Wer glaubt noch an Autoritäten?

von Ethan Zuckerman

Ich und die Technik (Ausgabe IV/2015)


Das 21. Jahrhundert ist bisher eine schwere Zeit für mächtige Institutionen in demokratischen Gesellschaften – Regierungen, Parlamente, Banken, Unternehmen, die Presse, Kirchen. Die Finanzkrise von 2007/2008 hat das Vertrauen in Banken und große Unternehmen zerstört, genauso wie in die Fähigkeit von Regierungen, diese zu regulieren. Die Missbrauchsskandale der katholischen Kirche haben bei vielen Menschen das Vertrauen in die organisierte Religion zerrüttet. Die sozialen Medien haben die Macht der Presse untergraben, denn heute kann jeder mit seinem Mobiltelefon die neuesten Nachrichten verbreiten. Und in ganz Nordamerika und Europa spricht man vom Vertrauensverlust in Regierungen.

In den USA hat das Misstrauen gegenüber staatliche Autoritäten zu einem sonderbaren Präsidentschaftswahlkampf geführt, in dem die provozierendsten Kandidaten – der Geschäftsmann Donald Trump und Bernie Sanders, der linksgerichteteste Politiker im Senat derzeit – die Berichterstattung und die Vorwahlen dominieren.

In Europa hat die Enttäuschung über die Europäischen Union zu einem Niedergang der Wahlbeteiligung geführt und zum Erstarken von nationalistischen Parteien. In dieser Zeit, in der der Vertrauensverlust gegenüber der Politik Normalzustand geworden ist, suchen die Menschen nach neuen Führern und Bewegungen, die einen Wandel versprechen.

Manche Menschen gehen auf die Straße. Protestbewegungen wie Occupy sehen sich oft in der Tradition der Aufstände des Arabischen Frühlings, als sich die Menschen gegen ihre korrupten Regime erhoben. Doch die Ereignisse zeigen, dass es leichter ist, jemanden aus dem Amt zu jagen, als eine neue Form der Regierung zu installieren.

Aber auf die Straße zu gehen ist für viele immer noch besser als sich aus dem politischen und staatsbürgerlichen Leben zurückzuziehen. Nicht Revolutionäre, die unsere Regierungen stürzen, bedrohen die Demokratie, sondern das Desinteresse der meisten Bürger. Niedrige Wahlbeteiligungen sind in den USA endemisch und sogar in Europa, wo der Staat im täglichen Leben eine größere Rolle spielt, weist die schrumpfende Anzahl derer, die an die Urnen gehen, in eine Zukunft, in der viele Menschen sich ins Abseits des bürgerschaftlichen Lebens stellen.

Oft wird gefragt, was Regierungen tun können, um das Vertrauen ihrer Bürger zurückzugewinnen. Doch was, wenn es dazu zu spät ist? Wir leben in einer Welt, in der uns Whistleblower und Insider ständig die Fehlverhalten von großen Institutionen vor Augen führen. Eine Welt, in der flinke Start-up-Unternehmen und technische Revolutionäre gefeiert und die Institutionen, die sie stören, gefürchtet oder ignoriert werden: Wie ist in solch einer Welt sozialer Wandel möglich? Bleibt uns nur die Straße oder das Sofa?

Es gibt einen dritten Weg. Aktivisten lernen, ihr Misstrauen gegenüber Institutionen zu kanalisieren und als Antrieb für Kampagnen für einen gesellschaftlichen Wandel zu nutzen.

Regierungen wirken oft wie gelähmt, wenn es darum geht, drängende globale Probleme wie den Klimawandel anzugehen. Manche suchen durch neue Technologien und Märkte nach Lösungen. Den Elektroautohersteller Tesla kann man als Unternehmen sehen, das teure Autos an wohlhabende Kunden verkauft. Man kann die Firma aber auch als Kämpfer gegen die Erderwärmung betrachten, die deutlich macht, dass die emissionsfreien Autos der Zukunft aufregender und reizvoller sein können als die mit Treibstoff aus Erdöl betriebenen Fahrzeuge von heute.

Neue Technologien und Geschäftsmodelle zu entwickeln, mag wie ein harmloser kapitalistischer Weg des Wandels anmuten, doch es kann auch sehr radikal und rebellisch sein. Nach den Enthüllungen über die Ausspähung durch die US-amerikanische, die britische und andere Regierungen haben Entwickler damit begonnen, starke Verschlüsselungen in Produkte einzubauen, die von Normalbürgern benutzt werden können. „Signal“ beispielsweise ist eine einfach zu bedienende App für Sprach- und Textnachrichten, die Nutzern einen sicheren und praktikablen Weg bietet, sich der Überwachung zu entziehen.

Neue Systeme können in großem Maße zu sozialen Veränderungen führen, sie haben aber auch die Tendenz, selbst zu Institutionen zu werden. Google war einmal ein revolutionäres Start-up, das die Stellung des Fernsehens, der Zeitungen, Büchereien und Universitäten als Hüter des menschlichen Wissens zu untergraben drohte. Heute wird das Unternehmen zunehmend als mächtige Institution gesehen, die beobachtet und unter Aufsicht gestellt werden muss, damit Standards zum Schutz der Privatsphäre nicht verletzt werden und der Konzern seine Marktdominanz in der Werbung nicht ausnutzt.

