Das geblendete Volk

von Ludmila Petranowskaja

Russland (Ausgabe III/2015)


Es gibt weder Wahrheit noch Lüge, sondern nur Auslegungen. Nach diesem Grundsatz wird in Russland gearbeitet: In den vergangenen eineinhalb Jahren wurden die russischen Bürger und mit ihnen die ganze Welt Zeugen einer gewaltigen Propaganda- und Informationskampagne. Sie begann, als klar wurde, dass sich der Protest auf dem Maidan in Kiew in eine ernstzunehmende Bewegung entwickelte. Die Russen sind an Kampagnen gewöhnt, in denen sich Lügen häufen und Hysterie befeuert wird. Das Besondere an dieser Kampagne ist, wie überaus schlecht sie gemacht ist und welche enorme Wirkung sie trotzdem erzielt.

Einerseits sehen wir, wie fahrlässig und schlampig vorgegangen wird. Als Beweis für die Brutalität der „Kiewer Junta“ werden die unsinnigsten Geschichten über „erdrosselte schwangere Frauen“, „gekreuzigte Jungen“ oder sogar Leichen, die vor dem Start in das Flugzeug mit der Flugnummer MH17 geladen wurden, zusammengetragen. Die immer selben Schauspielerinnen spielen in „Dokumentarfilmen“ Soldatenmütter, Flüchtlinge oder Rentnerinnen. Dabei werden lediglich die Frisur und die Kopfbedeckung ein wenig verändert. Sogar das Foto der bekannten US-amerikanischen Pornodarstellerin Sasha Grey wurde zum Gesicht der Krankenschwester Sascha Serowa gemacht, die von ukrainischen Regierungstruppen gedemütigt und mit einer Axt zerstückelt worden sein soll. Urheber solcher Meldungen sind nicht nur Netzagitatoren, sondern auch staatliche Fernsehsender.

Obwohl es Hunderte nachgewiesene Fälle von Falschmeldungen und Lügen gibt, glauben die Russen den manipulierten Nachrichten. Bestenfalls sagen sie: „Na ja, unsere Medien übertreiben manchmal ein wenig, aber die ukrainischen und westlichen Massenmedien lügen noch mehr!“ Die russische Regierung bietet ihren Bürgern nicht bloße Propaganda, sondern einen ausgewachsenen Informationskrieg, ganz nach dem Grundsatz, es sei keine Schande, beim Lügen ertappt zu werden.

Um zu verstehen, warum das funktioniert, muss man sich vor Augen führen, in welchem Zustand sich Russland derzeit befindet. Die Jahre des Aufschwungs und des relativen Wohlstands von Anfang bis Ende der 2000er-Jahre gründeten sich auf den Verkauf von Öl und Gas zu einem hohen Preis. Jedoch führte diese Politik das Land in eine Sackgasse: Nachdem der Ölpreis gesunken ist, stehen wir mit leeren Händen da. Die gewaltigen Gewinne aus dem Erdölverkauf wurden in westlichen Banken deponiert, während die Hälfte der Bevölkerung noch immer ein Plumpsklo benutzt. Als der Geldsegen sich über unser Land ergoss, wurde nichts für eine dauerhafte Entwicklung getan. Unsere Probleme wurden konserviert und die Ressourcen töricht verschwendet.

Russland hat es bis heute nicht geschafft, den patriarchalischen Pakt mit den Machthabenden aufzulösen und einen Weg nach europäischem Vorbild einzuschlagen. Wandel macht den Russen Angst, denn die Demokratie fordert mehr Selbstverantwortung vom einzelnen Bürger und setzt viele bekannte Spielregeln, auf denen die Gesellschaft aufgebaut ist, außer Kraft. Viele glauben, dass sich das Land destabilisieren, vielleicht sogar zerfallen könnte.

Aber nichts zu tun ist auch kein Ausweg. Die Infrastruktur verfällt, Waldbrände wüten und Raketen stürzen ab. Der Verfall des Rubels in den vergangenen Jahren zeigt, wie trügerisch der russische Wohlstand ist, und die Sanktionen auf den Import von Lebensmitteln, die die russische Regierung als Reaktion auf die westlichen Sanktionen im Zuge der Ukraine-Krise erhoben hat, machen deutlich, wie stark Russland von der Außenwelt abhängig ist.

2011 und 2012, als die Wirtschaft sich merklich abschwächte und die schmutzigen Parlamentswahlen den respektlosen Umgang mit der Bevölkerung offenbar werden ließen, begannen sich die Russen der Probleme bewusst zu werden. Die Regierung verstand, dass sie sich immer unangenehmeren Fragen stellen müssen würde.

Vor diesem Hintergrund schlug der Maidan wie eine Bombe ein. Bei unseren Nachbarn, die eigentlich fast genauso sind wie wir und mit denen wir einen großen Teil unserer Geschichte teilen, hat es auf einmal funktioniert! Die antikriminelle Revolution siegte. Sie brachte wahre Wunder eines gesunden zivilgesellschaftlichen Engagements hervor, dessen bloßer Klang in Russland schon längst unter Zynismus und Apathie begraben lag.

