Die Sehnsucht nach der Fremde

von Stephan Wackwitz

Was bleibt? (Ausgabe I/2016)


Glaubt man dem französischen Renaissancephilosophen Blaise Pascal, dann rührt das Unglück der Menschen bloß daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können. Ihr Unglück, aber auch ihr Glück – so muss man ergänzen. Denn bereits die Wanderungsbewegungen unserer fernen Vorfahren aus Afrika dienten offenbar vor allem dem Zweck, Veränderungen des Klimas und der Lebensbedingungen auszuweichen, die eine sesshaftere Spezies in den Untergang getrieben hätten. Es gab nichts mehr zu essen, also zog man weiter. Die Fähigkeit und die Lust zu reisen, scheint in unseren Instinkten verankert. Sogar die Unvereinbarkeiten zwischen Jugendlichen und ihren Eltern und deren Lebenssphäre scheint gattungsgeschichtlich bedingt. Im Alter zwischen 13 und 17 Jahren nämlich machen sich die jungen Männer und Frauen seit unvordenklichen Zeiten davon – weg aus der angestammten Horde und aus der Gegend, wo sie aufgewachsen waren. Sie gehen auf Reisen und suchen sich neue, eigene Jagd- und Sammelgründe. Wodurch der Erdball in erstaunlich kurzer Zeit menschlich besiedelt wurde. Etwas Besseres als den Tod findet man überall – diese Intuition treibt die Menschen offenbar seit frühester Urzeit in ihr Glück und in ihr Unglück.
Kein Wunder also, dass schon die frühesten literarischen Zeugnisse Reiseberichte sind. Am Anfang der klassischen Literatur steht die Heimreise des Odysseus von der Expedition nach Troja (die natürlich ihrerseits eine Reise war, nämlich eine militärische). Krieg, Handel und Piraterie – dreieinig sind sie.

Fremde Länder beschäftigten die Menschen offenbar auch innerlich schon immer so sehr, dass es nicht übertrieben scheint zu behaupten, dass ihr Dichten und Trachten von Beginn an mit dem Reisen verbündet gewesen sind. Reisen ist die wichtigste Urlaubsbeschäftigung moderner Massengesellschaften. Wenn es uns um die Freiheit geht, um die Emanzipation des inneren und irgendwie „eigentlichen“ Menschen von Alltag und Beruf, setzen wir uns in Flugzeuge, Autos und Eisenbahnen, wir wandern oder fahren mit dem Rad – obwohl es vielleicht bequemer, ungefährlicher und oft erheblich erholsamer wäre, ruhig in seinem Zimmer zu bleiben.

Rainer Wieland war Lektor der „Anderen Bibliothek“, bevor er sich als freiberuflicher Lektor und Herausgeber selbständig machte und so kluge und schöne Bücher konzipierte wie „Das Buch des Reisens: Von den Seefahrern der Antike zu den Abenteurern unserer Zeit“, das gerade im Propyläen Verlag erschienen ist. Der repräsentative Band erfüllt zwei Funktionen: Er ist zunächst ein klassisches „coffee ­table book“, laut Wikipedia also „an oversized, usually hard-covered book whose place is for display on a table intended for use in an area in which one would entertain guests and from which it can act to inspire conversation.“ Dass der Bildungsbürger bei der Erwähnung dieser Büchergattung meist die Nase rümpft, muss nicht weiter irritieren. Schon Michel de Montaigne und Laurence Sterne erwähnen solche Prachtbände zur Konversationsanregung – so viel steht fest.

Wieland hat es geschafft, dass „Das Buch des Reisens“ als Objekt etwas hermacht, nämlich schön und überlegt gedruckt, illustriert und gelayoutet ist. Auf knapp 500 Seiten hat er eine einleuchtende Anthologie von Texten zusammengetragen, in der die weltliterarische Entwicklung dieser ersten und heute noch viel gelesenen nichtfiktionalen Literaturgattung von den Anfängen bis zu David Foster Wallace in wichtigen Beispielen vorgestellt wird.

Als besonders gelungen fällt bei der Lektüre die intelligent pointierte Formatierung von kurzen Textblöcken auf, die Wieland aus zum Teil mehrbändigen Reiseberichten ausgeschnitten hat. Man erfährt in jedem der kurz und instruktiv eingeführten Textportionen etwas über die Stilgesinnung, den spezifischen Blick und das Erkenntnisinteresse des jeweiligen Autors (und der Autorin, denn Wieland hat es sich besonders angelegen sein lassen, auch den meist wenig bekannten weiblichen Reiseberichterstatterinnen Platz einzuräumen).

Dabei bleibt als prägnanter Lektüreeindruck hängen, wie gleichförmig die Welt heute geworden ist und wie abenteuerlich, auch im Unheimlichen und Schrecklichen, sie noch vor einigen hundert Jahren war. Wie überwältigt die antiken und mittelalterlichen Reisenden von ihren Zielen gewesen sind. Dass sich damals noch komplett fremde, als märchenhaft empfundene Welten aufgetan haben. Man erlebt beim Lesen mit, wie beeindruckt und fasziniert zum Beispiel Pausanias vom Stadtbild und den Kunstwerken des antiken Sparta war und Marco Polo von den Residenzen Kublai Khans, von den sinnreichen Einrichtungen seines chinesischen Kaiserreichs und der Pracht seines Hofes. Heute gibt es in Karakorum nur noch ein paar unbeeindruckende Ruinen.

