„Man muss den Islam nicht reformieren!“

ein Interview mit Najat El Hachmi

Ich und die Technik (Ausgabe IV/2015)


Die niederländische Politikerin Ayaan Hirsi Ali fordert in ihrem Buch „Reformiert euch!“, dass sich der Islam ändern muss. Sind Sie auch der Meinung?

Wenn Ali eine Reformation des Islam vorschlägt, halte ich das für ziemlich absurd. In dieser Art von Diskurs, den Personen wie Ali führen, wird oft eines übersehen: Der Islam ist von seinem Ursprung an eine sehr vielfältige Religion, mit diversen Abspaltungen und unterschiedlichen Sichtweisen. Allein innerhalb der sunnitischen Glaubensrichtung bestehen vier große Schulen, die sich der Auslegung der Quellen widmen. Doch in den westlichen Medien wird allzu gerne ein einheitliches Bild des Islam dargestellt. Ich denke, es geht jetzt weder darum, den Islam zu reformieren, noch neu zu gründen – was nötig ist, ist, dass Muslime und Nicht-Muslime mehr über die Vielfalt des Islam erfahren.

Haben in den multikulturellen Gesellschaften des Westens die verschiedenen kulturellen Gruppen zu wenig Kontakt miteinander?

Mir fällt auf, dass wir diesen Kontakt eher auf oberflächliche, anekdotische Aspekte beschränken, als wirklich Beziehungen einzugehen. Damit markieren wir Distanz zu anderen: Du versteifst dich auf eine kulturelle Eigenart, die du der anderen Person attestierst, und sie tut das Gleiche mit dir. Eine Zeit lang nahm dieser Hang, bestimmte Gruppen mit bestimmten Merkmalen zu identifizieren, empörende Formen an. Dabei sind diese Gruppen in sich sehr unterschiedlich. Bei den Marokkanern in Katalonien etwa gibt es eine große Bandbreite an Unterschieden in der Sprache, in der geografischen Herkunft, in der Religion.

Ayaan Hirsi Ali kritisiert die Haltung der Befürworter des Multikulturalismus und der muslimischen Traditionalisten, die sich in einem einig seien: „Mischen wir uns nicht ein, respektieren wir das Andere“.

Es ist die Gesellschaft des Aufnahmelands, die oft gerade Traditionalisten zu den Repräsentanten einer Religionsgruppe ernennt. Es gibt eine spanische Islamkonferenz, die als Vertretung der Muslime gilt, dabei haben die Muslime sie gar nicht gewählt. Dort, wo Bürger wählen und ihre Vertreter selbst bestimmen dürfen, braucht man diese Vertreter nicht für sie auszusuchen.

In Ihrem Roman „Der letzte Patriarch“ geht die Protagonistin in die Moschee und erschrickt über die Strenge des Imam. Wird der Islam in den Aufnahmeländern strikter ausgelegt als in den Herkunftsländern?

Wer in einem muslimischen Umfeld aufwächst, erlebt innerhalb der Familie, der Nachbarschaft oder im Dorf, dass Erwachsene verschiedene Arten haben, die Religion zu leben. Wenn du aber in ein nicht islamisches Land auswanderst, verengt sich dieser Horizont. Dann ist der einzige religiöse Standpunkt, den du mitbekommst, der deiner Eltern oder der von anderen ausgewanderten Muslimen in deiner Umgebung.

Reformiert euch! Warum der Islam sich ändern muss. Von Ayaan Hirsi Ali. Aus dem Englischen von Michel Bayer, Enrico Heinemann, Eva-Maria Schnitzler. Knaus Verlag, München, 2015.

Das Interview führte Júlia Bacardit.
Aus dem Katalanischen von Michael Ebmeyer



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