Mein Freund Abu Jürgen

von Jörg Walendy

Was bleibt? (Ausgabe I/2016)


Flucht, Familie, Freundschaft und die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Assaf Alassafs „Abu Jürgen. Mein ­Leben mit dem deutschen Botschafter“ ist eine tieftraurige und gleichzeitig urkomische Geschichte. Die Beobachtungen und absurden Begegnungen eines in den Libanon geflüchteten und beim UNHCR registrierten Familienvaters aus Syrien kommen auf den ersten Blick unschuldig und auf gerade einmal 122 Seiten daher, aber hinter der Fassade steckt viel mehr. Das kurze Buch von Alassaf ist eine traurige, eine echte Liebeserklärung an das alte ­Damaskus, an Deir ez-Zor, die Geburtsstadt des Autors und an das vom Strudel der Gewalt erfasste Syrien.

Die Geschichte beginnt als eine Sammlung von Aphorismen und kleinen Anekdoten rund um die Sehnsucht nach einem „Visum für Deutschland“. Wer sich in den einschlägigen Facebook-Foren umsieht, der weiß, dass das kein Einzelfall ist. Es existieren Gruppen mit sechsstelligen Teilnehmerzahlen, die nur über Flucht und Migration sprechen. Abu Rita – der Schriftsteller und gleichzeitig der Protagonist der Handlung – scheint eben dort eine Online-Petition gestartet zu haben, um samt Familie ganz legal und nicht „irregulär“ und mit einem Schlauchboot über das Mittelmeer nach Deutschland reisen zu können. Warum ausgerechnet Deutschland? Warum in dieses kalte und ferne Land? Das bleibt im Dunkeln. Genau wie der Erfolg der Kampagne.

Zwischen den ironisch-verzweifelten Rufen nach dem „#delicious_german_viza“ finden sich auch immer wieder kurze Einblicke in das Leben einer syrischen Familie im Libanon. Abu Rita ist dort gestrandet. Er sitzt fest in einem Land, in welchem er samt Frau und Kindern noch geradeso geduldet, aber nicht wirklich gemocht wird. Die Libanesen haben kein einfaches Verhältnis zu dem großen und postsozialistischen Bruderstaat, der oft genug auch als Besatzungsmacht in Erscheinung getreten ist. Abu Rita zuckt zusammen, als er am Armee-Checkpoint keinen Ausweis dabeihat und sich als Syrer „outen“ muss. Zudem wechseln sich auf den kurzen Seiten die authentischen Beobachtungen des Autors mit Bildern und zeitgenössischen Vergleichen aus dem reichen Geschichtenschatz Syriens und den Überlieferungen des Islam ab: Religiöse Anspielungen und historische Details, die zum Glück von der Übersetzerin liebevoll und akribisch in Fußnoten entschlüsselt sind.

Wäre „Abu Jürgen“ nur das, es wäre fast schon genug, denn der Text zeigt spielerisch, märchenhaft gewunden und voller Bilder und Farben, „was das für eine Welt ist“, die sich, keine achtzig Kilometer von Beirut entfernt, zunehmend auflöst. Zwischen den Zeilen erkennt man auch, wie groß, wie ungeheuer menschlich, völlig normal und unbedingt nachvollziehbar der Wunsch ist, diesem furchtbaren Konflikt für eine Weile zu entgehen. Aber dann webt sich in diesen Teppich von Alltagslegenden aus dem Einparteienstaat Syrien noch eine eigenartige Männerfreundschaft.
Der Erzähler lernt Abu Jürgen, den „deutschen Botschafter“, am Falafelstand um die Ecke kennen und die zwei Männer entwickeln von Anfang an eine eigenartige Verbindung. Auch der Botschafter – auf den ersten Blick eine weißhaarige Witzfigur – ist ein Fremder im Libanon. Kein Drang zu Glitzer und Glanz, wie er zwischen den verspiegelten Wolkenkratzern der Beiruter Innenstadt, in den Nachtclubs und überteuerten Restaurants im Ausgehviertel Gemaize oder am mediterranen Jachthafen der libanesischen Hauptstadt zu finden ist.

Auch der Botschafter trauert den kleinen Dingen des Damaszener Alltags nach. Das stundenlange Sitzen und Reden auf dem Hausdach am Abend – mit Freunden, Rauchwerk, Tee und Kartenspiel; die Taubenzucht, ein Hobby, das zur Rivalität zwischen Männern einlädt; das Erzählen von Geschichten über längst vergessene Liebschaften und märchenhafte Erinnerungen an die Jugend der urdeutschen Großmutter des Botschafters in einem schon lange untergegangenen Teil des Orients. Das ist es, was ihn umtreibt.

