Der Blick einer Fremden

von Christina von Braun

Ich und die Technik (Ausgabe IV/2015)


Mein Vater war deutscher Diplomat in Rom. Als die Alliierten 1944 dort landeten, wurden wir, wie viele andere Diplomatenfamilien der „Achsenmächte“, zum Schutz in den Vatikan geholt. Die Gerüche von Kirchen begleiten mich seither mein Leben lang. Wir Kinder spielten in Gärten unter der italienischen Sonne; das waren paradiesische Zustände in einem geschützten Raum. Zurück in Nachkriegsdeutschland sind wir oft krank geworden, die Wohnungen waren feucht und kalt.

Die Erfahrung im Vatikan, an diesen Ort nicht wirklich hinzugehören, zog sich durch mein ganzes Leben. Das ist etwas Gutes: Als Fremde in eine Gesellschaft oder Situation hineinzugeraten, hat mir einen Blick von außen auf die Dinge gegeben. Als ich eingeschult wurde, lernte ich, dass ich auch mit Wissen in ganz andere Welten vordringen kann.

1954 wurde mein Vater nach England berufen. Ich besuchte die Francis Holland School in London, eine Mädchenschule. Dort hatte ich eine jüdische Freundin, die mich nicht zu Hause besuchen durfte, weil wir Deutsche waren. Wenn man so etwas mit neun Jahren hört, ist man in der deutschen Geschichte angekommen. Zurück in Deutschland ging ich auf ein Internat in Sankt Peter-Ording. Als ich mit meinem Bruder dort in der englischen Schuluniform aufschlug, war das Gejohle groß. Wieder waren wir Fremdkörper. Nach dem Abitur ging ich vom Dorf nach New York, wo ich während des Studiums an der New York University ein Volontariat bei den Vereinten Nationen absolvierte und erste Erfahrungen im Journalismus bei der dpa sammelte. Als ich 1969 nach Europa zurückwollte, dachte ich: „Schau’ doch mal in Paris vorbei, bevor du wieder nach Deutschland gehst.“ In Paris blieb ich zwölf Jahre, arbeitete als freie Journalistin und machte meine ersten Filme.

Ich berichtete über literarische Neuerscheinungen und tauchte in aktuelle Fragestellungen ein. Die intellektuelle Szene beschäftigte sich mit der kulturellen Psychoanalyse. Das fand sich auch in meinen Arbeiten wieder: der Versuch, Kultur als das kollektive Unterbewusste der Gesellschaft zu begreifen. Autodidaktisch entwickelte ich eine filmische Form des kulturhistorischen Essays. Außerdem begann ich, mein Buch „Nicht ich. Logik, Lüge, Libido“ zu schreiben – eine Geschichte der Hysterie als Projektion auf den weiblichen Körper. Hier habe ich mich auch mit dem jüdisch-christlichen und dem jüdisch-deutschen Verhältnis auseinandergesetzt und später mit der Geschichte des Antisemitismus im deutschsprachigen Raum.

1981 ging ich mit meinem Mann und den Kindern zurück nach Deutschland. Die Sensibilität für die Frage nach Geschlechterrollen wurde größer. Mich interessierte, wie sich bestimmte Geschlechterordnungen historisch erklären lassen. Mein Buch „Nicht ich“ erschien 1985 und wurde als Dissertation anerkannt. Ich habilitierte mit einer Mischung aus Filmen und Texten und wurde 1991 als Fellow an das kulturwissenschaftliche Institut in Essen eingeladen. Dort begann ein neuer, akademischer Austausch für mich. Zwei Jahre später nahm ich den Ruf an die Humboldt-Universität zu Berlin an. Hätte mir jemand drei Jahre zuvor gesagt, ich würde bald Professorin sein, hätte ich gesagt: „Sie haben einen Knall, dazu eignet sich mein Lebenslauf gar nicht.“ Alle wollten nach dem Fall der Mauer neu durchstarten. Es war eine gute Zeit, in Berlin anzufangen.

Das Filmemachen musste ich aus Zeitgründen aufgeben, was mich viel Herzblut kostete. Allerdings konnte ich Seminare geben, in denen die Studenten selbständig Dokumentar- und Essayfilme entwickelten. Ich wurde mit einer ganzen Reihe von Forscherinnen und Forschern zu einer der treibenden Kräfte bei der Gründung der Gender Studies an der Humboldt-Universität. Wir waren eine tolle Gruppe und es sind viele gute Freundschaften daraus entstanden. Ich wusste damals nicht, wie schwerfällig eine solche Institution sein kann. Aber diese Naivität war vielleicht auch ganz gut. 

Protokolliert von Aljoscha Prange und Fabian Ebeling



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