Der Weg ist das Ziel

von Fabian Ebeling

Was bleibt? (Ausgabe I/2016)


Dror Etkes und Ghassan Bannoura lehnen auf der Motorhaube des weißen Geländewagens über einer detaillierten Karte des Westjordanlands. Sie zeigt das zerklüftete Gebiet, Brauntöne stehen für palästinensische Zonen, blaue für israelisch besetztes Land. Etkes ist Israeli, Bannoura Palästinenser, beide sind sich einig, dass die illegale Siedlungspolitik und die israelische Besatzung palästinensischer Gebiete die größten Probleme bei der Lösung des unendlichen Konflikts sind. Ende 2014 lebten hier rund 400.000 Israelis in völkerrechtlich nicht anerkannten Siedlungen.

„Wenn ich ins Ausland will, muss ich durch israelisches Gebiet nach Jordanien, um dort vom Flughafen auszureisen. Wir haben keine Außengrenzen, eine staatliche Einheit ist derzeit überhaupt nicht möglich“, sagt Bannoura. Er ist der palästinensische Medienbeauftragte der Combatants for Peace, einer Nichtregierungsorganisation, die sich für eine Lösung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern einsetzt. Er arbeitet außerdem als Kontaktperson für internationale Medien wie die BBC oder das italienische Fernsehen. Wenn Palästinenser Messer ziehen und israelische Soldaten auf sie schießen, berichtet er. Den ständigen Ausnahmezustand kennt er gut.

Dror Etkes, Glatze, Sonnenbrille, Outdoormontur, redet wie ein Wasserfall. Von Straßen, Mauern und Zäunen. Davon, wie palästinensischen Bauern Land weggenommen wird, damit die Israelis Straßen bauen und die Infrastruktur für neue Siedlungen anlegen können. Seit mehr als zehn Jahren verfolgt er akribisch, wie in den Palästinensergebieten Siedlungen entstehen und wachsen. In einer Studie von 2013 untersucht er, wie die Siedler palästinensisches Land übernehmen: „Die israelischen Behörden berufen sich auf ein modifiziertes osmanisches Gesetz von vor dem Ersten Weltkrieg. Wenn weniger als fünfzig Prozent einer Parzelle bewirtschaftet sind, kann dieses Land als Staatsland deklariert werden“, erklärt Etkes. Er kennt die israelische Siedlungspolitik und ihre Auswirkungen wie kaum ein anderer außerhalb der Behörden. „Ich bin am richtigen Ort groß geworden, in einer Siedlung östlich von Jerusalem. Ich will wissen, was in der Westbank passiert“, sagt er. Etkes berät die Combatants for Peace und ihre Guides, die Israelis und Palästinenser in besetzte Gebiete rund um Jerusalem und Bethlehem führen.

Seit Oktober 2015 steigen die Spannungen wieder. In Jerusalem, Bet Shemesh und Tel Aviv wurden Juden angegriffen, in Beer Sheva ein unbeteiligter Eritreer von einem aufgebrachten Mob gelyncht, weil man ihn für einen Attentäter hielt, der kurz zuvor an einer Busstation um sich geschossen hatte. Nach Messerattacken auf Juden sprach man in der internationalen Presse von der „Messer-Intifada“. Solche Angriffe führen oft zu scharfen Reaktionen des israelischen Militärs: Checkpoints werden dicht gemacht, kein Palästinenser kommt durch. Sie sorgen auch dafür, dass die Angst der Israelis vor einem neuen Aufstand der Palästinenser genährt wird.

Die Combatants for Peace sind auf der palästinensischen wie der israelischen Seite aktiv und gleichberechtigt organisiert, alle Stellen sind doppelt besetzt. Wenn Checkpoints schließen, müssen sie ihre Treffen absagen.Branden Gewaltwellen auf, fürchten sich die Palästinenser vor den Reaktionen der israelischen Siedler und wollen nicht durch deren Gebiete fahren. In einer Art Städtepartnerschaft koordiniert die NGO mehrere Gruppen, die versuchen, diesem Konflikt zu trotzen: Tel Aviv, Nablus und Tulkarm; Beer Sheva und Hebron; Jerusalem und Bethlehem; Jericho und Ramallah. Gemeinsam machen sie Workshops, Theater und laden junge Israelis, die kurz vor ihrem Wehrdienst stehen, zu Vorträgen ein. Ehemalige palästinensische Aufständische und israelische Soldaten erzählen an solchen Abenden, warum sie dem bewaffneten Kampf abgeschworen haben. Es scheint, als probten die Combatants den Frieden, den die Politik nicht imstande ist umzusetzen.

Seit 1974 sind Vorschläge für eine phasenweise Implementierung einer Zwei-Staaten-Lösung im Gespräch. Gewaltwellen und die Gaza-Kriege versetzten diesen Vorschlägen immer wieder Hiebe, die eine solche Lösung immer unwahrscheinlicher werden lassen. Langfristig ist es aber die israelische Siedlungspolitik, die dem Frieden seit 1967 im Weg steht. Ein Opfer dieser Politik ist der palästinensische Bauer Mohammad A‘yish.

