„Die russische Realität ist beängstigend“

von Wiktoria Lomasko

Russland (Ausgabe III/2015)


Sie haben verschiedene Gerichtsprozesse in Russland begleitet, auch jenen 2012 gegen Pussy Riot, und grafische Reportagen darüber gemacht. Wie können wir uns Ihre Arbeit im Gericht vorstellen?

Im Prinzip arbeite ich journalistisch: Vor den Prozessen recherchiere ich sehr viel, bei den Verhandlungen selbst geht es um genaue Beobachtung. Ich versuche, mich den Gefühlen der Menschen zu nähern, um sie möglichst real, als Individuen darzustellen.

Was fasziniert Sie an Gerichtsverhandlungen?

2010 berichtete ich vom Prozess gegen die Organisatoren der Ausstellung „Verbotene Kunst“, ausgelöst durch den Druck der ultrakonservativen, orthodoxen Gruppierung „Volkskirche“. Der damalige Kurator der Tretjakow-Galerie in Moskau, Andrej Jerofejew, hatte 24 Werke gezeigt, die zuvor aus religiösen, politischen oder weltanschaulichen Gründen von der Ausstellungsliste gestrichen worden waren. Ich wurde oft bedroht, zugleich entstand dadurch aber ein besonderer Drive, eine unheimliche Spannung. Zum ersten Mal erlebte ich die neoorthodoxe Gemeinde von innen. In diesem Prozess – mitten im 21. Jahrhundert – tauchten Gestalten wie aus dem Mittelalter auf. Daraus entstanden besonders starke und emotionale Bilder.

Inwiefern spiegeln solche Prozesse die politischen Verhältnisse?

Damals war Dmitri Medwedew noch Präsident. Russland war im Vergleich zu heute ein viel liberaleres und demokratischeres Land. Die Angeklagten wurden „nur“ zu hohen Geldstrafen verurteilt. Für die orthodoxen Aktivisten bedeutete das allerdings eine Niederlage.

Was war später beim Pussy-Riot-Prozess anders?

Im Gegensatz zum „Verbotene-Kunst“-Prozess war es ein Schauprozess. Dafür spricht auch, dass die drei Angeklagten Nadeschda Tolokonnikowa, Marija Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch zu harten Haftstrafen verurteilt wurden. Die orthodoxe Kirche trat hier deutlich aktiver auf. Ihr Oberhaupt, Patriarch Kyrill I., forderte öffentlich ein hartes Urteil gegen die drei Frauen.

In der Prozessberichterstattung sieht man oft Käfige, hört von Lagerhaft. Auf viele Menschen wirkt das sehr archaisch.

Die russische Realität ist seit 2014 sehr beängstigend. Da heben sich solche Prozesse nicht besonders ab.

Künstlerinnen und Künstler werden in die Illegalität oder ins Exil gedrängt. Wie lebt man zurzeit als Künstler in Russland?

Die russische Kunst- und Kulturszene ist aufgebaut wie eine Kreml-Miniatur. Überall gibt es Hierarchien, es kommt sehr darauf an, wer deine Eltern sind oder, als Frau, wer dein Mann ist. Für Nicht-Moskauer ist es sehr viel schwieriger, etwas zu erreichen und in die Netzwerke einzutreten, als für Moskauer. Wir befinden uns mitten in einer Wirtschaftskrise mit sehr hoher Arbeitslosigkeit. Das versteht selbst der einfachste Mensch in Russland. Dazu reicht auch ein Blick in meinen eigenen Kühlschrank. Da gibt es nur sehr billiges Essen in sehr kleinen Mengen. Trotz allem werde ich in Interviews oder auf Konferenzen oft gefragt: „Glauben Sie, dass Ihre Bilder die Realität in Russland und das Leben dort verändern werden?“ Nein, das glaube ich nicht.

Nervt es Sie, dass man sich als russischer Künstler heute scheinbar immer politisch äußern muss?

