Der lange Weg zur freien Presse

von Kristin Oeing

Was bleibt? (Ausgabe I/2016)


Durch das offene Treppenhaus eines mehrstöckigen Wohnblocks hallen die Straßengeräusche der myanmarischen Hauptstadt, das Brummen und Dröhnen der vielen importierten Neuwagen aus Japan, die sich im Schritttempo an den goldenen Pagoden ­Yangons vorbeischlängeln. Zeugnisse einer neuen Ära, in der nach Jahren der Isolation Waren, Touristen und Investoren ins Land strömen und Baustellen das Stadtbild prägen. Auch die Räume, die sich hinter der Holztür im ersten Stock des Wohnhauses im Zentrum der Stadt befinden, sind ein Zeichen des Neubeginns. Seit letztem Jahr gibt es erstmals einen offiziellen Ort für die Ausbildung von Journalisten, das Myanmar Journalism Institute, das von 39 lokalen Medien und mit technischer und finanzieller Unterstützung von ausländischen Regierungen und der UNESCO gegründet wurde. 14 Studenten lernen hier in einem einjährigen Teilzeitstudium das journalistische Handwerk, 15 weitere sind es am zweiten Standort in Mandalay.

Die Tür ist nur angelehnt, dahinter erstreckt sich ein Großraumbüro mit vergitterten Fenstern. Die Klimaanlage rattert monoton, Telefone klingeln, Laptops summen. Die hohen Regale sind mit Büchern, Zeitungen und Zeitschriften vollgestopft, der Stundenplan steht auf einem handgeschriebenen Zettel an der Wand: digitaler Journalismus, soziale Medien, politische Berichterstattung.

Der Leiter des Instituts, U Thiha Saw, sitzt im traditionellen burmesischen Winkelrock an einem Tisch im Besprechungszimmer. „Über Jahrzehnte fand die journalistische Ausbildung – wenn überhaupt – im Untergrund statt.“ Während der jahrzehntelangen Militärdiktatur unterband das Regime jede unabhängige Berichterstattung. Journalisten mussten sich dem Diktat der Machthaber unterwerfen. „Jedes Wort, jedes Foto, jede Werbeanzeige unterlag der Zensur“, erinnert sich U Thiha Saw. Wer kritisch berichten wollte, wurde von den Agenten der Geheimpolizei eingeschüchtert und verfolgt. Viele Journalisten verbrachten Jahre im Gefängnis oder gingen ins Exil. „Auch mich rief die Geheimpolizei an, bat mich um ein Gespräch in ihrem Büro.“ Erst 75 Tage später war er wieder zu Hause.

Doch seit der Öffnung befindet sich das südostasiatische Land im Umbruch, auch die Medienlandschaft verändert sich im Eiltempo. „Heute gibt es 400 Printmedien, ein Vielfaches im Vergleich zu früher“, sagt U Thiha Saw, „sogar internationale Publikationen sind nun wieder erhältlich und in der Rangliste der Pressefreiheit sind wir in kürzester Zeit von Rang 178 auf 144 geklettert.“ Immerhin. Trotzdem misstrauen viele Journalisten den neuen Rahmenbedingungen. „Die Zensur war auch eine Art Schutz für uns Journalisten. Heute kann man sich nie sicher sein, was passiert.“ Denn noch immer landen kritische Journalisten im Gefängnis. „Die regierungstreuen Richter sind das Problem. Wenn sie von höchster Ebene einen Anruf bekommen, sitzt man schnell hinter Gittern.“ Inwieweit sich das nach den ersten freien Wahlen im November 2015 ändert, bei denen die frühere Oppositionspartei Nationale Liga für Demokratie (NLD) um Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi die Mehrheit gewann, bleibt abzuwarten.

So folgt auf die Zensur nicht selten die Selbstzensur. Und noch immer pflegen viele Publikationen enge Verbindungen zum Militär, andere hetzen ungebremst gegen ethnische und religiöse Minderheiten wie die muslimischen Rohingya. In der Auseinandersetzung mit solchen Themen wird sich die demokratische Entwicklung Myanmars und auch der journalistische Reifeprozess zeigen. Doch der braucht Zeit.

Trotzdem seien die Veränderungen beträchtlich, so U Thiha Saw. Über politische Themen dürfe heute sehr viel freier berichtet werden als noch vor ein paar Jahren. Es gibt sogar einen provisorischen Presserat, in dem der Institutsleiter Mitglied ist. „Bei offiziellen Beschwerden gegen Journalisten versuchen wir zu vermitteln. In mehr als 85 Prozent der Fälle gelingt uns das.“ Nun strömt eine neue Generation in den Beruf. Sie ist gut vernetzt, hat hunderte Freunde bei Facebook und liest internationale Publikationen.

Junge Menschen wie Phyo, die morgens zur Schule geht und nachmittags für die Tageszeitung ­Mizzima schreibt. „Die Demokratie ist jung. Ich möchte, dass die Menschen ihre Rechte und Pflichten verstehen.“ Mit ihrer Arbeit will sie zum Wandel beitragen. Die Journalistenschule bereitet Phyo auf diese Herausforderung vor und hat sich internationale Standards als Maßstab gesetzt. Unter den Dozenten sind daher neben journalistischen Urgesteinen und Experten aus Myanmar auch ausländische Medienprofis. In ihren Kursen lehren sie nicht nur das journalistische Handwerk, sondern auch abseitigere Themen wie Medienethik, das Wahlrecht und die gesellschaftliche Verantwortung von Journalisten. Auch im Konsortium der Schule sitzen neben myanmarischen Medien viele internationale Institutionen, wie das schwedische Fojo Media Institute, Canal France International und die Deutsche Welle Akademie. Die internationale Gemeinschaft hat die Schule im Blick.



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