„Wir haben eine Überproduktion von Erinnerungen“

ein Gespräch mit Premesh Lalu

Ich und die Technik (Ausgabe IV/2015)


Herr Lalu, wie erinnert sich Südafrika heute an die Zeit der Rassentrennung von 1949 bis 1992?

In Südafrika gibt es derzeit eine Überproduktion von Erinnerung. Ein Beispiel: In Athlone, einem Vorort von Kapstadt, finden sich mehrere Mahnmale und Gedenkstätten. 1985 fand dort das „Trojan Horse Massacre“ statt, bei dem zwei junge Männer getötet wurden. Wenn wir diesen Ort aber nur als Schauplatz der Grausamkeit abbilden, führt das zu einem dauerhaften Erhalt des Gefühls, das Opfer von Gewalt zu sein. Die Apartheid hatte sich zuerst aber genau in diesen Räumen, die von Gewalt und Grausamkeit gezeichnet waren, begonnen aufzulösen. Dort herrschte die größte Kreativität und die Bereitschaft, Neues zu denken. Dort wurde der Traum geboren, dass die Apartheit überwunden werden kann: die Post-Apartheid.

Müssten also andere Mahnmale errichtet werden?

Kunst und die Erinnerung an die Grausamkeiten der Vergangenheit finden in Südafrika heute in geografisch getrennten Räumen statt. Ich fordere, dass Erinnerungsprozesse mit öffentlicher Kunst verbunden werden. So können sich Wege ergeben, unsere Zukunft und Gegenwart neu auszurichten. Aber Kunst gibt es heute nur an wenigen Orten im Land. In Kapstadt zum Beispiel entsteht derzeit eine neue Galerie im Hafenviertel, die das größte Museum für zeitgenössische Kunst in Afrika beherbergen soll. Diese Galerie ist von­ Athlone und seinen Mahnmalen aber weit weg. Dadurch wird das Gefühl einer geteilten Stadt wieder verstärkt.

Wieso ist die Art, wie sich Menschen an die Apartheid erinnern, so wichtig?

Weil schon heute junge Schüler, wenn sie Apartheid hören, nur an die Hautfarbe denken und nicht an das System der Bevölkerungskontrolle und -erfassung, nicht an den technischen Apparat der rassistischen Unterdrückung. Die künftige Erinnerung wird sich von unserer heutigen unterscheiden und wir müssen jetzt damit beginnen, an der Erinnerungskultur zu arbeiten. Wir müssen uns vergegenwärtigen, welche Kraft in jener Sehnsucht, jenem Verlangen nach der Überwindung der Apartheid gelegen hat. Denn diese Sehnsucht ist für uns genauso wichtig wie all die Erinnerungen an die erlittenen Grausamkeiten und die Gewalt.

Sie beschäftigen sich viel mit dem Kino während der Apartheid. Warum?

Das Kino spielte während der Apartheid im ganzen Land eine sehr bedeutende Rolle. In Athlone gab es auf einer Fläche von einem Quadratkilometer vier Kinos, die jeden Samstag von rund achttausend Menschen besucht wurden.

Welchen Einfluss hatte das Kino konkret?

Während das Regime versuchte, das Leben auf die Arbeit zu reduzieren, bot das Kino Vergnügen und Sehnsüchte. Es öffnete sich ein Raum, in dem ein neues Bewusstsein entstand. Der Widerstand war zwar kein direktes Produkt des Kinos, aber das Bewusstsein dafür wurde durch das Kino als Raum für Freiheit und Kreativität innerhalb der Apartheid-Gesellschaft mitgestaltet. Durch das Kino war es auf einmal möglich, römische Epen zu sehen und sich mit Kirk Douglas‘ Spartacus zu identifizieren.

Sie sind einer der Gründer des Handspring Trust, der sich für die Förderung des Puppentheaters einsetzt. Welche Rolle spielt diese Kunstform für die Vergangenheitsbewältigung?

Im südafrikanischen Fernsehen haben Puppenshows eine lange Tradition. Vor allem dank der Popularität der War Horses hat es sich zu einem globalen Phänomen entwickelt. War Horses sind lebensgroße Pferdepuppen, die zusammen mit dem Kollektiv Ukwanda, einer  Gruppe junger Leute aus dem Township Masiphumelele in Kapstadt, entwickelt wurden. Bisher wurden die War-Horse-Shows von rund sechs Millionen Zuschauern besucht. Eines der bedeutendsten Stücke, „Faustus in Africa“, thematisiert das Wesen des Kolonialismus. In „Woyzeck on the Highfeld“ ist die Hauptfigur ein Wanderarbeiter aus dem Johannesburg der 1950er-Jahre, der an der Gesellschaft verzweifelt. Und ein Remake des französischen Stücks „Ubu Roi“, umbenannt in „Ubu and the Truth Commission“, verhandelte 1997 die Anhörungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika.

Sie arbeiten im Puppentheater auch mit Jugendlichen zusammen.

Vor sechs Jahren haben wir ein Programm in einer ländlichen Gegend aufgelegt, in der Schwarze und Weiße immer noch getrennt wohnen. Etwa 200 Jugendliche nehmen regelmäßig an unseren Workshops teil. Am 16. Dezember, dem Tag der Versöhnung, findet eine Performance mit zwei überlebensgroßen Puppen statt. Im vergangenen Jahr wurde ein Stück zum Stand des Versöhnungsprozesses aufgeführt, in diesem Jahr wird es um Sklaverei gehen. Beim gemeinsamen Spielen lernen die Jugendlichen, miteinander umzugehen, zusammenzuleben, zusammen zu sein. Das ist ein sehr wichtiger Teil der Aufarbeitung.

Das Erbe des Apartheidsregimes ist also auch 20 Jahre nach dessen Zerfall immer noch spürbar?

Das strukturelle Vermächtnis der Apartheid ist nach wie vor überall zu sehen. An den Universitäten etwa haben wir nur wenige schwarze südafrikanische Professoren. Wir müssen viel mehr tun. Die Aufgabe nach dem Ende der Apartheid war es, ein tief von Gewalt und Tod durchdrungenes System umzuwandeln. Dies erfordert einen gewaltigen Denkprozess, der sehr viel Raum und Zeit benötigt. Denn das Perfide an der Ideologie des Apartheidregimes war ja, dass sie dieses als alternativlosen Schutzmechanismus gegen das apokalyptische Szenario einer Kollision, eines „großen Knalls“, darstellte: Wenn die Apartheid aufgehoben wird, dann bricht das Chaos aus. Die Post-Apartheid ist deshalb kein Ereignis oder eine Zeitspanne, sie ist ein stetiger schöpferischer Prozess.

Das Interview führten Timo Berger und Jan-Philipp Zychla



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