„Wird der Mensch auf nie gekannte Weise beherrscht?“

von Shoshana Zuboff

Ich und die Technik (Ausgabe IV/2015)


Frau Zuboff, Sie sagen, wir stehen an der Schwelle zu einer Informations­zivilisation. Was ist das?

Viele sprechen heute vom „Informationszeitalter“ oder der „Informationsgesellschaft“. Die meisten denken dabei an die digitalen Technologien, die wir zur Kommunikation und Produktion nutzen. Mein Ansatz ist anders: Ich denke, dass wir uns derzeit von einer industriellen Zivilisation hin zu einer Informationszivilisation bewegen. Das ist mehr als nur ein Technologiewandel. Die neuen Technologien produzieren zwar Informationen, aber wir Menschen müssen entscheiden, wie wir sie nutzen. Diese Entscheidungen verändert die Grundfesten unserer Gesellschaft: die sozialen Beziehungen und Machtstrukturen. Während die industrielle Zivilisation durch die Unterwerfung der Natur bestimmt war, geht es in der Informationszivilisation darum, welche Beziehung wir zur menschlichen Natur haben. Wird der Mensch auf nie gekannte Weise beherrscht werden? Wird sich die Idee des freien Willens oder des autonomen Individuums entfalten und weiterentwickeln?

Und was glauben Sie? Werden wir Bürger in dieser neuen Zivilisation die Herren oder die Sklaven sein?

Das ist die große Frage unserer Zeit! In Wirtschaft und Gesellschaft sind derzeit mächtige neue Kräfte am Werk. Sie glauben daran, dass man die Gesellschaft verbessern kann, indem man den einzelnen Menschen unterwirft. Gleichzeitig gibt es jene, die denken, dass die Verfügbarkeit von Informationen jedem Einzelnen hilft, sich zu entfalten – und Errungenschaften wie Demokratie, Autonomie oder den freien Willen zum Blühen zu bringen.

Aber Google weiß heute alles über uns! Das bedroht die Autonomie des Individuums erheblich. Werden wir die Errungenschaften der Aufklärung im digitalen Zeitalter verlieren?

Einige sagen, dass die autoritäre Herrschaft ein wahreres Abbild der menschlichen Existenz sei. Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Obwohl die Ideen der Aufklärung unser Denken erst seit wenigen Jahrhunderten bestimmen, brauchte es Jahrtausende der Aufopferung, um uns an den Punkt zu bringen, an dem wir sagen: „Jeder Mensch ist heilig.“ Heute stehen wir vor der Herausforderung, die institutionellen Praktiken und moralischen Verpflichtungen zu entwickeln, mit denen wir auf diesem immer noch experimentellen Terrain der Demokratie und der Unantastbarkeit des Individuums aufbauen können. Das ist kein einfacher Weg.

Die großen Technologiefirmen wissen nicht nur alles über uns, sie bestimmen oft auch, wie wir arbeiten oder was wir verdienen. Wer bestimmt das Wirtschaftssystem in der Informationszivilisation?

Als der industrielle Kapitalismus aufkam, bestimmte seine Form maßgeblich die Werte und Praktiken dieser Zivilisation mit. Die Unterwerfung der Natur etwa führte dazu, dass sich die Gesellschaft entlang dieser Art des Denkens und Verhaltens entwickelte und institutionalisierte. Dafür zahlen wir jetzt einen hohen Preis. Der Informationskapitalismus, der sich in unserer Zeit als dominant entwickelt, wird ebenfalls die Werte und Praktiken der Informationszivilisation formen. Aber der Informationskapitalismus ist stark umstritten.

Inwiefern?

Es gibt zwei Ansätze. Den ersten nenne ich Verteilungskapitalimus. Das Paradebeispiel ist der iPod aus den frühen 2000er-Jahren: Auf einmal konnte jeder einzelne Hörer Musik, die für die Massen produziert worden war, individuell konsumieren. Er konnte entscheiden, wie, wann und wo er seine Musik hören wollte, anstatt sich den Bedingungen der Musikindustrie und ihrem CD-Geschäftsmodell anzupassen. Viele Menschen betrachteten die neue Ausrichtung von Produktion und Konsum als einen Ausdruck der Macht des Internets als demokratisierende Kraft. Ich auch.

Und der zweite Ansatz?

