Die Behörden des Kalifats

von Nather Henafe Alali

Was bleibt? (Ausgabe I/2016)


Die Terrororganisation „IS“ hat nach ihren schnellen Gebietsgewinnen 2014 in Syrien einen Administrations- und Unterdrückungsapparat eingerichtet. Sie verwaltet und regiert ihre Gebiete durch sogenannte „Diwane“. Dieser Begriff bezeichnet seit den frühen Kalifaten Behörden. Es gibt einen Bildungs-Diwan, einen richterlichen Diwan, einen Gesundheits-Diwan und einen Zakat-Diwan. Das Zakat ist eine der fünf Säulen des Islam, eine Steuer, die innerhalb eines Staates für soziale Aufgaben verwendet werden soll. In Saudi-Arabien wird diese Steuer freiwillig entrichtet, in Syrien gab es sie vorher nicht. Der „IS“ – auf arabisch nennt man ihn auch abschätzig „Daesh“, ein Akronym, das an arabische Begriffe für „Zwietracht säen“ erinnert – zwingt sie den Menschen auf und dehnt durch solche Maßnahmen seinen Einfluss aus und beschränkt sie in ihrer persönlichen Freiheit.

Es gibt Unterdrückungs- und Strafkommandos wie die islamische Polizei oder die Hisba, also weibliche Ordnungshüterinnen, die darauf achten, dass Dresscodes und Verhaltensregeln im Alltag eingehalten werden. Frauen müssen zum Beispiel komplett verschleiert sein. Die Anführer der Ordnungshüter erhalten in Militärcamps eine verkürzte religiöse Ausbildung. Sie unterdrücken und erpressen die Bevölkerung und unterstellen ihren Widersachern, vom islamischen Glauben abgefallen zu sein. Sie beschimpfen sie als Verräter aus den Reihen der „Sahwa“, einer Allianz der US-Armee und Stammesmilizen.

Viele Syrer vergleichen den „Islamischen Staat“ mit Assads Baath-Partei, da beide der Gesellschaft politische, soziale, ökonomische und bestimmte religiöse Muster aufzwingen. Dagegen regt sich Widerstand: Bei Demonstrationen wird der Abzug von Daesh, etwa aus der Stadt Manbidsch in der Nähe von Aleppo, gefordert. „Nieder mit Daesh“ steht an Wänden in Abu Kamal im Osten Syriens. Unbekannte hissten die Fahne der syrischen Revolution und unterstützen die Freie Syrische Armee, die sich 2011 gründete und als bewaffnete Oppositionsbewegung den Sturz des Regimes forderte. Es gibt Enklaven des Widerstands in den Kerngebieten von Daesh, die dessen Führer und Sicherheitsleute anvisieren. Die Menschen in Syrien verfolgen aber auch besorgt die Ereignisse in der Außenwelt.

Die Pariser Attentate am 13. November 2015 erregten Trauer und Mitgefühl bei ihnen. Einige setzten die französische Flagge in ihr Facebook- oder Twitter-Profil. Lokale Organisationen und Einheiten des syrischen Widerstands verurteilten diese Verbrechen. Nach den Anschlägen von Paris fürchten sich die Menschen noch mehr, denn solche Terrorakte verändern die Einstellung der Weltöffentlichkeit zu Syrien und zu allen arabischen und islamischen Staaten.

Besonders die Bewohner von Rakka und Deir ez-Zor fürchten die französischen Flugzeuge, die kaum zwischen Zivilisten und Kämpfern unterscheiden können. Dasselbe machen die Bewohner dieser Städte bereits mit den Angriffen der Anti-IS-Koalition der USA und ihren Verbündeten durch, die bisher mehr Zivilisten als Terroristen töteten.

Daesh kann man nicht einfach mit Flugzeugen vernichten. Die Syrer sind überzeugt, dass alle Vorschläge und internationalen Herangehensweisen am Kern des Problems vorbeigehen, dem Assad-Regime. Sie werden keine Freiheit bringen, kein besseres Leben oder das Ende der Despotie.

Die internationale Koalition bombardiert seit etwa einem Jahr mit mäßigem Erfolg Daesh-Stellungen. Das Bombardement der Franzosen wird weder Stabilität für die Region bringen noch die Faktoren beseitigen, die zur Gründung von Daesh geführt haben. Viele Syrer sehen eine mögliche Lösung in der Unterstützung der Freien Syrischen Armee im Kampf gegen Assad. Die Menschen dürfen jetzt nicht vor die Wahl zwischen ihm und Daesh gestellt werden.

Vielleicht schwächen die französischen Luftangriffe die Terrororganisation, aber sie werden ihn nicht von seinen Anhängern und Sympathisanten überall auf der Welt trennen. Sie werden Reaktionen auslösen und die Organisation in versprengte und verborgene Zellen in den arabischen und westlichen Ländern treiben, deren größte in Syrien und dem Irak liegen werden.

Daesh macht sich eine Politik zunutze, die nur sicherheits- und militärgestützte Strategien verfolgt. Die legitimen und natürlichen Bedürfnisse und Rechte der Bevölkerung, wie das Recht auf Selbstbestimmung, werden nicht berücksichtigt.

Daesh zeigt seinen Anhängern die Widersprüchlichkeit der internationalen Politik im Umgang mit den Krisen in der arabischen Welt auf. Genau das geschieht, während die internationale Gemeinschaft die Organisation bombardiert und Assads Verbrechen geschehen lässt, der seit 2011 etwa 300.000 Syrer hat töten lassen, vier Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieb und Verbrechen schiitischer Milizen im Irak nicht sehen will. Andererseits lehnt die internationale Gemeinschaft es ab, den Volkswiderstand in Syrien zu unterstützen und ihm bei der Bekämpfung von Daesh, dem Regime und anderen Milizen zu helfen.

Aus dem Arabischen von Stephanie Gsell



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