Zwischen zwei Flüssen

von Carmen Eller

Ich und die Technik (Ausgabe IV/2015)


Sie trägt Turnschuhe zum Brautkleid und geht auf ihrer Hochzeit mit Gast Oleg ins Bett. Sonja, die scherzt, sie habe ihren früheren, spurlos verschwundenen Ehemännern die Köpfe abgebissen, ist keine Figur aus dem Setzbaukasten für angehende Schriftsteller. Doch sie passt nach „Mesopotamien“. So heißt das neue Werk von Serhij Zhadan, in dem die ganze Welt und ein bisschen Wahnsinn zu Hause sind. „Geschichten und Biographien“ lautet der Titel des ersten Teils.

Er ist bevölkert von meist männlichen Figuren, deren Existenz so prekär ist wie die Balance ihrer Heimatstadt Charkiw. Sie sind originell wie Nastja, die von Matrosen und Bernsteinhändlern Lesen gelernt hat und deren erste Sprache Esperanto ist. Oder übermütig wie Romeo, dem der Alkohol am Abend „wie Hochwasser“ im Blut steht und der seine doppelt so alte Vermieterin verführen will. Er weiß: „Zwanzig, das ist das Alter, in dem der Teufel dich beneidet.“ Die meisten Männer in „Mesopotamien“ haben diesen Zenit allerdings überschritten und schwelgen in einem „Gefühl von verlorener Zeit“. Sie essen Schnee und trinken dazu Wein aus dem Tetrapak. Die Frauen auf der Straße riechen „nach Schlaf und Liebe“. Und in den Restaurants schließen derweil Geschäftsleute Verträge ab, „ritzten sich mit Rasierklingen und unterschrieben mit ihrem Blut.“

Die neun Texte, die jeweils den Namen einer Figur tragen, sind eine literarische Liebeserklärung an Charkiw, das wie Mesopotamien zwischen zwei Flüssen liegt. Das Buch feiert die kulturelle Vielfalt der Stadt, ist eine Hommage an ein ukrainisches Babylon. Dort, in der Stadt Charkiw, lebt auch der 1974 in Starobilsk geborene Zhadan. Er ist nicht nur der bekannteste Schriftsteller des Landes, sondern auch Musiker und politischer Aktivist.

Wer das Glück hat, ihn auf Ukrainisch lesen zu hören, spürt sofort den treibenden Rhythmus seiner Sprache. Und wenn er mit seiner Band „Hunde im Weltraum“ singt, stecken die Lyrics voller Poesie. Mögen die Figuren in „Mesopotamien“ auch oft verzweifelt sein, schlagfertig bleiben sie immer. Bob sagt: „Freunde lösen meine Probleme nicht, sondern teilen mir allenfalls ihre eigenen mit.“ Und dann gibt es noch diese besonderen Momente in „Mesopotamien“, in denen die Fiktion ins Fantastische gleitet, etwa in Form der unvermittelt auftauchenden „Zöllner für Liebe“. Man dürfe, so warnen sie, „aus diesem Leben nicht als Schuldner scheiden“: „Du musst für alles bezahlen, was du bekommen hast.“ Sie treiben jeden Monat „den nicht bezahlten Groll ein, Wut und Verbissenheit, Kühnheit und erstarrte Rachegefühle“, vor allem aber „die gesamte nicht bezahlte Liebe dieser Stadt“.

Der Roman „Mesopotamien“ enthält die meisten Zutaten, die Zhadans Prosa so unvergleichlich machen: eine stark rhythmisierte Sprache, nach Freiheit strebende Figuren, skurrile Szenen, irrwitzige Wendungen. Gleichwohl nicht in der gewohnten Intensität, die etwa seinen Roman „Die Erfindung des Jazz im Donbass“ auszeichnet. Zhadan-Fans dürfen sich trotzdem freuen. Denn in „Mesopotamien“ kommt das Beste zum Schluss.

Wenn in diesem Buch die Prosa endet, beginnt die Poesie. Unter dem ironischen Sammelbegriff „Erläuterungen und Verallgemeinerungen“ hat der Autor im zweiten Teil des Buchs Gedichte zusammengestellt. Die Verse greifen Motive des Mosaiks „Mesopotamien“ auf, variieren die Themen des Buches. Der literarische Mehrwert ist enorm. Tatsächlich beeindrucken die Gedichte mehr als die Prosa und eröffnen neue Sichtweisen auf die Geschichten des ersten Teils.

Es geht wieder einmal um alles: den Krieg, den Tod, die Dichtung, die Freiheit und die Liebe. Und manche Zeilen sind in den Zeiten des Ukraine-Kriegs besonders beklemmend: „Und dass Gott zwischen uns gestanden hat, werde ich erzählen / dass er Zwietracht gesät hat in unseren Brigaden / Uns geteilt hat nach Hautfarbe, Sprache und Namen / uns gezwungen hat, Barrikaden gegeneinander zu bauen.“ „Mesopotamien“ ist ein literarisches Zweistromland aus Prosa und Poesie. Es bewahrt die Vielfalt Charkiws als den größten Schatz der Stadt. Aber wie geht es weiter? Geschichten sind nicht zu Ende, wenn die letzte Seite geschrieben ist. Oder, wie es in einem von Zhadans Versen heißt: „Und so endet alles damit, dass es von vorn beginnt.“ 

Mesopotamien. Von Serhij Zhadan. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, Juri Durkot, Sabine Stöhr. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2015.

 



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