Die Auserwählten des Ostens

Walter Laqueur

Russland (Ausgabe III/2015)


Der ideologische Wandel in Russland in den letzten beiden Jahrzehnten ist einmalig in der neueren Geschichte der Menschheit. Noch überraschender jedoch ist die Tatsache, dass er im Westen nur mit großer Verspätung und nur teilweise wahrgenommen wurde. Damit meine ich nicht in erster Linie den Bürgerkrieg in der Ukraine und die russische Außenpolitik der letzten Jahre, die nur eine der Folgen dieses Wandels sind. Was sich geändert hat, geht bedeutend weiter und beeinflusst fast alle Aspekte des heutigen Lebens und der Politik.

Diese Entwicklungen ereigneten sich nicht plötzlich, wie Blitze aus heiterem Himmel. Man hatte im Westen schon seit langem die Bedeutung der offiziellen sowjetischen Ideologie überschätzt. Die Generation Breschnews (mit nur wenigen Ausnahmen) hatte keinerlei ideologische Interessen. Man war sich nicht bewusst, dass es an manchen westlichen Universitäten mehr Marxisten gab als in der ganzen Sowjetunion. Auch wusste man nicht, dass es schon seit Jahrzehnten eine halboffizielle nationalistische russische Partei in der Sowjetunion gegeben hatte, nur notdürftig getarnt. Einen Übergang vom Internationalismus zum Nationalismus gab es auch in anderen kommunistischen Ländern wie etwa China und Nordkorea, aber nirgends ist er so weit gegangen wie in Russland.

Worin besteht die neue russische Doktrin (oder Idee, wie sie häufig genannt wird)? Zunächst und vor allem in dem messianischen Glauben an eine besondere historische Bestimmung Russlands, die es nur als Großmacht erfüllen kann. Ein solcher Glauben ist keineswegs neu, sondern geht weit in die russische Geschichte zurück. In früheren Jahrhunderten war er unter anderen Namen bekannt, wie etwa die Rolle Russlands als die eines dritten Roms. Derartige Mythen hat es auch anderswo gegeben, in den Vereinigten Staaten etwa waren sie als manifest destiny bekannt. Nur eben, dass sie in Amerika und den früheren europäischen Großmächten immer schwächer wurden oder ganz verschwanden, während sie in Russland zur Staatsdoktrin wurden, erst unter dem Kommunismus und jetzt unter dem Banner eines ­russischen Nationalismus.

Der zweite Pfeiler ist die orthodoxe Kirche. Marx, Engels und Lenin sind ersetzt worden durch die Philosophen Wladimir Solowjow, Nikolaj Berdjajew und Iwan Iljin. Die beiden Erstgenannten waren bedeutende Theologen; allerdings hütet man sich heute, ihre scharfe Kritik des russischen Chauvinismus zu erwähnen, den sie wild und barbarisch nannten. Iljin dagegen ist der am häufigsten genannte, aber auch der problematischste der drei Denker. Zwar minderte sich seine Begeisterung für Hitler und den Nationalsozialismus, nachdem man ihn aus Goebbels’ Ministerium entlassen hatte, und er emigrierte in die Schweiz. Mit dem italienischen Faschismus jedoch fühlte er sich auch nach Ende des Krieges solidarisch.

Eine dritte Komponente der neuen Ideologie ist der Eurasianismus, der von einigen Mitgliedern der neuen Führungsschicht mit großer Begeisterung, von anderen mit Zurückhaltung propagiert wird. Diese Idee beruht auf Gedankengängen, die häufig in der russischen Emigration der 1920er-Jahre zu finden waren. In den letzten Jahren wurden sie in überspitzter und abgeänderter Form Teil der neuen Staatsdoktrin: Russland habe wenig oder gar nichts mit Europa gemeinsam, Europa war Russland immer feindlich gesinnt. Russland sei mehr mit Asien verbunden — vor allem den Mongolen und Tataren, mit denen es viele Jahrhunderte zusammen lebte und denen es bei der Staatswerdung viel verdankt.

Diese Theorie ist nicht nur historisch zweifelhaft, sondern lässt sich auch nicht ohne Weiteres mit der christlichen Botschaft und dem russischen Patriotismus vereinbaren. Die Tatsache, dass Russland Schwierigkeiten mit Europa hatte und hat, macht es nicht zu einer Macht asiatischen Ursprungs. Die neue Asienbegeisterung ist zudem eine recht einseitige Liebe. Russland wird keineswegs von den Völkern und Staaten Asiens als einer der ihren betrachtet. Nur etwa ein Fünftel der Bevölkerung Russlands lebt jenseits des Ural und viele von ihnen würden gern, wenn sie nur könnten, anderswo leben. Schließlich die Geopolitik und die Konfabulation. Die Geopolitik basiert seit ihren Ursprüngen auf rationalen, wissenschaftlichen Erkenntnissen, aber auch auf Wunschdenken und freier Erfindung. Bei denen, die heute in Russland Geopolitik betreiben, wie etwa der Politologe Alexander Dugin, haben die letzteren Elemente die anderen verdrängt und verdienen meist nicht, ernst genommen zu werden.

