Höhenflug

von Stephanie von Hayek

Ich und die Technik (Ausgabe IV/2015)


Mit einem sensationellen Flug über den Atlantik von London nach New York im Jahre 1936 beginnt und endet der Roman „Lady Africa“, in dem Paula McLain, die Geschichte von Beryl Markham erzählt, die in mehrerer Hinsicht als Pionierin gelten darf. 1902 im englischen Leicestershire als Beryl Clutterbuck geboren, verlässt Beryl im Alter von vier Jahren mit ihren Eltern England, um nach Njoro in Britisch-Ostafrika, dem heutigen Kenia, auszuwandern. In Njoro baut ihr Vater, erfolgreicher Pferdezüchter und lebenslanges Vorbild seiner Tochter, eine Pferdefarm auf. Die 1920er-Jahre in Britisch-Ostafrika sind die Zeit von Tania Blixens „Afrika – dunkel lockende Welt“, von Adeligen und reichen Sprösslingen auf der Suche nach Abenteuer und einem Platz im Leben: „Alle wollen immer mehr. Deshalb sind wir hier“, heißt es an einer Stelle des Romans, als Beryl auf Champagner trinkende, in Seidenpyjamas gehüllte Kolonialisten trifft, die sich eitlen Spielen und dem Genuss von Kokain hingeben.

Zwei Jahre nach ihrer Ankunft in Njoro kehrt Beryls Mutter mit ihrem Sohn Richard nach England zurück. Beryl wächst „wild“ auf, der Vater hat wenig Zeit, sich um sie zu kümmern. Mit den Kindern der Kipsigis, eine der mehr als vierzig Volksgruppen Kenias, zieht sie durch das Buschland, bis Emma Orchadson, spätere Lebensgefährtin des Vaters, eingestellt wird, um das Kind zu erziehen, was – man ahnt es – nicht gelingt. Auch das Stillsitzen in der Schule fällt Beryl schwer. Mit 17 Jahren beschließt sie, Pferdetrainerin zu werden, was in der beengten Welt der Kolonie für Aufruhr sorgt.

Mit dem Erfolg der von ihr trainierten Rennpferde jedoch wächst ihr Ruhm und eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit. McLain beschreibt Beryls Umgang mit Pferden, ihre Liebe zu ihnen, sie folgt Beryls Leben chronologisch, ihrer Kindheit, ihren drei Ehen und ihrer lebenslangen Liebe zu Denys Finch Hutton, Geliebter der Schriftstellerin Tania Blixen. Denys, Abenteurer und Jäger, führt Beryl mit einem Gedicht von Walt Whitman zur Literatur, durch ihn entdeckt sie auch das Fliegen, und während Denys in Tania die Geschichtenerzählerin liebt, scheint ihn an Beryl das „Wilde“ anzuziehen.

Beryl Markhams Biogra-phie bietet reichlich Konfliktstoff, doch die Autorin nutzt ihn nicht, um Spannung in ihre Erzählung zu bringen, knapp werden diese Konflikte dargestellt: Da ist der Weggang der Mutter, die sie erst im Erwachsenenalter wiedersehen wird, und die Flucht aus ihrer ersten Ehe mit dem zum Alkohol neigenden Farmer ­Jock. Als Beryl ihren einzigen Sohn Gervase in London bei den Eltern ihres zweiten Mannes Mansfield Markham zur Welt bringt, wiederholt sich das Initialtrauma ihres Lebens, reinszeniert nur mit vertauschtem Ort und Geschlecht. Beryl wird gezwungen, ihren Sohn bei der ungeliebten Schwiegermutter in England zurückzulassen.

Warum diese ansonsten durchsetzungsstarke und mutige Frau um ihren Sohn nicht kämpft oder kämpfen konnte und die Ehe mit Markham plötzlich nicht mehr funktioniert, erfährt der Leser nicht. Offenbar liegt es an der sehr vage angedeuteten Affäre zu Prinz Harry, Duke of Gloucester und Sohn Georges des V. Interessant ist das Verhältnis zwischen Tania Blixen und Beryl: Beide haben ein Verhältnis mit Denys Finch Hatton. Doch Beryl ist nicht etwa eifersüchtig, sondern weiß, ein Mann wie er braucht seine Freiheit.

Und dann dieser Flug! Von London nach New York, allein, als erste Frau, mitten im Krieg, abgehandelt in einem Prolog von sechs Seiten und einem zweiseitigen Epilog. Kein Kratzer, keine Zerrissenheit, keine Zweifel, Suche erst recht nicht. Wenig Drama. Etwas Einsamkeit. Wo ist Beryl Markhams Leidenschaft? Dass der wenig gesprächige Vater als Identifikation dient, erschließt sich zwar, Beryls Gegenspieler bleiben jedoch schlapp und ihre Beziehungen ebenso nebulös wie die Protagonistin selbst. Im Gegensatz zu ihren Taten wirkt die Ich-Erzählerin seltsam zaghaft und entspricht so wenig der Beschreibung von Hemingway, den Paula McLain in ihrem Nachwort zitiert. Als eine „unangenehme Person“, als „hochgradiges Miststück“ soll er Beryl Markahm bezeichnet haben.

Von Miststück jedoch keine Spur – schade, sehr schade. Meistens ist sie „eine außergewöhnliche Frau“, was man dem auf dem Buchcover abgebildeten markanten, schönen Gesicht mit den blonden Locken durchaus abnimmt, im Text indes nicht zu fassen bekommt. Die Journalistin Martha Gellhorn hat in ihrem Vorwort zu Beryl Markhams 1942 erstmals und 1983 neu aufgelegten Memoiren „Westwärts mit der Nacht“ bemerkt, dass das Gefährliche und Schwere ihres Lebens durch die sanfte Wortwahl geglättet würde.

Paula McLain hat diesen Erzählton übernommen. Spätestens ab Seite dreihundert stellt sich Langeweile ein. Die zahlreichen „Wundervolls“ nerven, zum Wort „because“ fällt der Übersetzerin einzig die Entsprechung „da“ ein. Gleichwohl kann man der Autorin danken, Beryl Markham wieder entdeckt zu haben. 

Lady Africa. Von Paula McLain. Aufbau Verlag, Berlin, 2015.



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