Noch im 16. Jahrhundert hat der spanische Eroberer Hernán Cortés, der in Begleitung von Moctezuma II. die große Pyramide in ­Tenochtitlan, der Hauptstadt des Aztekenreichs, besichtigt hat, die priesterliche Menschenopferindustrie der Azteken in vollem Betrieb gesehen, und Bernal Díaz del Castillo hat beschrieben, wie man auf diesen künstlichen Berg hinaufstieg, wie Cortez in seinem eisernen Brustpanzer außer Atem kam und wie es in den Kultkammern der Götter Mixcoatls und Huitzilopochtlis ausgesehen hat. Frisch ausgeschnittene Menschenherzen lagen auf den Altären, der Boden war glitschig von geronnenem Blut. Und es stank bestialisch. Moctezuma war freundlich und entgegenkommend zu seinem Gast, er wollte den Fremden zeigen, wie aufwändig der Lauf der Welt, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, Regen und Fruchtbarkeit von hier aus geregelt wurde. Cortés aber, den es 1519 schauderte (so wie es uns beim Lesen noch heute schaudert), fühlte sich in seinem Vorhaben bestätigt, dieses Reich zu zerstören. Zum Schluss seines Besuchs beleidigte er die aztekischen Götter. Moctezuma, immer noch höflich, ordnete weitere Opfer zur Versöhnung der Gottheiten an. Dieser Ausflug in Tenochtitlan war ein erstes Beispiel für den Kampf der Kulturen. Heute steht am Platz der großen Pyramide eine katholische Kathedrale und der Verkehr von Mexico City rauscht um den riesigen Platz – auch nicht anders als in New York oder Berlin.

In den Schicksalen der Gattung, die Rainer Wieland uns vor Augen führt, spiegeln sich die Wandlungen der Erkenntnisinteressen des Westens gegenüber dem Fremden. Die frühen Reisen waren Kriegszüge und Handelsexpeditionen. Mit dem Christentum wird das Spektrum durch die fromme Reise – den Pilgerzug – erweitert, der in den Kreuzzügen dann seinerzeit wieder militant wurde.

So etwas wie unseren heutigen Tourismus hat es vor der Moderne schon einmal in der Antike gegeben. Interessant ist in dem Zusammenhang, wie zum Beispiel bei Seneca, der den römischen Erholungsbetrieb in Süditalien beschrieb, mit der Schilderung des Tourismus immer gleich die Kritik des Tourismus mitgeliefert wird, die in David Foster Wallace’ berühmtem Kreuzfahrt-Essay „A supposedly fun thing I’ll never do again“ den Abschluss der Anthologie bildet.

In der Moderne fächert sich die Gattung weit auf. Den ernsten und wissenschaftlichen Pol des Spektrums bilden die Berichte über die Entdeckungsreisen, von denen Wieland natürlich die großen und sozusagen welthistorisch wichtigen des Kolumbus, die Fahrtenberichte Darwins, Georg Forsters und Alexander von Humboldts in seine Sammlung aufgenommen hat. Auf der idiosynkratischen und privatistischen Seite des Kontinuums dagegen bildet sich seit dem späten 18. Jahrhundert die Untergattung der „seltsamen Reise“ heraus, in der die Figur des Künstlers, des Vagabunden und des reisenden Taugenichts noch nah mit der mittelterlichen Figur des Narren verwandt ist. Seumes „Spaziergang nach Syrakus“ ist das erste Beispiel einer solchen „Geniereise“, ein Typus, der in der deutschen Romantik stilbildend wurde und auch auf die fiktionalen Gattungen, besonders auf den Bildungsroman, stark einwirkte.

Überhaupt wird Bildung seither vorwiegend als Reise imaginiert. Goethes Romanfigur Wilhelm Meister ist eigentlich ununterbrochen unterwegs. Von England aus verbreitete sich um dieselbe Zeit die Mode der Grand Tour, zu der der Adlige aufbrach, bevor er sich als Ehemann und Gutsbesitzer zur Ruhe setzte, und von der er die Kunstwerke und Lebenseindrücke mitbrachte, mit denen er seine würdig-erwachsene Existenz dann ausstattete. Goethes „Römische Reise“, die in dem Band selbstverständlich nicht fehlt, ist in ihrer Mischung aus romantischem Sextourismus und klassischer Bildungsreise eine großbürgerlich-deutsche Variation der britischen Grand Tour.

Im 19. Jahrhundert, bei den Goncourts, Heine und Fontane zum Beispiel, erweitert und konventionalisiert sich die Grand Tour zum Gesellschaftsgemälde, bei Orwell zum sozialkritischen Sittenbild, zu einer Reise des Bürgers in die fremden Länder der Armut. Man kann nirgends so viele Entdeckungen darüber machen, wie wir uns selber sehen, als in den Wandlungen unserer Bilder der Fremde und des Fremden.

Wielands „Buch des Reisens“ erschien am 6. November 2015. Wie in den Tagen danach und zuvor beendeten an diesem Tag Tausende Flüchtlinge aus Syrien und dem Westbalkan ihre gefährliche, beschwerliche Reise nach Deutschland an den kaum mehr im Ernst bewachten Grenzen des Landes. Was einen zu der Überlegung führen könnte, welche Reiseberichte manche der Kinder, deren hoffnungsfrohe oder verzweifelte Gesichter wir in den Seiten unserer Nachrichtenmagazine oder im Fernsehen betrachten, einmal zu erzählen haben werden. Die traurigen und die zukunftsträchtigen Reisen, die gelingende und die katastrophale Begegnung mit dem Fremden verbinden die Anfänge der Literatur mit der relevantesten Gegenwart. Viele der Konversationen, die das schöne coffee table book Rainer Wielands zu inspirieren geeignet ist, könnten eine sehr aktuelle und politische Wendung nehmen.

Das Buch des Reisens. Von den Seefahrern der Antike zu den Abenteurern unserer Zeit.  ?Hrsg. von Rainer Wieland. Propyläen Verlag, Berlin, 2015.



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