An diesem deutschen Botschafter ist wenig bis gar nichts „Botschafterhaftes“. Keine Politik, kein Hofstaat, keine erkennbaren Terminprobleme und Zugangskontrollen, keine Bodyguards, die Abu Rita eigentlich zu Boden reißen müssten, wenn er Abu Jürgen in einer der letzten Szenen ein blaues Auge und einen Kinnhaken verpasst. Würde man den Botschafter lassen, dann würde er bunte Kaugummi, Klebebildchen und Zigaretten an einem Kiosk verkaufen oder mit einer Kanne Tee den Tag im Sonnenschein vertrödeln, auf einem der Betonwürfel im Eingangsbereich seiner Botschaft sitzen und diskutieren. Anders gesagt: Abu Rita skizziert sein Gegenüber als einen „Bruder“ – er wird so auch von ihm angesprochen –, der in seinem deutschen Behördenapparat und im Vorschriftendschungel des Visumsrechts mindestens genauso verloren zu sein scheint wie Abu Rita selbst.

So ist es konsequent, dass, wann immer das Thema des Visumsantrags aufkommt, der Botschafter nur abwinkt oder Abu Rita hinters Licht führt, denn es ist kaum zu glauben, dass er ihm gleich einen Platz als Copilot in einem Charterflug nach Deutschland beschaffen würde. Gegen Ende des Buches hin ist es auch der Botschafter selbst, der das offenbar irgendwann einmal zum Antrag nachgereichte Approbationszeugnis von Abu Rita verlegt und ihn auch noch mit den Worten zu trösten versucht, dass dieser in Deutschland auch ohne seinen Abschluss sicherlich als Zahnarzt arbeiten könne. Nichts ist weiter von unserer bürokratischen Realität entfernt.

Diese Männerfreundschaft ist kein kaltes Zweckbündnis und hier wird auch nicht die Genese eines wirklichen Verwaltungsverfahrens beschrieben. Sie ist vielmehr urkomisch in ihrer Verspieltheit und sehr weit weg vom echten Behördenalltag in Zeiten der „syrischen Flüchtlingskrise“. Selbst in einer der stärksten und handfestesten Szenen, in welcher der Botschafter Abu Rita von Deutschland aus anruft, um aus erster Hand mehr über die Ziele, Wünsche und Wege „des Syrers-an-sich“ zu erfahren – denn schließlich würden seine syrischen Landsleute ja zur Zeit in großer Zahl nach Deutschland strömen –, selbst in diesem Moment ist die Unterhaltung am Telefon ein Gespräch zwischen Gleichgesinnten und Gleichrangigen. Rein aus Behördensicht gesehen, bleibt sie daher auch sinnlos und ohne Ergebnis. „Nutzen“ im Sinne einer kühlen Mittel-Zweck-Relation entfaltet sich hier nicht.

Aber eigentlich ist das auch richtig so. Abu Rita kämpft über Facebook und per Twitter für sein Visum und immer wieder werden die kurzen Begegnungen zwischen ihm und dem Botschafter von drei oder vier Sätze langen „Wasserstandsmeldungen“ und Minikapiteln unterbrochen, in welchen Abu Rita manchmal frustriert und niedergeschlagen, manchmal in freudiger Erwartung hofft, dass es nun bald funktioniere und dass die Ausreise für seine Familie und ihn bevorstehe.

Aber ein Visum für Deutschland ist nun einmal kein Gnadengeschenk eines Botschafters. Es ist – im gruseligsten und damit schönsten Beamtendeutsch – an den Nachweis der „familiären und finanziellen Verwurzelung“ im Heimatland geknüpft, und die beteuert Abu Rita selbst nicht zu haben, denn er macht ja von Anfang an deutlich, dass er mit seiner Familie den Libanon verlassen und dorthin mitnichten zurückkehren will.

Alternativ wäre ein solches Visum vielleicht noch in Form einer „humanitären Aufnahme“ denkbar. Aber dann entscheidet im deutschen Behördendschungel nicht der Botschafter, sondern das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Wenn es also ausschließlich erklärtes Ziel von Abu Rita wäre, sich zum Zwecke der Visumserschleichung an den Botschafter „heranzuwanzen“, dann wäre das sinnlos.

Aber all das sind bürokratische Feinheiten, welche weder Abu Rita noch Abu Jürgen, der Botschafter und Behördenleiter, zu sehen und zu begreifen scheinen und um welche es in der leicht und flüssig erzählten Geschichte eigentlich auch nicht geht. Denn für die beiden Männer und auch für den Autor selbst steht etwas anderes im Mittelpunkt.

Es geht um Heimweh – so viel Heimweh nach Syrien, gepaart mit so viel Trauer um die Toten der demokratischen Revolution, die Auseinandersetzungen im Flüchtlingslager Yarmouk, die gescheiterten Träume und Ideale, die Zerstrittenheit der syrischen Opposition, den furchtbaren Aufstieg des „Islamischen Staates“ und eben auch die Erinnerungen an einen Damaszener Alltag und eine Kindheit in Deir ez-Zor voller Szenen kleinen Glücks.

Am Ende möchte man Abu Rita ein Visum einfach geben. Denn bei so viel Liebe im Angesicht der Krise scheint die Rückkehr nach Syrien nicht ausgeschlossen. Es ist ihm von ganzem Herzen zu wünschen, dass dies eines Tages möglich wird.

Abu Jürgen. Mein Leben mit dem deutschen Botschafter. Von Assaf Alassaf. Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl. mikrotext, Berlin, 2015.



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