Der Spion, der mich liebte

von Setargew Kenaw

Ich und die Technik (Ausgabe IV/2015)


Wie viele andere Teile der Welt hat auch Afrika stark von der Ausbreitung neuer Kommunikationstechnologien profitiert. Vor allem Mobiltelefone und die neuen Möglichkeiten, die sie bieten, haben etliche Lebensbereiche gravierend beeinflusst.

Handys wirken sich auch auf die Beziehungen von Paaren aus. Eine Studie, die ich 2011 mit Ehepaaren in Äthiopien gemacht habe, ergab, dass Mobiltelefone das Verhältnis von Ehepartnern erheblich beeinträchtigen, weil sie dazu verleiten, sich gegenseitig nachzuspionieren und dadurch die Kommunikation zwischen beiden so stark belasten, dass viele Ehen sogar daran zerbrechen.

Eine Konfliktquelle dabei sind die Anrufe. Die Teilnehmer meiner Studie hoben hervor, dass sie ihre Partner regelmäßig anrufen müssen und erwarten, dass ihre Anrufe direkt angenommen oder sofort erwidert werden – passiert das nicht, ist das Grund genug für einen Streit, vor allem, wenn es wiederholt vorkommt. Ein Mann Mitte dreißig erzählte, dass es ihn ärgert, wenn seine Frau nicht ans Telefon geht, wenn er anruft. Er fügte hinzu: „Meine Frau wird sauer, wenn sie mich nicht erreichen kann. Sie geht sogar so weit, ihr Telefon auszuschalten, um es mir heimzuzahlen.“ Misstrauen erzeugt Misstrauen in solchen Konfliktsituationen. Ein frisch verheirateter junger Mann beklagte sich: „Ich machte mir große Sorgen, wenn meine Frau nicht auf meine wiederholten Anrufe reagierte, denn ich vermutete, dass sie mir etwas verheimlicht.“ Mehrere verheiratete Frauen gaben zu, dass sie die neue Technik dazu benutzen, ihre Ehemänner aus der Ferne zu kontrollieren, wenn diese nicht zur erwarteten Zeit nach Hause kommen. Zu Hause überprüften die Paare dann die Anruflisten und SMS auf den Handys ihrer Partner. Doch nicht die Kontrolle des Telefons verärgerte die Ehepartner, sonder vielmehr, wenn der Partner das Telefon nicht kontrollierte. Eine Frau, die regelmäßig das Handy ihres Mannes überprüfte, war enttäuscht, weil ihr Mann sich vollkommen „gleichgültig“ zeigte und sich nicht mal die Mühe machte, auch nur einen flüchtigen Blick auf ihr eigenes Handy zu werfen. „Das macht mir zu schaffen“, sagte sie. Sie nahm infolgedessen an, dass ihr Mann sie womöglich nicht mehr liebt. Man muss vor Eifersucht brennen, wenn man verliebt ist – diese Vorstelllung besteht seit langem in vielen äthiopischen Gesellschaftsschichten.

Neben den negativen Effekten der Handys wie Spionieren und Überwachen, haben sie aber auch Vorteile mit sich gebracht – vor allem für Frauen. Durch ein eigenes tragbares Telefon haben sie mehr Macht erhalten. Sie können jederzeit mit Freundinnen und Verwandten sprechen und ihnen ihre Pläne und Sorgen anvertrauen. Eine Studie, die vor etwa sechs Jahren in Indien durchgeführt wurde, zeigt, dass Frauen seit Einführung dieser Kommunikationstechnik Frauen häuslicher Gewalt eher entkommen.

In Afrika ist das Handy für viele das erste Telefon, denn es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Festnetzleitungen. Das bedeutet, dass der Besitz eines Mobiltelefons für viele Randgruppen der Gesellschaft ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Allerdings können die Freiheiten, die diese neue Technik schafft, auch benutzt werden, um die Rechte bestimmter anderer gesellschaftlicher Gruppen mit Füßen zu treten. In einer Rede zu diesem Thema hat Amartya Sen einmal gesagt: „Einer der Nachteile der erweiterten Freiheit“ bestehe darin, dass „die Freiheit der Anderen“ beschnitten werden kann. Es gibt Fälle, bei denen wohlhabende Ehemänner ihrer Frau ein Handy schenken, nur um sie noch besser unter Kontrolle zu haben. Dementsprechend erweitern Regierungen, selbst die autoritären, das Internetangebot für die Öffentlichkeit und arbeiten gleichzeitig daran, für viele Millionen Dollar im Jahr die Freiheiten, die diese Technik bietet, zu begrenzen und einzuschränken.

Aus dem Englischen von Ulrike Becker



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