Ich habe das Gefühl, ständig das gleiche Interview zu geben (lacht). Aber die Fragen, die mich am meisten nerven und die umso eher aufkommen, je wohlhabender das Land ist, in dem man sie mich fragt, sind: „Wurden Sie schon verhaftet? Wurden Sie schon durchsucht oder angeklagt?“

Und, wurden Sie?

Nein (lacht).

Womit beschäftigen Sie sich außerhalb des Gerichtssaals?

Ich arbeite an einem Porträt des marginalisierten Russlands. Entstehen soll eine Art Großaufnahme, die meine Arbeiten zu den verschiedenen sozialen Gruppen zu einem Panorama zusammenfügt, das so nicht in den Medien auftaucht. Gerade arbeite ich an einer Reportage über Neofaschisten.

Wen interessieren solche Themen? Gibt es eine Nachfrage nach grafischen Reportagen?

Als ich 2008 damit begann, erntete ich noch Spott und Gelächter. Das änderte sich erst nach zwei, drei Jahren, als sich eine Art Bewegung herauskristallisierte. Mehr und mehr Künstler begannen, sich damit zu beschäftigen, und die Nachfrage stieg. In letzter Zeit ist sie jedoch fast vollständig eingebrochen. Viele Künstler wenden sich wieder konzeptueller, abstrakter Kunst oder Design zu und wandern in andere Bereiche ab, in denen es Geld zu verdienen gibt.

Woran liegt das?

Die Reportagen brauchen Zeitungen mit guten Auflagen und sind auf Verlage angewiesen. Viele oppositionelle Medien wurden geschlossen und es herrscht Selbstzensur. Man ist nicht mehr bereit, mit bestimmten Themen zu arbeiten. Ein tieferer Grund liegt in der veränderten Wahrnehmung in unserer Epoche. Informationen, die früher als neutral galten, werden jetzt als westliche oder prowestliche Propaganda verstanden.

2013 nahm der Theatermacher Milo Rau mit seinem Stück „Die Moskauer Prozesse“ den Pussy-Riot-Prozess mit Mitteln des Dokumentartheaters wieder auf. Sie waren als Gerichtszeichnerin bei den Aufführungen dabei. Ist dies ein Beispiel, dass kritische Kunst in Russland möglich ist?

Milo Rau konnte das vor allem machen, weil er kein Russe ist. Ausländer haben hier einen ganz anderen Status.

Nun möchten wir nicht nur die Schattenseiten des heutigen Russlands betrachten. Wo sehen Sie positive Entwicklungen in Kunst und Gesellschaft?

Die feministische Kunstszene ist sehr lebendig. Zusammen mit der Kuratorin Nadja Plungjan engagiere ich mich sehr stark in diesem Bereich. Die russische Gegenwart ist immer noch sehr sexistisch. Frauen haben es nach wie vor sehr viel schwerer als Männer. Doch allmählich gehen beispielsweise Journalistinnen oder Kunstwissenschaftlerinnen eher an die Öffentlichkeit, brechen Tabus, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen.

Zum Beispiel?

Die junge Journalistin Bella Rappaport kritisierte vor kurzem einen Artikel des liberalen Webmagazins „Meduza“, der sich mit Sexismus in Russland beschäftigte. Die Journalisten dieser Website kommentierten dies wiederum öffentlich mit den Worten „Schaut mal, die tjolotschka (russisch für junge Kuh/Kälbchen)“. Dieser Begriff ist total sexistisch. Es gab einen Skandal und eine öffentliche Debatte, die Journalisten mussten sich entschuldigen. Dass der Druck von Grassroots-Aktivisten zu einer öffentlichen Entschuldigung führt, ist für Russland etwas sehr Ungewöhnliches.

Was möchten Sie persönlich an Russland nicht missen?

Die russische Sprache. Als Autorin bin ich darauf angewiesen.

Das Interview führten Fabian Ebeling und Jan-Philipp Zychla
Dolmetscher: Alexander Formozov



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