Er und sein Sohn bauen auf ihrem Stück Land Oliven, Gurken und Zitrusfrüchte an, die sie auf dem Markt in Bethlehem verkaufen. Ständig muss er vor israelischen Gerichten darum kämpfen, dass er nicht enteignet wird: „Mein Urgroßvater war ein schlauer Mann. Er hat dieses Land 1925 registrieren und eine Karte davon zeichnen lassen“, sagt A‘yish. Diese historischen Dokumente retten ihn vor Gericht, schützen ihn davor, dass man auch sein Land als „Staatsland“ deklarieren kann. Gegen solche Formen des institutionellen Drucks wehren sich die Palästinenser. Manchmal auf der Straße, mit Steinen und Messern.

Bait Dschala liegt nordöstlich von Bethlehem. Etwas außerhalb befindet sich die Schule Thalita Kumi. Ausgelassen proben neue Mitglieder der Combatants for Peace, Palästinenser und Israelis, die friedliche Begegnung im Leader­ship-Workshop. Udi Gur, Lehrer in Jerusalem und israelischer Koordinator der NGO, erzählt, wie die Stimmung in Israel kippt. „Die Leute machen rassistische Witze. Rechte Gruppen demonstrieren auf den Straßen und jagen Araber. Das ist wie im Berlin der 1930er-Jahre. Das ist die SA“, sagt Gur über Levaad, eine rechtsextremistische israelische Vereinigung.

Die Combatants for Peace verstehen ihre Mission als einen friedlichen Kampf gegen die israelische Besatzung des Westjordanlands: „Gewalt kann ausgenutzt werden, um die Menschen in Angst zu versetzen und die Besatzung zu legitimieren. Andererseits müssen die Palästinenser ihren Leuten auch erklären, dass Messer oder Steine nichts bringen. Gegen den gewaltlosen Weg allerdings hat Israel keine Mittel“, meint Gur.

Die Gründer der Combatants for Peace sind ehemalige israelische Soldaten oder palästinensische Aufständische. Sie wollten dem Zyklus der Gewalt entkommen. Mohammed Aweida, der palästinensische Koordinator der Gruppe, sitzt neben Udi Gur: „Wenn ein ehemaliger Soldat, der getötet hat, sagt, dass es falsch ist, dann glaubt man ihm. Wenn ein Palästinenser 10 oder 15 Jahre im Gefängnis saß, ist das kein normaler Typ, der dir irgendetwas erzählt. Er hat auch ein Gewicht.“ Aweida saß während der ersten Intifada von 1987 bis 1993 für eine Weile in einem israelischen Gefängnis, wie auch seine Brüder: „Ich schwor mir, dass die Generationen nach uns es nicht erleben sollen, dass ihre Mütter sie einmal in der Woche im Knast besuchen“, sagt er.

Um ihre Ideen durchzusetzen, braucht es zwei gleichberechtigte Seiten. Kaum eine israelisch-palästinensische NGO ist organisatorisch so aufgestellt und im Westjordanland so aktiv wie die Combatants for Peace. Auf der palästinensischen Seite werden die Mitglieder angefeindet, wenn ihr Umfeld erfährt, dass sie sich mit dem Feind organisieren. Normalisierung der israelischen Besatzung nennt man es manchmal, wenn sich beide Seiten begegnen: „Rumsitzen, Kaffee trinken“, sagt selbst Mohammed Aweida, „das ist Normalisierung und das macht mich verrückt.“ Die Combatants akzeptieren die Besatzung aber nicht.

Denn dass sie nicht normal ist, muss wohl jeder Mensch erfahren, der sich regelmäßig stundenlang in einer Autoschlange vor geschlossenen Checkpoints langweilt, weil irgendwo im Westjordanland wieder Steine geflogen sind. „Ein Idiot baut Scheiße, Hunderttausend müssen leiden“, sagt der ehemalige Häftling Aweida. Wer aber mit dem ständigen Ausnahmezustand aufwächst, der hält ihn vielleicht irgendwann doch für die einzige Normalität. Eine, in der die palästinensischen Flüchtlingslager nach 1948 zu Städten wurden, in denen heute schon die dritte und vierte Generation lebt. Aus diesen Gebieten kommen oft die jungen Palästinenser, die Israelis angreifen.

Dror Etkes und Ghassan Bannoura haben sich vor dem weißen Jeep festgeredet. Ein Israeli und ein Palästinenser, die das Gleiche wollen. Zwei, die von Apartheid sprechen: „Israel hat nicht den Luxus Südafrikas mit viel Land, wo man die Schwarzen hinschicken und so tun konnte, als habe man nichts mit ihnen zu tun“, sagt Etkes. Sie glauben aber, dass die israelische Regierung mehr und mehr isolierte palästinensische Enklaven schaffen und mehr Kontrolle ausüben möchte, dass sie mit Siedlungen weitere Fakten schaffen will, die erst im Nachhinein legitimiert werden.

Bei der größten Veranstaltung der Combatants, dem „Memorial Day“, kommen mittlerweile jedes Jahr bis zu 4.000 Israelis und Palästinenser zusammen, um der Toten auf beiden Seiten zu gedenken. Die stumme Mehrheit hält das nicht für normal.



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