Kein Grund zur Panik

von Tim Cole

Ich und die Technik (Ausgabe IV/2015)


Es ist chic geworden, dem Internet und der digitalen Vernetzung die Schuld für allerlei Übel der Menschheit zu geben. Kulturpessimisten rufen wahlweise die „kognitive Krise“ aus, wie Frank Schirrmacher einst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, diagnostizieren eine „digitale Demenz“, wie der Nervenarzt und Bestsellerautor Manfred Spitzer, zeichnen eine düstere Zukunft, die „uns nicht braucht“, wie der amerikanische „Informatik-Künstler“ Jaron Lanier, oder stellen wie der Wirtschaftsjournalist Nicholas Carr die nur scheinbar provozierende Frage: „Wer bin ich, wenn ich online bin, und was macht mein Gehirn so lange?

“Kulturpessimisten hat es immer gegeben. Sokrates beklagte den Schaden, den die aus Ägypten eingeführte Erfindung der Schrift verursache, weil die Menschen nichts mehr auswendig lernten und ihnen damit „das Vergessen in die Seele gepflanzt“ würde. Der britische Philosoph Robert Burton warnte im 17. Jahrhundert die Leser seiner Schrift „Die Anatomie der Schwermut“ vor der Flut von Büchern, die durch die Erfindung der Druckerpresse ausgelöst worden sei und die offenbar zu einer Frühform des „information overload“ geführt habe – zu einer  Art analoger Überforderung. Kulturpessimisten sehen die Informationsgesellschaft aber viel zu simplizistisch, nämlich als eine rein mechanistische Welt und den Menschen als eine Maschine, die zusammenbricht, wenn man ihr zu viele Informationen zumutet. Er hört dann angeblich auf, selbständig zu denken und torkelt nur noch fremdgesteuert durchs Leben.

Wir programmieren unsere Gehirne ständig neu. Das ist ganz normal und ganz natürlich. „Jedes Mal, wenn wir ein neues Faktum lernen oder uns eine neue Fähigkeit aneignen, ändert sich die Verdrahtung unseres Gehirns“, schreibt Steven Pinker, Psychologie-Professor in Harvard, in der New York Times. Aber neuronale Plastizität bedeutet nicht, dass unsere Gehirne Tonklumpen sind, die durch Erfahrungen in eine neue Form gepresst werden. Erfahrung vermindert nicht die grundlegende Fähigkeit des Gehirns zur Verarbeitung von Informationen. Im Gegenteil: Sie befördert sie!

In einer digitalen Welt, in der Dinge wie Transparenz, Offenheit und Autonomie zu immer wichtigeren Grundwerten werden, ist der Mensch selbst gefragt, die Rahmenbedingungen festzulegen, unter denen er leben will. Der Wahlspruch der ersten, der bürgerlichen Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts, hat sich auch in ihrer digitalen Reinkarnation seit Immanuel Kant nicht verändert: „Sapere Aude! – Wage es, selbst zu denken!“

Digitalisierung und Vernetzung haben bereits unsere Art zu leben und zu arbeiten, zu kommunizieren und zu lernen nachhaltig verändert. Nun schicken sie sich an, auch unser Denken und Empfinden „zukunftsfähig“ zu machen. Digitale Aufklärung ist heute deshalb so wichtig, weil sie uns in die Lage versetzt, diesen Prozess nicht nur zu erleiden, sondern aktiv zu gestalten.

Normalerweise kommen neue Denkweisen zustande, wenn sich gesellschaftliche, wirtschaftliche oder andere materielle Verhältnisse so grundsätzlich ändern, dass sie mit herkömmlichen Begriffen und bislang gültigen Denkstrukturen nicht mehr erfasst werden können. Wenn sich also das, was wir „Wirklichkeit“ nennen, so fundamental wandelt, dass wir unsere Lebensverhältnisse neu daran anpassen müssen, dann müssen wir mit unserem Denken wahrscheinlich auch unseren gesamten Lebensplan neu ausrichten.

Anders als die Vordenker der klassischen Aufklärung können sich deren digitale Nachfolger keine geruhsame Reflexion mehr leisten. Die digitale Aufklärung muss sich immer wieder der Herausforderung einer permanenten Beschleunigung dessen stellen, was wir Wirklichkeit nennen und als solche erleben. Es geht darum, das Bild von uns selbst immer wieder an eine sich dynamisch entwickelnde und ebenso erlebte Wirklichkeit anzupassen. Digitale Aufklärung setzt die Fähigkeit zur Reflexion in Echtzeit voraus.

