Künstler auf Koks

von Carmen Eller

Was bleibt? (Ausgabe I/2016)


Drei Dinge braucht der Musiker Ali für einen gelungenen Abend: Koks, ­Alkohol und Sex. Wenn dann noch Kumpel Dari in der New Yorker Bude iranisch kocht, schmeckt das Leben sogar ein bisschen nach Heimat. Ansonsten ist Dari „ein Schnorrer erster Güte“. Er raucht seinen Freunden die Zigaretten weg und vergnügt sich in deren Betten mit Frauen. Ali nennt ihn einen „Sexjunkie“ und „selbsterklärten Koitus-King“.

Eine schnodderige Sprache, viel Sex und noch mehr Drogen – das sind die Eckpfeiler von Ali Eskandarians Buch „Die goldenen Jahre“. Der Roman spielt meist on the road. Für Ali und seine ebenfalls iranischstämmigen Bandkollegen geht es nach Dallas, Los Angeles, San Francisco. So schnell wie die Schauplätze wechseln auch die Stimmungen und Sexpartner des Erzählers. Doch nicht alles ist Rock ‘n‘ Roll. Das zeigen schon kurze Rückblenden in seine iranische Kindheit.

Wie das Leben seines Erzählers Ali spielt auch das Leben des Autors auf mehreren Kontinenten. Geboren 1978 in Florida, wuchs der Musiker Eskandarian in Teheran auf, bevor die Familie Anfang der 1990er-Jahre in die USA emigrierte.

2013 wurde Eskandarian in Brooklyn erschossen. Mit ihm starben zwei Mitglieder der iranischen Exil-Band The Yellow Dogs. Kurz davor, so der Berlin Verlag, hatte er „Die ­goldenen Jahre“ einem Freund anvertraut.
Der Roman wirft Schlaglichter auf ein prekäres Künstlerleben, in dem sich der Einwanderer Ali „gigantische Luftschlösser“ baut. Doch er ist gefangen in einem destruktiven Kreislauf aus Kiffen, Saufen, Gammeln. Ali hat gelernt: „Für jede Tür, die du aufstößt, schlägt man dir eine vor der Nase zu.“ Kapitel für Kapitel geht es von einem Rausch zum anderen: „Ich bin stoned und betrunken, schon wieder. Da gibt es nicht viel zu berichten.“

Literarisch ist das nicht immer sehr ergiebig. Der Roman lebt von seiner Erzählerstimme, die zwischen Ernüchterung und Melancholie changiert. Manchmal denkt man an Jack Kerouac. Eskandarian gelingen starke Sätze, wenn er etwa den amerikanischen Traum dekonstruiert. So schreibt er über Dallas: „‚Big D‘ war der Einstieg in einen Tod in völliger Verlassenheit, eine Passage an den Ort, wo Träume geschreddert und zu glitzernden Lügen recycelt werden.“ Weniger originell wird es jedoch, wenn dieser angry young man pauschal und ein bisschen platt gegen Profitgier wettert, gegen Kommerz und Machtstreben.

In einer New Yorker Dienstbotenkammer beginnt er zu schreiben – viele  Songs und ein wenig Prosa: „Das war eine neue Welt, und sie stand mir weit offen.“ Auf dem Papier behält Ali die Kontrolle, im Leben entgleitet sie ihm. „Ich fühle mich wie ein blinder Passagier auf meinem eigenen Schiff“, sagt der Erzähler, der immer neue Bilder für seinen rastlosen Stillstand findet. Übersetzer Robin Detje trifft den Ton dieses Lebensgefühls.

Selbstironisch denkt der Erzähler über Beziehungen nach und das eigene Geschlecht: „Männer sind dumm und meistens muss man sie wie Kinder behandeln.“ Ohne großes Engagement, aber mit viel Dröhnung landet er in fremden Betten oder auf ranzigen Matratzen. Sex ist eine schnelle, manchmal skurrile Angelegenheit. Einmal fixiert sich Ali „auf eine langbeinige dunkelhaarige Sirene, die, wie sich bald erweisen sollte, Sackhüpffetischistin war.“ 
Ali schnupft Heroin, schluckt Speedbälle, aber trägt auch „Reisetaschen voller Träume“ mit sich. In einem Nachtclub von Dallas steht er zeitweise am Lichtpult und drei Mal pro Abend tanzt er im Alienkostüm „in einem Käfig, der über der Tanzfläche hing“. Er verführt und lässt sich verführen, er preist und belächelt die Frauen. Ein Mädchen in L.A. ist „jung und schön, Typ Zahnlücke, und dumm wie Brot“.

Sein Herz, sagt Ali, sei „voller Spinnweben“. Ein Schlüsselsatz. Denn dieser Held, der seine iranische Vergangenheit mit sich schleppt, erlebt sich selbst als zeitlosen Vagabunden, der Ziele im Blick hat, aber selten erreicht. „Die amerikanischen Wohlstandsträume (...) bleiben nicht an den schleimigen Wänden kleben.“ Die Streifzüge durch amerikanische Großstädte führen den Einwanderer Ali zuverlässig ins Nirgendwo. „Ich bin ein Immigrant, der in der Endgültigkeit des Immigrantendaseins absäuft und keine Reißzähne hat, mit denen er sich ein schönes saftiges Stück aus dem Fleisch Amerikas reißen könnte.“

„Die goldenen Jahre“ ist ein von Wut und Sehnsucht getriebenes Werk. Zwischen Alkoholräuschen und Drogendämmern erkennt Ali: „Ich brauche Liebe. Ich will nicht mehr von Ast zu Ast hüpfen, will nicht der sein, der gerade aus mir wird.“ Umso überraschender, dass dieser durchwachsene literarische Trip mit Sätzen der Hoffnung endet. Eskandarians letzte Worte lauten: „Fürchte dich nicht, vergib dir selbst und bleibe verrückt. Das Licht wartet nicht am Ende des Tunnels, es ist immer und überall.“

Die goldenen Jahre. Von Ali Eskandarian. ­Berlin Verlag, Berlin, 2015.

 



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