Die Asymmetrie der Macht zwischen Individuen und großen Institutionen kann heute dadurch ausgeglichen werden, dass wir uns zusammenschließen und die Technik nutzen, um Daten zu sammeln und Muster zu erkennen. Unsere Bürgerpflicht wird es sein, Institutionen zu kontrollieren, ähnlich wie wählen zu gehen.

Mein Team am Massachusetts Institute of Technology entwickelt gerade eine Software für Mobiltelefone, die es Bürgern ermöglicht, staatliche Vorhaben auszuwählen und zu überprüfen. Mit Freunden kann man ein Team bilden und zusammen Fortschritte festhalten. Man kann etwa Fotos von neuen Baumaßnahmen und Verbesserungen aufnehmen oder Probleme wie Schlaglöcher, fehlende Straßenbeleuchtung oder marode Spielplätze melden. Unsere Software fordert Bürger heraus, Institutionen kritisch zu beobachten und die Technik zu nutzen, um ihre Interessen abzustimmen und ihnen mehr Gewicht zu verleihen. Aber wir brauchen nicht nur ein Monitoring von Schlaglöchern und gefährlichen Gehwegen, sondern auch von mächtigen Institutionen wie der Polizei, um sicherzustellen, dass Regierungen und Konzerne alle, die mit ihnen zu tun haben, fair behandeln.

Die wahrscheinlich radikalste Antwort auf den Vertrauensverlust der Institutionen ist der Versuch, eine Welt zu schaffen, die keine zentralen Schalthebel hat. Alle, die von der Onlinewährung Bitcoin begeistert sind, arbeiten an einer Welt, in der eine Währung weder Banken, noch Behörden oder Regierungen braucht. Anstatt Staaten um Garantien für den Wert des Geldes zu bitten, verlässt sich Bitcoin auf Hunderttausende Teilnehmer, von denen keiner für das Zahlungssystem federführend ist, sondern die sich den Zusammenschluss ihrer Computer zunutze machen, um Betrugsfälle aufzudecken und das mehrfache Ausgeben von Geldeinheiten zu verhindern, indem alle Transaktionen vermerkt werden. Das Zahlungssystem wurde ohne zentrale Abwicklungsstelle, ohne Anführer oder Institutionen entworfen.

Die Idee der Dezentralisierung beschäftigt viele. Netzwerkdesigner versuchen, robuste und schwer zu zensierende Netzwerke zu schaffen, in denen sich individuelle Rechner direkt austauschen, ohne über zentrale Dienstanbieter verbunden zu sein. Software-entwickler bauen, beunruhigt von der Tatsache, dass online öffentliche Räume von großen Konzernen wie Facebook und Twitter kontrolliert werden, Plattformen für Veröffentlichungen und Diskussionen, die keine zentrale Kontrollinstanz haben.

Es ist kein Zufall, dass diese neuen Mittel in einer Zeit entstehen, in der man durch digitale Medien leicht Informationen bereitstellen und austauschen kann. Doch noch scheint sich die Presse voll und ganz auf mächtige Institutionen und die Menschen, die sie lenken, zu konzentrieren: Präsidenten, Premierminister, Wirtschaftsbosse, religiöse Führer. Wir stecken in einer Welt fest, in der Institutionen immer weniger Einfluss und Relevanz zu haben scheinen, obwohl wir ständig über sie auf dem Laufenden gehalten werden. Es ist ein bisschen so, als wenn die Medien versuchen, ihren eigenen schwindenden Einfluss zu kompensieren.

Weil wir uns auf eine Welt zubewegen, in der Bürger nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb von Institutionen Wandel bewirken und Netzwerke mächtiger sind als einzelne Einrichtungen, brauchen wir Nachrichtenmedien, die uns befähigen, diese Verschiebung zu verstehen. Das sind Medien, die Gruppen und Bewegungen genauso ernst nehmen wie die Mächtigen und bemüht sind, nicht nur Geschichten über Anführer zu erzählen, sondern auch über Menschen, die zusammenarbeiten, um etwas zu verändern. Für alle, die die Welt als Ganzes verändern wollen, ist ein erster wichtiger Schritt, die Medien so zu verändern, sodass sie daran mitwirken, über neue Wege des Wandels zu berichten.

Aus dem Englischen von Karola Klatt



Ähnliche Artikel

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Thema: Demokratie)

Im Namen des Gesetzes

von Tapas Kumar Chakraborty

Eine Gruppe indischer Frauen verteidigt ihre Rechte mit Gewalt

mehr


Das ärmste Land, das reichste Land (Thema: Ungleichheit)

Wir sind Mütter, wir sind wütend

von Marie-Thérèse Boubande

Wie Frauen sich bei bewaffneten Milizen Respekt verschaffen und sich für Versöhnung einsetzen

mehr


Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern (Thema: Erfindungen)

Der 3D-Drucker

von Dale Dougherty

Die Renaissance der Produktion vor Ort: Wie wir zu digitalen Handwerkern werden

mehr


Ich und die Technik (Thema: Technik )

„Die Regierung muss die Preise senken“

ein Interview mit Amine Raghib

Der marokkanische YouTube-Star erklärt, was man mit neuen Technologien alles machen kann

mehr


Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Thema: Türkei)

Ankara-Islam

von Felix Körner

Jeder kennt Istanbul. Aber was ist eigentlich in Ankara los?

mehr


Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Thema: Demokratie)

Einparteien-Demokratie

von Yongnian Zheng

Wie sich China zwischen autoritärem System und Pluralismus bewegt

mehr