Rilke hatte recht, als er in dem Gedicht „Archaischer Torso Apollos“ meinte, es könne nicht nur darum gehen, das Denken an neue Realitäten anzupassen, sondern darum, das eigene Leben zu verändern.

Wir sind bereits heute immer und überall erreichbar, und das Ende der Entwicklung hin zu mobilen, tragbaren oder sogar implantierten Endgeräten ist noch nicht abzusehen. Wird der Mensch angesichts der totalen Digitalisierung überhaupt noch in der Lage sein, einmal vollständig abzuschalten?

Die Antwort ist einfach: Warum sollte er? Die digitale Welt ist ja die Welt, in der er in Zukunft leben wird. Klar kann man abschalten: Jedes Smartphone hat einen entsprechenden Knopf dafür. Aber Abschalten ist so, als würde man heute einen Stummfilm anschauen. Man mag dem vielleicht eine gewisse Form von ästhetischer Befriedigung abgewinnen. Aber man ist, wenn man ehrlich ist, doch ganz froh, wenn der Ton wieder läuft. Schließlich fehlt eine komplette Dimension des Erlebens.

Vergessen wir auch nicht: Es hat damals auch Menschen gegeben, die lautstark gegen die Einführung des Tonfilms protestiert haben. Gott sei Dank haben wir ihnen damals nicht zugehört.

Ähnlich verhält es sich heute mit der neuen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Transparenz, die das Internet uns beschert hat. Viele sehnen sich zurück in eine Zeit, in der es noch möglich war, sich „ins Private“ zurückzuziehen, als ob Privatheit immer und zu allen Zeiten eine erlebbare Dimension gewesen wäre. In Wirklichkeit lebte der Mensch jahrtausendelang in dörflichen Stammesgemeinschaften – und in einem Dorf gibt es bekanntlich keine Geheimnisse. Da weiß jeder alles vom anderen: Wer er ist, wo er sich gerade befindet, was er macht und mit wem.

Im Dorf gibt es aber auch ein Regulativ: die Diskretion. Man stellt sich nicht auf den Marktplatz und posaunt die intimsten Details über seine Nachbarn heraus, weil man weiß, was geschehen würde: Mord und Totschlag. Die dörfliche Ordnung wäre gestört, und das will man nicht.

Vielleicht brauchen wir im Internet-Zeitalter eine Art „digitaler Diskretion“ – einen Satz von „Spielregeln“, an den sich die meisten halten, wenn sie als Mitglieder der Gesellschaft im digitalen Dorf akzeptiert und ernst genommen werden wollen. Und wenn  sie es nicht tun, dann gibt es Mittel und Wege, solche Störenfriede (wir nennen sie neudeutsch „Trolle“) kaltzustellen: einfach ignorieren, die Kommunikation mit ihnen verweigern. Wir können sie auf unsere Sperrlisten setzen oder ihr Verhalten an die Betreiber von Facebook, Skype oder YouTube melden. Neulich tauchte auf Google+ eine infame Landkarte auf: Sie zeigte den Standort von hunderten Flüchtlingsheimen in Deutschland. Es dauerte keine zwei Tage, da war diese Karte verschwunden, jedenfalls aus ?Goo­gle+. Und die Welle der Entrüstung, die sie auslöste, habe zumindest ich als Bestätigung dafür empfunden, dass die Mehrzahl der Internetnutzer durchaus noch Begriffe wie „Toleranz“ oder „Menschlichkeit“ in ihrem Vokabular führen.

Der digitale Branchenverband eco hat neulich das Jubiläum „10 Jahre Internet in Deutschland“ ausgerufen. Uns kommt das vor wie eine lange Zeit. Dennoch stehen wir mit der Digitalisierung und Vernetzung von Alltag und Arbeitsleben noch ganz am Anfang. Es sind die Tage des Wilden Westens, aber die gehen auch mal vorbei. Die Farmer werden kommen und Zäune bauen, Eisenbahnen werden das Land erschließen und Gesetz und Ordnung werden einkehren. Aber diese Regeln und Werte werden wir uns selbst schaffen müssen: Niemand kann es für uns tun.

Digitale Aufklärung setzt Selbstverantwortung und Selbstbestimmung voraus. Wir werden uns von späteren Generationen daran messen lassen müssen, ob es uns gelungen ist, den Übergang von einer analogen zur digitalen Gesellschaft souverän zu meistern und eine Welt  zu schaffen, in der Digitalität mehr Segen als Schaden stiftet. Kulturpessimismus hilft uns da nicht weiter: Ich bin jedenfalls optimistisch, dass wir es schaffen werden. Weil wir es müssen.



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