Wikipedia ohne Internet

von Arnab Datta, Rahul Gairola

Ich und die Technik (Ausgabe IV/2015)


Indien hat nach den USA und China die meisten Internetnutzer der Welt. Aber nur zwanzig Prozent der Menschen haben einen Internetzugang. Das bedeutet, dass von den 4,4 Milliarden Menschen weltweit, die noch offline sind, 25 Prozent in der größten Demokratie der Welt leben. Wissensarchive wie Wikipedia wachsen unentwegt, doch wer keinen Zugang zum Netz hat, kann von all dem zugänglichen Wissen nicht profitieren. Besonders in ländlichen Gebieten Indiens fehlt die Infrastruktur aus Funknetzen und Verbindungsschnittstellen wie Wireless Access Points, anhand derer man kabellose Internetverbindungen einrichten könnte. Heute gibt es jedoch genügend Möglichkeiten, dieses Wissen auch ohne Internetverbindung abzurufen. Dort setzen wir an.

Eine Untersuchung der indischen Telekommunikationskontrollbehörde zeigt, dass in den nächsten zehn Jahren mehr als eine Milliarde Menschen, also fast alle Bewohner Indiens, ein Mobiltelefon besitzen werden. Nur die Hälfte von ihnen wird in dieser Zeit einen Internetzugang über WLAN- oder Mobilfunknetze bekommen. Die neue Generation der Mobiltelefone beinhaltet sogenannte Flash-Speicherchips, wie man sie zum Beispiel in USB-Sticks vorfindet. Die Chips in Telefonen haben eine hohe Speicherkapazität und könnten, genauso wie USB-Sticks, tragbare Wissensarchive werden, ganz ohne Internetzugang. Solche Archive ohne Hypertext aufzubauen – jenes Verlinkungssystem, das auf eine Verbindung zum Netz angewiesen ist, wie Wikipedia –, erscheint auf den ersten Blick wenig intuitiv, ist für unsere Forschungsgruppe aber eine logische Konsequenz. Wir ziehen sie aus den technologischen Gegebenheiten auf dem Land und den absehbaren Trends.

Wir haben zwei Visionen: Erstens, junge Menschen in ländlichen Gegenden für den Umgang mit neuen Technologien zu sensibilisieren und ihnen dabei auch Bildungsinhalte zu vermitteln. Zweitens wollen wir sie auf den Umgang mit dem Internet vorbereiten, den sie bekommen, sobald die Infrastrukturen auch in ihre Gegenden vorgedrungen sind. Im Rahmen des Regierungsprogramms „Uplift Rural India“ wurden uns fünf Dörfer in der näheren Umgebung zugewiesen, wo wir unsere Ideen ausprobieren können. Wir vereinen also Wissensvermittlung mit der Nutzung neuer Technologien.

Avinanda Nath, eine Forschungskollegin, untersucht, wie man zum Beispiel Disneys Verfilmung von Rudyard Kiplings Dschungelbuch pädagogisch in ländlichen Gebieten einsetzen kann. Der Film spricht Kinder an und vermittelt ethische und moralische Werte, für die Kiplings Werk bekannt ist und die die Gesellschaft Kindern früh vermittelt. Jugendliche könnten sich später mit der Trickfilm-Umsetzung des Buches auseinandersetzen und hinterfragen, wie bestimmte Repräsentationsformen zur Stereotypenbildung führen können. Von einem Flash-Speicher und einem Beamer aus kann man ihn zum Beispiel auf eine Wand projizieren; so können ihn viele Menschen anschauen. Power-Point-Präsentationen, Vorlesungen und Übersetzungssoftware können ebenfalls auf Mobiltelefonen und Flash-Speichern gespeichert werden.Wir kommen aus den Bereichen Mikroelektronik und Kommunikation sowie den vergleichenden Literaturwissenschaften und der kritischen Theorie. Unserer Ansicht nach kann die Kombination der Forschungsziele dieser Fächer das drängende Problem der digitalen Inkompetenz der Menschen im ländlichen Indien lösen. Die Verbindung unserer Forschungsfelder ist ein Teil dessen, was man „Digital Humanities“ nennen kann. Wir sehen es als unsere digitale Verantwortung an, mit den verfügbaren technologischen Ressourcen Menschen zu erreichen, die bisher wenig über neue Technologien wissen. Unsere transdisziplinäre Forschung wird digitale Kompetenz in den abgelegensten Teilen des Landes ermöglichen. Erst einmal fangen wir mit fünf Dörfern an. Das Prinzip lässt sich aber auf viele marginalisierte und unterentwickelte Regionen, nicht nur in Indien, sondern auch überall auf der Welt, übertragen.

Protokolliert von Fabian Ebeling
Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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