Der Verteilungskapitalimus hatte einen guten Start. Aber in unseren neoliberalen Zeiten ist der Profitdruck enorm groß und so gab es nicht genug Zeit, diese neue Wirtschaftsform zu institutionalisieren. Durch den Druck der Kapitalgeber stolperte man dann in eine neue Geschäftsmethode. Sie entsprach den Ansprüchen des Marktes und beutete diese gleichzeitig als neue Profitquelle aus: Man greift Nutzerdaten im Internet ab, entwirft auf ihrer Grundlage Analysen und Voraussagen und verkauft diese an die Werbung oder wer sonst bereit ist, Geld dafür zu bezahlen. Der Erfolg dieser neuen Methode ließ nicht lange auf sich warten, und so entwickelte sich das, was ich Überwachungskapitalismus nenne. Es ist das heute vorherrschende Geschäftsmodell – jenes von Google, Facebook und den meisten anderen Internetfirmen.

Ist diese Entwicklung der Wirtschaft unvermeidlich?

Auf keinen Fall! Einer der Gründe, der den Überwachungskapitalismus bisher so erfolgreich macht, ist, dass seine Vertreter in einem rechtsfreien Raum agieren. Denn diese privaten Überwachungspraktiken gab es in diesem Ausmaß bisher nicht. Doch das demokratische System kann Gesetze und Regelungen erlassen gegenüber diesen neuen Prozessen, weil diese zutiefst antidemokratisch sind. Wenn es einmal neue Regelungen gibt, wodurch die Einnahmen der Überwachungskapitalisten in Gefahr geraten könnte das den Raum und die Zeit für eine gesündere Entwicklung des Kapitalismus eröffnen.

Was für Regeln brauchen wir?

Viele Menschen fangen an, Googles Suchfunktion infrage zu stellen. Als Google sie entwickelte, hat es sich einfach das Recht genommen, Informationen von Webseiten abzugreifen und so zu indexieren, als ob dies einer neutralen wissenschaftlichen Ordnung entspräche. Tatsächlich aber wissen wir heute, dass der Index sehr subjektiv ist, und zwar so, dass er Googles Interessen entspricht. Jetzt, da wir diese Mechanismen verstehen, können wir sie mehr und mehr anfechten. Nehmen Sie zum Beispiel „das Recht auf Vergessen“. Die bahnbrechende Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs im Mai 2014 hat Google dazu gezwungen, Ergebnisse aus seiner Suchmaschine auf Anfrage zu entfernen. Diese Entwicklung begann damit, dass einfache spanische Bürger vor Gericht zogen, und endete damit, dass sich Google dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs beugen musste. Die Demokratie hat damit das Recht im Angesicht etablierter und lukrativer überwachungskapitalistischer Praktiken behauptet.

Trotz des NSA-Skandals, der das riesige Ausmaß gezeigt hat, mit dem durch digitale Technik gegen Bürgerrechte verstoßen wird, scheint für die meisten Menschen die digitale Überwachung ein akzeptierter Teil des Lebens zu sein.

Die Aufgabe scheint gewaltig. Aber Edward Snowden hat viele auf die Schwere des Problems aufmerksam gemacht. Wenn wir uns auf unsere Souveränität als demokratische Bürger besinnen, können wir den Überwachungskapitalismus in eine Sackgasse führen. Neue Gesetze werden Raum für andere Arten von Wettbewerb und wirksames kollektives Handeln schaffen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass der Trend zur Überwachung umkehrbar ist.

Welche Menschen oder Organisationen sind hierfür wichtig?

Sehr viele! Institutionen in Politik, der Zivilgesellschaft, der Wissenschaft und sogar in der Wirtschaft! Ich nenne sie „epochale Führer“: Menschen wie Edward Snowden, Frank Schirrmacher, Martin Schulz oder Mathias Döpfner gehören dazu. In den USA gibt es auch das Electronic Privacy Information Center (EPIC), das auf juristischem Weg gegen die großen Internetfirmen vorgeht und Druck auf die Regierung ausübt.

Demokratische Prozesse dauern allerdings sehr lange. Können die institutionellen Veränderungen überhaupt mit dem Innovationstempo der Überwachungskapitalisten mithalten?

Die Demokratie hinkt immer etwa ein Jahrzehnt hinterher, vielleicht etwas mehr. Das demokratische System ist so aufgebaut, dass es nur langsam agieren kann, aber es soll ja eben auch die Handlungsgrundlagen so verändern, dass sie nachhaltig und dauerhaft sind. Denn sie beruhen auf unseren innersten Werten. Wir sollten nicht vergessen, dass der Überwachungskapitalismus vor 13 Jahren noch nicht einmal entdeckt war. Er steckt noch in den Kinderschuhen. Wir müssen uns dieser Herausforderung stellen. Und wir können sie meistern.

Das Interview führte Rosa Gosch

 



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