. Die Hauptstadt des Bundesstaats Amazonas breitet sich an den Rändern in alle Richtungen aus. Migranten aus ganz Brasilien strömen auf der Suche nach Arbeit in die Tropenstadt.


Oliveira wurde im mehr als 5.000 Kilometer entfernten Bundesstaat Maranhão im armen Nordosten Brasiliens geboren. Er kam in den 1970er-Jahren hierher, als die brasilianische Bundesregierung eine ganze Reihe von Entwicklungsmaßnahmen für das Amazonasgebiet beschloss. Die Region galt als unterbevölkert und sollte an die Wirtschaft des Landes angebunden werden. Unter dem Slogan „Land ohne Leute für Leute ohne Land“ vergab die Regierung großzügig Kredite und gewährte Steuer- und Zollvergünstigungen, um Unternehmen anzulocken. In Manaus sollte eine moderne Industrie entstehen: An den Ufern des Rio Negro, inmitten des Regenwalds, wurde eine 10.000 Quadratkilometer große Freihandelszone eingerichtet. Mehr als 600 Firmen haben sich bis heute dort niedergelassen, hauptsächlich multinationale Elektronikkonzerne wie Panasonic, Philipps, Samsung, Nokia und Sony, aber auch brasilianische Unternehmen aus der chemischen- und optischen Industrie sowie Zweiradhersteller. Mit den Fabriken veränderte sich das Antlitz der Stadt von Grund auf. Anfang der 1970er-Jahre lebten dort 400.000, heute sind es schon 1,8 Millionen Menschen. Eine Entwicklung, die anhält: Während im Rest von Brasilien die Bevölkerung jährlich um 2,3 Prozent wächst, sind es in Manaus mehr als vier Prozent.


Als Ribamar Oliveira nach Manaus kam, fand er wie viele andere in der Stadt keine Wohnung. Die Regierung hatte auf schnelles Wirtschaftswachstum gesetzt, ein Plan für die Stadtentwicklung fehlte. Es blieb Oliveira nichts anderes übrig, als selbst Hand anzulegen: „Die Leute nahmen eine Axt und rodeten den Wald, dann bauten wir darauf unsere Bretterhütten“, erzählt er. „Die Leute kommen nach Manaus mit dem Gedanken, nur vorübergehend ein Stück Land zu besetzen. Die Not zwingt sie dann aber dazu, auf diesem Grundstück zu bleiben.“


Von allen Vierteln, die von der Stadtverwaltung inzwischen als reguläre Siedlungen anerkannt wurden, sind 80 Prozent ursprüngliche Landbesetzungen. Im Zuge des unkontrollierten Wachstums der Stadt wurde eine Regenwaldfläche von der Größe von 30.000 Fußballfeldern abgeholzt. Und trotzdem haben, laut Erhebungen des Regionalrats für Ingenieurswesen und Architektur im Amazonas, 67 Prozent der Einwohner von Manaus immer noch keine angemessene Unterkunft. Oliveira ist einer davon.


„Die Einrichtung der Freihandelszone war sehr wichtig für unsere Region, da sie uns Wachstum ermöglicht hat. Aber wir waren auf diese Zuwanderung, die alle Erwartungen übertraf, nicht vorbereitet. Es stand schlichtweg kein Wohnraum zur Verfügung“, räumt der Präsident des Instituts für Stadtplanung (Implurb) Claudemir Andrade ein. Obwohl Manaus heute eines der höchsten Bruttoinlandsprodukte Brasiliens hat, hinkt die Lösung der städtebaulichen Probleme der boomenden Wirtschaft weiter hinterher. „Ökonomisch betrachtet sind wir eine reiche Region, aber wir haben viele infrastrukturelle Entwicklungshemmnisse. Bis heute haben wir es nicht geschafft, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren“, sagt der Chef von Implurb.


Die Stadtverwaltung ist längst nicht mehr Herr der Lage: „Die Leute besetzen immer neue Waldflächen und irgendwann müssen wir dann eingreifen“, erklärt Sybil Ferreira, die Leiterin der Regulierung von Grundstücken vom Amt für Wohnungswesen. „Immer wenn wir mit der Erschließung eines neuen Gebiets beginnen wollen, haben sich die Leute schon auf ihre Art eingerichtet und wir müssen alles neu organisieren.“


Oliveira, der heute als Sozialarbeiter bei der Caritas arbeitet, versteht die Logik hinter solchen Äußerungen: „Für uns im Viertel seht fest, dass die Regierung ein politisches Interesse an den Landbesetzungen hat. In Wahlkampfzeiten schicken sie Straßenbaumaschinen, kippen Asphalt auf den Boden, walzen ihn fest und fertig ist ein neuer Stadtteil. Dafür bekommen sie Wählerstimmen.“


Durch die unkontrollierte Expansion verliert die Stadt, die vom größten tropischen Regenwald der Welt umgeben ist, ihre letzten grünen Flächen. In der Verwaltung kommt es deshalb immer wieder zu Konflikten. Während die Umweltbehörde dafür kämpft, die Reste des Urwaldbestands zu erhalten, setzt sich die Regierung des Bundesstaats Amazonas über die örtlichen Schutzmaßnahmen hinweg. „Die denken, dass sie unsere Genehmigung nicht brauchen“, kritisiert Myriam Cunha, Leiterin des Gebietsmanagments beim städtischen Umweltamt. „Sie fangen einfach mit den Bauarbeiten an. Es dauert nicht lang und uns erreichen die Klagen der Anwohner, dass Affen, Gürteltiere und Alligatoren, die ihren Lebensraum verloren haben, frei herumirren.“ 


Philip Fearnside, einer der größten Spezialisten für den Amazonas, kam 1976 in die Region, als der Regenwald noch weite Teile der heutigen Stadt bedeckte. Der Amerikaner spürte gleich bei seiner Ankunft die Wirkung des feuchtheißen Klimas. Heute würde ihm die Anpassung noch schwerer fallen: „Ich erinnere mich, dass es früher noch Morgentau gab. Den sucht man heute vergeblich.“ Für den Wissenschaftler des Brasilianischen Instituts für Amazonas-Forschung (INPA) ist dies ein Zeichen, dass alles aus dem Lot geraten ist. „Die Baumbestände helfen dem Mikroklima in der Stadt. Mit ihnen war es in Manaus nicht so heiß“, erklärt er. Fearnside zufolge hätte die Stadt ein viel angenehmeres Klima, wenn man den Wald in die Stadtplanung einbezogen und Parks geschaffen hätte. Aber die meisten Bäume wurden, lange bevor die Stadtregierung sich regte, gerodet. „Die wenigen Restbestände verschwinden sehr schnell. Die übrig gebliebenen Bäume sind isoliert.“


Für Fearnside ist das charakteristische horizontale Wachstum der Region eine der Ursachen für die schnelle Verdrängung der Vegetation. Im Gegensatz zu anderen brasilianischen Metropolen hat Manaus nur sehr wenige und nicht besonders große Hochhäuser, stattdessen erstreckt sich das Häusermeer inzwischen auf einer Fläche von mehr als 44.000 Hektar. Die Wirtschaft hat Grund zu feiern, es mangelt nicht an immer neuen billigen Arbeitskräften, aber Claudemir Andrade von Implurb versinkt in seinem Stuhl und fragt: „Wo sollen wir die ganzen Leute nur unterkriegen?“
 
 
 
 

Aus dem Portugiesischen von Birgit Hoherz



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