Wann man in Indien welche Klänge hört

Ranga Yogeshwar

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


ch bin auf einem Ravi-Shankar-Konzert in Delhi und die Sonne geht auf. Nur ein Musikstück klingt jetzt richtig: Der „Todi-Raga“, der Raga des Morgens. Shankar stimmt die traditionellen Grundtöne des „Todi“-Themas an, Sitar und Tabla erklingen, der Moment ist perfekt. Ich verstehe – nein, fühle –, was klassische indische Musik ausmacht.
Anders als im Westen, wo Kulturgut dank Internet und Fernsehen jederzeit und überall verfügbar ist, spielt in Indien der zeitliche Kontext eine viel größere Rolle: Die Kultur ist in Religion und Naturbewusstsein verankert und die Gesamtsituation wird wahrgenommen.
Ragas sind Themen der indischen Tonlehre, unzählige Klangpersönlichkeiten, die bestimmten Zeiten und Ereignissen vorbehalten sind. Der „Megh-Raga“ etwa wird nur zu Beginn des Monsunregens gespielt.
In Indien koexistieren uralte Kultur und Moderne. Es gibt Ragas heute auf Kassette, CD oder MP3, dennoch spricht vieles gegen diese modernen Konserven. Das Wesen der Ragas besteht in der einzigartigen, dem jeweiligen Moment angepassten Improvisation und Variation. Zudem ist der zeitliche Kontext entscheidend: Ein Inder würde sich nicht abends den „Todi-Raga“ anhören. Das wäre so, als äße man das Dessert vor der Hauptspeise – es würde sich einfach falsch anfühlen. In der indischen Kultur spielen Ort und Zeit eine wichtige Rolle nur so entfaltet der Raga seine Magie.



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