Konfabulation ist ein abnormer Zustand, von Psychiatern beobachtet und vom russischen Psychiater Sergej Korsakow erstmals beschrieben. Dieser Zustand, auch als ehrliche Lüge bekannt, bedeutet die Verbreitung von Nachrichten oder Theorien, die, obwohl gänzlich unsinnig, von denen, die sie weitergeben, durchaus geglaubt werden. Dass Menschen nicht immer die Wahrheit sagen und dass Politiker keine Ausnahme darstellen, ist bekannt. Es ist wahrscheinlich unmöglich, auch nur einen unter ihnen zu finden, der sich immer an die reine Wahrheit gehalten hat. Im Besonderen trifft das zu auf die Verbreitung von Verschwörungstheorien, die besagen, dass alles, was heute in der Welt geschieht, von kleinen Gruppen von Verschwörern geplant und durchgeführt wird. Die Zahl dieser Gläubigen soll selbst in manchen demokratischen Ländern etwa dreißig Prozent betragen, bedeutend mehr im Nahen Osten. Man findet diese Wahnideen heute jedoch im offiziellen Russland mehr als irgendwo anders. Es ist ein interessantes und wichtiges Problem, das bisher nicht genügend erforscht wurde.

Diese Schilderung der neuen russischen Ideologie oder Doktrin soll keine Polemik sein und ist schon viel detaillierter beschrieben worden. Sie leidet jedoch, dies sei ohne Weiteres zugegeben, an einer unvermeidlichen Schwäche: Ist es nicht möglich, dass heute die Bedeutung dieser Ideologie übertrieben wird, genauso wie es vor der Wende geschah? Umfragen zufolge halten über achtzig Prozent aller befragten Russen die orthodoxe Religion für einen unersetzlichen Teil ihres Seins. Wenn die Umfragen jedoch die Befolgung der religiösen Vorschriften ansprechen, dann stellt sich heraus, dass weniger als 15 Prozent der Befragten dies wirklich tun, so viel wie in den meisten europäischen Ländern, weniger als in Amerika.

Wie tief ist der Patriotismus verankert, wie viele sind bereit, ihr Leben und Gut dem Vaterland zu opfern? Hier geraten wir in die Untiefen der metaphysischen Wurzeln der russischen Innen- und Außenpolitik. Wie weit wird Putin gehen? KGB-Offiziere seiner Generation sind zur Vorsicht erzogen worden. Man hat ihnen aber auch beigebracht, dass man Gelegenheiten nutzen soll. Damit aber erhebt sich die Frage: Wie groß sind die Risiken, die man eingehen darf? Wie schwach und unentschlossen ist der Westen? Der russische Patriotismus ist zweifellos tiefer verankert als die Religiosität. Der Eurasianismus ist wahrscheinlich nicht viel mehr als eine Spielerei einer nicht großen Zahl von Intellektuellen, eine Modeerscheinung, die nicht lange dauern wird.

Der Glaube an Verschwörungstheorien dagegen geht viel tiefer und ist vielleicht unheilbar. Dazu kommt, dass man in Russland den absurdesten Erfindungen Glauben schenkt, die wirklichen Gefahren dagegen ignoriert. Man erinnere sich nur an Stalin: Aus hundert Quellen wurde der sowjetischen Regierung berichtet, dass Hitler die Invasion plante, sogar das Datum war bekannt. Aber Stalin (ein Mensch, der niemandem traute) wusste, dass das nicht stimmen konnte. Diejenigen, die ihm diese Nachrichten brachten, waren Provokateure, wurden abgesetzt und manche umgebracht. Es scheint keineswegs, dass man in Russland diese Lektion gelernt hat, im Gegenteil, Verschwörungstheorien sind heute beliebter denn je.

Daher lässt sich diese Kardinalfrage nicht wirklich beantworten. Das wichtigste Problem ist wahrscheinlich die Intensität des Glaubens an die messianische Sendung Russlands. Dieser Glaube ist keineswegs auf ein paar Extremisten beschränkt. Vor mehr als hundert Jahren schrieb der große russische Dichter Andrej Bely ein berühmtes Gedicht über Russland als den Messias des kommenden Tages, in dem diese Worte gleich dreimal hintereinander wiederholt werden und in dem von einer großen Feuersbrunst, Chaos und vor allem stichija, Naturgewalt, die Rede ist. Dieser Glaube ist nicht verschwunden, wir wissen nicht, ob er an Intensität verloren hat. Natürlich stimmt es, dass es Gegenkräfte gibt. Vor nicht allzu langer Zeit hieß es in der Sowjetunion, dass die Proletarier nichts zu verlieren haben als ihre Ketten. Heute aber trägt der neue Adel in Russland goldene Ketten. Was wird am Ende schwerer wiegen, der Glaube oder diese Ketten? Ignoramus, ignorabimus.

 



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