„Im Libanon ist Verdrängung zum Dauerzustand geworden“

ein Interview mit Monika Borgmann

Was bleibt? (Ausgabe I/2016)


Frau Borgmann, im Libanon gab es zwischen 1975 und 1990 einen Bürgerkrieg. Wie geht das Land mit der Erinnerung daran um?

Der libanesische Staat hat seine Vergangenheit nie wirklich aufgearbeitet. Noch heute sprechen viele vom „Krieg der anderen“, weil unter anderem Syrien und Israel intervenierten, aber es war nicht nur ein Krieg der anderen. Es gibt keine nationale Erinnerungskultur, nur individuelle, konfessionell geprägte Erinnerungen. Genau dort setzt die Arbeit von unserer Organisation UMAM an: Wir wollen die fragmentierten Erinnerungen allen Libanesen zugänglich machen – auch die blinden Flecke, über die nicht gesprochen wird.

Zum Beispiel?

Bis heute sind die sogenannten Lagerkriege, die während des Bürgerkriegs in den palästinensischen Flüchtlingslagern stattfanden, ein Tabuthema. Ein anderer blinder Fleck sind die Kämpfe innerhalb der einzelnen Religionsgemeinschaften, dabei waren das die brutalsten, weil sie auf engstem Raum stattfanden. Über die Kriege zwischen der schiitischen Hisbollah und der Amal-Miliz von 1987 spricht kaum jemand, weil beide Parteien heute gemeinsame politische Interessen haben. Mit anderen Worten: Die aktuellen politischen Konstellationen entscheiden, worüber gesprochen und was verschwiegen wird.

Was macht Ihre Organisation, um diese Lücken im kollektiven Gedächtnis zu schließen?

Wir möchten die Bevölkerung mit Ausstellungen, Workshops und Filmvorführungen für die Themen zivile Gewalt und Erinnerung sensibilisieren. Wir haben zum Beispiel das erste Mal im Libanon den Film „Schatila. Auf dem Weg nach Palästina“ gezeigt, der die Lagerkriege behandelt. Andererseits bauen wir ein öffentliches Archiv auf, das auf den Bürgerkrieg spezialisiert ist, aber auch einen Bezug zur Gegenwart schafft. Unsere Mitarbeiter recherchieren täglich, was zum Bürgerkrieg veröffentlicht wird und wurde: von Zeitungsartikeln und wissenschaftlichen Publikationen bis hin zu Fotos von den nach wie vor 17.000 Vermissten. In der Datenbank „Memory At Work“ machen wir diese Dokumente öffentlich zugänglich. Etwas Vergleichbares – ein funktionierendes nationales Archiv mit Dokumenten zum Bürgerkrieg – gibt es im Libanon nicht.

Inwiefern spielt die Tatsache, dass Sie Deutsche sind, eine Rolle für das, was Sie machen?

Mich hat die deutsche Nachkriegsdiskussion sehr geprägt. Für mich ist es selbstverständlich, über die Vergangenheit, den Holocaust, zu sprechen. Andererseits hatte Deutschland auch das „Glück“ der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. Im Libanon hat es nie solche Prozesse gegeben. Vielleicht wäre für den Libanon ein engerer „Austausch“ mit Deutschland zur deutschen Kriegsaufarbeitung interessant. Aber leider ist der Holocaust im Libanon eine weitere Tabuzone, da er politisch mit Israel verknüpft ist – ein Land, mit dem der Libanon im Kriegszustand ist.

Warum ist kollektives Erinnern so wichtig?

Eine kollektive Erinnerungskultur hätte dazu beitragen können, dass sich der Libanon zu einem Staat mit einer nationalen Identität entwickelt. Stattdessen ist die religiöse Zugehörigkeit heute wichtiger als die nationale. Jedes Land muss sich irgendwann mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen, um sich demokratisch zu entwickeln. Der Libanon zeigt, was passiert, wenn das nicht der Fall ist: Bis heute gibt es keinen Frieden. Viele Libanesen fragen sich noch immer, ob der Krieg jemals aufgehört hat oder ob sie nicht gerade eine weitere Phase durchleben.

Manchmal kann Vergessen überlebenswichtig sein. In anderen Bürgerkriegsländern, etwa in Spanien, gab es Amnestien.

Spanien ist ein Erfolgsbeispiel, das Land hat sich nach der Amnestie 1977 zu einer Demokratie entwickelt. Zwar wurde die Franco-Diktatur auch lange Zeit verdrängt, aber das Land setzt sich jetzt mit seiner Vergangenheit auseinander. Im Fall des Libanon ist Verdrängung zum Dauerzustand geworden. Weder Amnestie noch Vergessen haben geholfen: 25 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs ist der Staat weder demokratisch noch funktionell. Es gibt keinen Präsidenten, keine legitime Regierung und der Staat schafft es nicht einmal, die Hisbollah davon abzuhalten, ohne Parlamentsbeschluss in Syrien zu kämpfen.

Das Interview führte Juliane Pfordte



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