Diese Entwicklungen stellten eine ernsthafte Gefahr für den Kreml dar. Wenn in der Ukraine Reformen in Gang gebracht würden und diese auch tatsächliche Erfolge verzeichnen könnten, wenn Dieberei, Korruption und politische Willkür zurückgehen würden, wäre dies durch keine Zensur oder Propaganda mehr von der russischen Bevölkerung fernzuhalten. Dafür bestehen zwischen beiden Ländern zu viele Verbindungen. Wir nutzen sogar dieselben sozialen Netzwerke. Das durfte die russische Regierung nicht zulassen. Aus diesem Grund wurde die Geschichte mit der Krim und „Neurussland“ in die Wege geleitet. Ziel war es, in den Augen der Russen Revolution mit Zerfall, Vernichtung und Bürgerkrieg in Verbindung zu bringen.

Zeitgleich schlug man den russischen Bürgern einen „dritten Weg“ vor: „Eigentlich müssen wir uns gar nicht zwischen einem risikoreichen Transformationsprozess und einem dem Untergang geweihten Abstieg entscheiden. Lasst uns einfach überhaupt nicht mehr darüber nachdenken. Denn schließlich haben wir die Krim!“

Die Krim wurde zur Ausflucht aus der Krise. Wir kommen allen Russen zur Rettung, die auf der ganzen Welt erniedrigt werden. Beschuldigen kann man am besten den Westen und Amerika. Die sind weit weg, mit ihnen in Feindschaft zu liegen ist nicht beschwerlich und sie fordern nichts von uns.

Es ist interessant zu beobachten, dass vor dem Hintergrund des landesweiten Siegespathos viele russische Bürger äußerst pragmatisch vorgehen. Wer kann, bringt sein Vermögen und seine Familie ins Ausland. Das bedeutet, dass niemand tatsächlich an irgendwelche Siege glaubt, und daher kommt die allgemeine Hysterie.

Der Informationskrieg, im Unterschied zur Propaganda, dient nicht der Vorbereitung der Gesellschaft auf den Krieg. Im Gegenteil ist er der grundlegende Prozess der aktuellen Ereignisse. Alle Kriegshandlungen sind nur ein Mittel, um den Informationskrieg zu speisen. Die russische Regierung kämpft nicht mit der Ukraine um den Donbass. Den braucht sie nicht. Der Kampf wird geführt, um die Zielgruppe zufriedenzustellen, Putins Beliebtheitswerte zu erhöhen und ihn an der Macht zu halten, ungeachtet des ökonomischen Scheiterns. Die Konfrontation mit Amerika und dem Westen ist bezeichnend. Sie ist absurd, da das Vermögen und die Kinder der russischen Eliten im Westen sind und sie selbst sich nichts mehr wünschen, als vom Westen anerkannt und geachtet zu werden. Der Krieg wird mit der eigenen Bevölkerung geführt, für und gegen sie zur gleichen Zeit.

Propaganda ist, wenn Horrorfilme über militärischen Beschuss und Zerstörung produziert werden, um die Leute zu beeindrucken. Informationskrieg ist, wenn auf Vereinbarung das Feuer eröffnet wird, damit es etwas gibt, was man dem russischen Bürger präsentieren kann. „Unseren Sieg über Debalzewo“ in den Nachrichtenprogrammen brauchte der Kreml sehr viel mehr als Debalzewo an sich.

All die leidenschaftlichen Verfechter des verlorenen Imperiums, die am liebsten schon morgen im Panzer nach Lemberg sitzen würden, sind letztendlich nur Statisten in einer größeren Inszenierung. Der eigentliche Adressat ist der Dummkopf, der auf den Moskauer Straßen mit einem auf Kredit gekauften Mercedes fährt.

Wie man gegen den Informationskrieg ankämpfen kann, ist bisher nicht klar. Ihn mit Fakten in der Hand bloßzustellen ist ein sinnloses Unterfangen. Jeder Versuch, etwas zu verbieten, ruft empörte Aufschreie nach der Meinungsfreiheit hervor. Und eine Kontrapropaganda würde ebenso viel Zynismus und Schamfreiheit fordern, wie die Propagandisten sie besitzen. Wahrscheinlich ist der einzige Weg, mit dem zu arbeiten, was den Informationskrieg effektiv macht: der Grundüberzeugung der Russen, dass die Macht des Stärkeren regiert, das Leben ein Nullsummenspiel ist, dass niemand zur Hilfe kommt und man nur von Feinden und Konkurrenten umgeben ist. Die Nachricht, dass in der Ukraine reelle Erfolge erzielt werden können und Europa sich in der schwierigen Zeit des Umbruchs solidarisch zeigt, hätte eine befreiende Botschaft für die Russen sein können.

Aus dem Russischen von Diana Klie



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