Muss ich programmieren lernen?

ein Gespräch mit Marta Kwiatkowski

Ich und die Technik (Ausgabe IV/2015)


Frau Kwiatkowski, sollten wir alle programmieren lernen?

Ja, vor allem Kinder sollten heute Programmieren lernen. Es ist die Sprache, die die Macht der Zukunft symbolisiert. Wenn ich programmieren kann, bin ich selbst der Programmierer und nicht der Programmierte. Ich kann die Gesellschaft mitgestalten.

Die Sprache des 21. Jahrhunderts ist also das Programmieren?

Kinder lernen Englisch schon im Kindergarten. Das war vor zwanzig Jahren noch kein großes Thema. Aber wir haben gemerkt, dass wir ein globales Dorf geworden sind und uns international vernetzen müssen. Und nun ist die globale Sprache die des Programmierens.

Auch Erwachsene und Menschen, die das nicht unbedingt für ihr Berufsleben brauchen, sollten also programmieren können?

Ja, auf jeden Fall. Das ist ein Thema, das alle betrifft. Im Gegenteil: Wenn man es zu einem Special-Interest-Thema macht, schafft man eine Mehrklassengesellschaft und schließt viele aus. Dieser Bereich sollte möglichst für alle zugänglich gemacht werden. Gerade im Alltag ist es doch relevant: Heute sind unsere Alltagsgeräte fast alle programmiert. Wenn man die Elektronik im Auto, den smarten Kühlschrank oder die 3D gedruckte Prothese selbst anpassen kann, dann gibt uns das das Gefühl, immer noch Herrscher über die Technologie zu sein und vereinfacht uns das Leben.

Was könnten wir künftig Programmieren lernen?

Wir werden vermutlich weniger in Klassenstrukturen lernen, sondern mehr ad hoc: Das, was ich gerade brauche, lerne ich. Ich muss dann vielleicht nicht die volle Ausbildung absolvieren und mit einem Master abschließen, sondern lerne nur ein Modul. Es ist auch keine Generationenfrage mehr. Die Zeiten sind vorbei, in denen wir einen einzigen Job bis zur Pensionierung ausüben.

Können wir mit diesem Wissen dann auch Gefahren der Digitalisierung besser erkennen?

Ich denke, viele Gefahren oder Ängste, die wir haben, kommen aus dem Unbekannten. Wenn wir aber bereits damit aufwachsen und programmieren lernen, erkennen wir, dass die Gefahren nicht so groß sind, für die wir sie im Moment halten. Schlicht, weil wir sie besser verstehen.

Sind wir zu unwissend im Umgang mit Digitalisierung?

Nein. Ich denke, gerade die jüngeren Leute gehen heute – mit Ausnahmen – immer bewusster damit um und wissen, was passieren kann.

Wie verändert sich unsere Gesellschaft mit der zunehmenden Digitalisierung?

Die Digitalisierung durchdringt sämtliche Bereiche des Lebens und der Gesellschaft. Die Technologie erweitert unsere Fähigkeiten, und wir verschmelzen immer mehr mit den Maschinen. Wir kommunizieren mit den Maschinen, und diese kommunizieren auch untereinander. Wir wissen gar nicht mehr, wo Technologie anfängt und wo sie aufhört. Es ist ein fließender Übergang. Sie wird zu unserer zweiten Natur.

Inwiefern verschmelzen Mensch und Maschine beziehungsweise reale und digitale Räume?

Mit der Digitalisierung sind wir nicht mehr lediglich an den Orten, wo wir physisch sind. Der mentale Zustand ist viel relevanter. Bisher waren Orte streng getrennt – sei es das Zuhause, der Arbeitsplatz oder andere Orte wie Cafés. Die Zwischenräume des Unterwegsseins sind ebenfalls nicht mehr so stark getrennt. Egal wo wir sind, sind wir immer irgendwie online, und das Berufliche vermischt sich mit dem Privaten. Wir befinden uns in einem Always-On-Zustand. Wir nehmen eine Lebensweise an, wo sich alles vermischt.

Aufhalten lässt sich der Wandel nicht ...

Nein, wir haben gar keine andere Wahl als zu entscheiden, ob wir uns die Digitalisierung zum Freund oder zum Feind machen wollen. Die Digitalisierung ermöglicht uns weniger Komplexität: Mit dem richtigen Umgang mit der Vernetzung.

Das Interview führte Young-Sim Song



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